Erdbeben im Himalaya Was wurde aus... den Hilfsgeldern für Nepal?

Nach den Erdbeben in Nepal sagten ausländische Regierungen und internationale Organisationen 3,6 Milliarden Euro Hilfsgelder zu. Nun kam heraus: Die Regierung in Kathmandu hat noch nicht einen Cent davon ausgegeben.

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

AFP

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Vier Monate nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal hat die dortige Regierung noch keinen Cent der von internationalen Organisationen und Geberländern zugesagten Spendenmilliarden ausgegeben. Es seien noch nicht mal Modalitäten geschaffen worden, mit denen Kathmandu die Gelder beziehen könnte, sagte der Vorsitzende des neu gegründeten Nationalen Amts für Wiederaufbau, Gobind Raj Pokharel, am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters.

Nepal war am 25. April von einem verheerenden Erdbeben erschüttert worden, am 12. Mai kam es zu einem schweren Nachbeben. Insgesamt starben beinahe 9000 Menschen. In der Hauptstadt Kathmandu und anderen Großstädten stürzten Wohnhäuser und historische Gebäude ein, in den Bergregionen nahe des Epizentrums wurden Tausende Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind seit dem Beben bis zu drei Millionen Nepalesen obdachlos. Viele sind auf Essensstationen angewiesen, leben unter Planen und sind nur unzureichend medizinisch versorgt.

Um dem ohnehin armen Land zu helfen, sagte die internationale Gemeinschaft bei einer Geberkonfenrenz in Kathmandu Ende Juni umgerechnet 3,6 Milliarden Euro Hilfsgelder zu. Allein Indien versprach seinem Nachbarn umgerechnet 880 Millionen Euro in Form von Spenden und Krediten. China verpflichtete sich zu 440 Millionen Euro. Doch bis heute ist das Geld weder in Nepal noch bei den Bedürftigen in den teils äußerst schwer zugänglichen Bergregionen angekommen - weil Nepal es nicht eingefordert hat.

"Die Regierung hat sehr langsam reagiert. Das gebe ich zu", sagte Pokharel. Es sei unwahrscheinlich, dass die Regierung vor Oktober beginnen werde, die Spendengelder einzusetzen. Der Experte für erneuerbare Energien monierte, dass die Pläne für die Verteilung der Hilfsgelder und den Wiederaufbau von den zuständigen Ministern noch nicht abgesegnet worden seien.

Dutzende Tote bei Unruhen

Tatsächlich hat sich die nepalesische Regierung in den Monaten nach dem Beben weniger mit den Folgen der Erdstöße als mit dem Ausarbeiten einer neuen Verfassung beschäftigt. Der im Parlament in Kathmandu vorgelegte Verfassungsentwurf sieht sieben Teilstaaten vor, mehrere ethnische Minderheiten begehren dagegen auf. In den vergangenen Wochen sind bei blutigen Unruhen Dutzende Menschen - Demonstranten sowie Polizisten - ums Leben gekommen. In mehr als der Hälfte des Landes wird seit Wochen gestreikt. Vielerorts herrscht Ausgangssperre.

Die Regierung argumentiert, dass eine neue, föderale Verfassung eine gerechtere Verteilung der Hilfsgelder garantiere. Deshalb habe die Reform Vorrang.

Kritiker halten das für falsch, Pokharel nennt es einen Fehler, die Verfassung in der jetzigen Situation zu verabschieden. "Wir hätten es gut gefunden, wenn sie sich erst auf den Wiederaufbau konzentriert hätten", sagt er. "Wir haben Zeit verloren und müssen die nun wettmachen."

Die Regierung habe bislang "schwerfällig" agiert, sagte der humanitäre Koordinator der Vereinten Nationen in Nepal, Jamie McGoldrick. "Die Regierung muss einen Zahn zulegen." Der Winter stehe vor der Tür. Es gelte, die in Zelten lebenden Menschen darauf vorzubereiten.

Die nepalesische Regierung war schon unmittelbar nach dem ersten Beben wegen ihres unprofessionellen Vorgehens in die Kritik geraten. Obwohl seit Langem mit einem großen Beben in Nepal gerechnet wurde, gab es keine Notfallpläne. In den Tagen nach der Katastrophe trat die Regierungsspitze so gut wie gar nicht in Erscheinung. Wenn sich Regierungsvertreter blicken ließen, dann, um Helfern und Rettern das Leben schwerzumachen. So dauerte es viele Tage, bis Nepal die Einfuhrzölle auf die sich am Flughafen stapelnden Hilfsgüter aufhob und diese ins Land ließ.

Viele Nepalesen haben wegen der schlechten Erfahrungen gar keine staatliche Hilfe erwartet. Die Menschen helfen sich selbst oder wenden sich an ausländische Organisationen. Ein großer Teil des Geldes, von dem heimatlos gewordene Nepalesen derzeit leben, kommt von Familienangehörigen, die im Ausland leben.

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amdorf 03.09.2015
1. Nutzen?
Prima Bericht, so wissen wir nun wo die Spendenmilliarden hinkommen. Irgendwelche korrupte Säcke scken es ein und das wars. Besser wäre es das Geld nach Deutschland zurückzusenden, denn an den bayrischen Grenzen und Bahnhof kommen jetzt genug Leute, die es brauchen können.
chjuma 03.09.2015
2. Der Fakt in der Überschrift
ist erst mal irritierend. Beim Kleingedruckten kommen wir der Sache schon näher. Dort wird nämlich neben den Terminus "Spenden" auch von Krediten geschrieben. Also, wenn mir jemand, wenn mein Haus eingestürzt ist, einen Kredit geben will, dann versuche ich auch erst mal mit aller Kraft, ohne solche "Hilfen" auf die Beine zu kommen. Hilfe heisst in meinen Kreisen Beistand in der Not, nicht Kredite verkaufen. Das kann man dann immer noch anbieten, wenn die Nepalesen wieder ohne Staubschleier aus den Augen gucken können. Bravo, Nepal, ihr schafft das. Die echten Spenden dürft ihr nehmen, sie sind hoffentlich nicht an künftiges, Euro- oder Dollargerechtes "Wohlverhalten" gebunden.
hermi16 03.09.2015
3. deshalb
Spende ich grundsätzlich nicht mehr. Was ist aus den Spenden für Haiti geworden? Und jetzt aktuell Spenden für Asylanten. Ich hab den Eindruck auch hier verdienen wieder welche. Außerdem Spende ich schon mit meinen Steuergeldern.
davinci 03.09.2015
4. Gut, dass man mal davon ...
... etwas erfährt. Diese Katastrophe ist fast aus unseren Köpfen verschwunden, weil diese leisen sympathischen Menschen nicht zu uns flüchten können.
markus_wienken 03.09.2015
5.
Zitat von hermi16Spende ich grundsätzlich nicht mehr. Was ist aus den Spenden für Haiti geworden? Und jetzt aktuell Spenden für Asylanten. Ich hab den Eindruck auch hier verdienen wieder welche. Außerdem Spende ich schon mit meinen Steuergeldern.
Ich spende schon... aber lokal bei Institutionen/Initiativen und auch mit Sachspenden wo ich genau weiß, wo und wie das Geld/die Sachspenden verwendet werden. Mir tun die Menschen in anderen Ländern zwar leid, aber die müssen schon selbst sehen, dass sie ihren Staat/Gesellschaft selbst "in den Griff" bekommen. Mir persönöich sind da Kindeheime/Hospize näher als Menschen in anderen Ländern
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