Zerstörtes Kulturgut in Nepal "Letztlich ist das alles nur altes Holz"

Das Erdbeben in Nepal hat viele Altertümer schwer beschädigt. Schlampig ausgeführte Aufräumarbeiten vergrößern den Schaden noch. Doch verzweifelt sind Denkmalschützer nicht.

DPA

Aus Kathmandu und Bhaktapur berichtet Ulrike Putz


Auf dem Durbar-Platz in Kathmandu machen ein paar Freiwillige ein Feuer aus Weltkulturerbe: Seit Tagen werden hier im Zentrum von Nepals Hauptstadt die Trümmer der Tempel und Paläste geräumt, die einstürzten, als am vergangenen Samstag die Erde bebte. In den Ruinen finden die Helfer auch unzählige tote Tauben: Die Stöße kamen so schnell, dass selbst sie erschlagen wurden. Die Kadaver müssen entsorgt werden, Krankheiten drohen. Also haben die Männer einen Scheiterhaufen errichtet, auf dem sie die Vögel verbrennen.

"Die Holzteile, die die Typen da verheizen, stammen aus dem 17. Jahrhundert", sagt kopfschüttelnd ein indischer Oberstleutnant, dessen Einheit per Menschenkette das abträgt, was von den vielen zerstörten Gebäuden auf dem Durbar-Platz übrig geblieben ist. Satyendra Bhoj und seine Männer sind eigentlich hierher abkommandiert, um die weitere Zerstörung nepalesischen Kulturguts zu verhindern. Doch an Tag sechs nach dem Erdbeben ist er zu müde, um sich noch aufzuregen. "Letztlich ist das alles nur altes Holz. Der Schutz der Bevölkerung vor Epidemien geht vor", sagt der Offizier.

Eine beliebte Kulisse für Historienfilme ist zerstört

Das verheerende Erdbeben, das nach jüngsten Schätzungen bis zu 10.000 Menschen in Nepal das Leben gekostet haben könnte, hat auch unter den Altertümern des Landes schweren Schaden angerichtet. Bis zur Hälfte der als Unesco-Weltkulturerbe anerkannten Tempel und Paläste im Kathmandu-Tal wurden zerstört oder beschädigt, schätzen Experten. In den historischen Stadtkernen der nahe beieinander gelegenen Königsstädte Kathmandu, Bhaktapur und Patan bietet sich ein Bild der Verwüstung.

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Dass die lokalen Denkmalschützer und Experten angesichts dessen nicht verzweifelt sind, überrascht erst mal. Doch Rabindra Puri strahlt ruhige Zuversicht aus, als er durch die stark zerstörte Altstadt von Bhaktapur läuft: Etwa 90.000 Menschen leben in den Gassen, die bis zum Beben eine beliebte Kulisse für Historienfilme waren. Etwa ein Viertel der Gebäude sind nicht mehr bewohnbar, sagt Puri in perfektem Deutsch. Der 45-Jährige hat in Bremen Entwicklungspolitik studiert, dann machte er den Denkmalschutz in seiner Heimatstadt zu seinem Anliegen.

"Ich bin mir sicher, dass wir die Altstadt und die Tempel in fünf Jahren wieder aufgebaut haben", sagt Puri. Das alte Baumaterial - Ziegel und Holzbalken - sei zu großen Teilen wiederverwendbar, in alten Techniken geschulte Handwerker gebe es auch. "Was wir brauchen, sind Geldgeber. Das Know-how haben wir selbst", sagt Puri. Er hofft - wieder mal - auf deutsches Engagement: Dass Bhaktapurs Altstadt weltweit berühmt ist, liegt auch an deutscher Hilfe: Von 1974 bis 1987 zahlte die Bundesrepublik für die Restaurierung des Stadtkerns. "Dass nicht viel mehr kaputtgegangen ist und mehr Leute umgekommen sind, ist Deutschland zu verdanken."

Auch Kunda Dixit, prominenter Journalist und Herausgeber der "Nepali Times", mahnte am Freitag zur Besonnenheit. Natürlich hätte Nepal gerade eine kulturelle Katastrophe erlebt. "Aber uns trifft jedes Jahrhundert ein solches Erdbeben. Und jedes Jahrhundert bauen wir unsere historischen Gebäude originalgetreu wieder auf."

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Die Rekonstruktion ist nicht nur aus sentimentalen Gründen wichtig: Etwa acht Prozent der staatlichen Einnahmen stammen aus dem Tourismus. Die Ausländer kommen einerseits wegen der Berge, andererseits geben sie ihre Devisen für Eintrittskarten für Altertümer aus.

Am Durham-Platz bergen Mitarbeiter der Stadtverwaltung Kathmandus gerade Mengen von Tickets aus dem vom Einsturz gefährdeten Gebäude am Eingang zum Platz. Tausende Besucher täglich zahlten hier bis Samstag je 750 Rupien (6,50 Euro) Eintritt. "Die Tickets brauchen wir jetzt auch Jahre nicht mehr", sagt Narendra Bajracharya, Chef der für den Platz zuständigen Abteilung der Stadtverwaltung.

Bajracharya wäre dafür zuständig, die im Schutt herumliegenden Artefakte sichern zu lassen. Tatsächlich haben Soldaten in einem Innenhof das gesammelt, was sie für besonders wertvoll halten: Einen hüfthohen bronzenen Buddha-Kopf, reich verzierte geschnitzte Götterfiguren.

Chaos bei den Aufräumarbeiten

Dass gleichzeitig auf der anderen Seite des Platzes ein Feuer aus Tempelholz lodert, entgeht den Soldaten wie auch Bajracharya: Auch knapp eine Woche nach dem Beben herrscht vielerorts noch Chaos bei den Hilfs- und Aufräumarbeiten. So steht gerade eine französische Notarztstaffel untätig und frustriert auf dem Durham-Platz herum: Die letzten Verletzten wurden hier vor Tagen geborgen - irgendjemand hat die Franzosen völlig umsonst hergelotst.

Dass es bei all dem Durcheinander zu Fällen von Kunstraub kam, hält Puri zumindest im Fall Bhaktapur für erwiesen. Zwar warnen Schilder an den Trümmerhaufen auf Nepalesisch und Englisch davor, dass Plünderer mit aller Härte des Gesetzes bestraft werden würden. Aber das scheint einige nicht davon abgehalten zu haben, sich zu bedienen. "Ich bin vorhin an einem zerstörten Tempel vorbeigekommen, um dessen Dachfirst Hunderte kleiner Glocken hingen. Ich habe in den Trümmern vielleicht drei oder vier davon gesehen. Der Rest ist weg", sagt Puri.

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insgesamt 15 Beiträge
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Pfaffenwinkel 01.05.2015
1. Objektiv gesehen,
ist es tatsächlich nur altes Holz und man kann die Tempel wieder aufbauen. Die Versorgung der betroffenen Menschen hat absolute Priorität.
IntelliGenz 01.05.2015
2. der Herr gibt
und der Herr nimmt. Seit Ewigkeiten bauen die Menschen auf die Truemmer Neues. Das alte Rom ist schon 3 Stockwerke tief, waehrend das neue Rom auf dem Schutt des alten Roms gebaut ist. Ich finde es ist ein echter "Kollateralschaden", dass Altes verschwindet und Neues entsteht. Das macht doch die Natur auch. Vom vergangenen Rest gibt's immerhin noch Fotos, die kann man in einem Erdbebenmuseum ausstellen.
neu4 01.05.2015
3. altes Holz
es wird auch als altes Holz behandelt und auf grosse Haufen geschmissen. Am Ende wird es verbrannt werden. Die Handwerkskunst ist in der Region nicht ausgestorben, in Bhaktapur muessen selbst neue Gebaeude in Anlehnung an die alten Baustile errichtet werden. Was die Restaurierung wohl teurer macht, ist die Nichtverfuegbarkeit von grossen Baeumen in Nepal. Sie werden importiert werden muessen. Ansonsten ist das was die Nepalesen leisten, zum Teil ohne Werkzeug und Handschuhe enorm. Kathmandu selbst ist mit einem blauen Auge davon gekommen was die baulichen Schaeden anbetrifft. Die alten Tempelanlagen sind aber ruiniert. Sie werden nun mit neuem Holz wiederaufgebaut. Das haelt dann wieder ein paar hundert Jahre. Das alte Holz war der Grund fuer den Einsturz.
bumbu 01.05.2015
4. Die haben nicht ganz unrecht
In Kathmandu ist die Kultur lebendig. Die Menschen dort können jederzeit etwas Ähnliches neu schaffen. Das ist nicht wie der Kölner Dom, der eine ausgestorbene Tradition repräsentiert.
minsch 01.05.2015
5.
Besser es wird Weltkulturerbe verbrannt als dass die Leute an den Folgen des Bebens sterben. Wer das verhindern will, sollte mal ganz schnell dafür sorgen, dass die Menschen anderweitig versorgt werden. Es gibt gerade in Katmandu ja genug unzerstörte Gebäude und Infrastruktur, die man für eine Unterbringung und Versorgung der Menschen nutzen kann; notfalls durch Zwangsbewirtschaftung wie in Deutschland 1945. Ansonsten soll man sich nicht darüber beschweren, dass die Leute, die durch das Beben obdachlos geworden sind, nutzen, was sie haben und sei es das Holz von alten Tempeln, die eingestürzt sind. Außerdem ist es nicht gerade ratsam, die Gebäude 1:1 wieder aufzubauen, denn dann fallen beim nächsten Beben wieder zusammen. Es wäre daher sowieso sinnvoller, die Reste der alten Tempel, soweit sie von kulturhistorischem Wert sind, ins Museum zu bringen, und wenn man unbedingt meint, neue Ersatztempel zu benötigen, neue, erdbebensichere zu errichten, dabei kann man ja durchaus auch auf traditionelle Elemente, die von traditionellen Handwerkern hergestellt werden, zurückgreifen. In 1.000 Jahren werden dann die Neubauten zum Weltkulturerbe erklärt und alles ist in Butter, und zwar eine (Lebens-)sicherere Butter als bisher. Ich bin ja sehr dafür, Denkmäler zu erhalten, aber Denkmäler sind nicht wichtiger als Menschenleben, sondern weniger wert, und Naturkatastrophen sind das, was der Name sagt, und die Folgen derselben können manchmal auch dazu führen, dass es einige Denkmäler weniger gibt. Und ein Wiederaufbau ist letztlich genauso wie dieser Schwachsinn mit Namen Stadtschloss in Berlin nichts anderes als ein potemkimsches Dorf, eine Theaterkulisse, nichts anders. Es sind schlicht Repliken, das ist ungefähr so, als würde die Mona Lisa total zerstört und man würde einige Fetzen von dem Bild, die nicht zerstört wurden, auf ein neues Gemälde kleben, dann ist und bleibt die neue Mona Lisa ein neues Gemälde mit ein paar Fetzen der Mona Lisa von da Vinci und ist eben nicht da Vincis Mona Lisa, mag die Kopie auch noch so gut gemacht sein.
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