Nepal So läuft die Hilfe für die Erdbeben-Opfer

In Nepal sind acht Millionen Menschen von den Folgen der Erdbeben betroffen. Doch die internationalen Helfer haben mit Widrigkeiten zu kämpfen.

Von Stephan Orth, und


Drei Tage nach Beginn der Erdbebenkatastrophe in Nepal haben die Behörden die Zahl der Opfer erneut nach oben korrigiert. Demnach stieg die Zahl der Toten auf mehr als 5000, mehr als 10.000 Menschen wurden verletzt.

Und noch immer ist das ganze Ausmaß der Katastrophe nicht absehbar. Die Helfer haben mit großen Widrigkeiten zu kämpfen. Viele Orte sind nur schwer zugänglich. SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie kommt die Zahl der Betroffenen zustande?

Acht Millionen Menschen in Nepal sind nach Angaben der Vereinten Nationen vom Erdbeben direkt betroffen. Darunter befinden sich etwa eine Million Kinder. Eine Million, acht Millionen - wie ermitteln die Experten diese Zahlen?

"Es sind Schätzungen, die wahrscheinlich schon bald nach oben korrigiert werden", sagt Ninja Charbonneau, Sprecherin des Uno-Kinderhilfswerks Unicef. Basis sind die jüngsten Volkszählungen der nepalesischen Regierung und Daten über die regional unterschiedliche Intensität des Bebens.

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Erdbeben in Nepal: Die schwierige Mission der Retter
Dem "Nepal Earthquake Situation Report" der Uno zufolge, der ständig aktualisiert wird, hat das Erdbeben 39 von insgesamt 75 Regionen des Landes erfasst. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass 50 Prozent der Einwohner in diesen Distrikten in jedem Fall betroffen sind - weil sie arm sind und in wenig stabilen Häusern leben.

Die Zahl der betroffenen Kinder hat Unicef aus der Gesamtzahl abgeleitet und entsprechend gewichtet. Die Schätzung, wonach es um mindestens eine Million geht, sei konservativ, sagte Sprecherin Charbonneau.

Wie viele Hilfskräfte sind im Einsatz?

Es ist kaum möglich, eine genaue Zahl zu nennen. Laut nepalesischem Militär sind etwa 90 Prozent der Soldaten im Rettungseinsatz. Das wären mehr als 80.000 Mann. Unterstützung erhalten die einheimischen Militär- und Polizeikräfte von ausländischen Rettungs- und Ärzteteams aus gut einem Dutzend Ländern - darunter aus großen Nachbarländern wie Indien und China. Hilfe kommt aber auch vom kleinen Bhutan sowie aus Russland, Japan, Frankreich oder Deutschland.

Ein Beispiel: Ein Team aus 52 Experten sei am Dienstagmorgen in Kathmandu eingetroffen, teilte die auf die Bergung von Erdbebenopfern spezialisierte Hilfsorganisation I.S.A.R. Germany mit. Sie würden mit Rettungshunden und Spezialtechnik nach Verschütteten suchen und zudem ein Feldlazarett aufbauen, um Verletzte medizinisch versorgen zu können.

Wie ist die Hilfe organisiert?

Die Regierung von Nepal hat für die Erdbebengebiete den Notstand ausgerufen und um internationale Hilfe gebeten. Zum Einsatz kommt ein sogenanntes Clustersystem der Vereinten Nationen.

Die Cluster sind Arbeitsgruppen, in denen sich nationale und internationale Helfer jeweils um einen Bereich kümmern, etwa Nahrung, Gesundheit, Wasser, Telekommunikation. Die Gesamtkoordination übernimmt das National Emergency Operation Centre der nepalesischen Regierung. Es wird unterstützt von den internationalen Helfern.

Vor welchen Problemen stehen die Helfer?

Am frühen Morgen starteten mehrere Flugzeuge von Kathmandu und machten somit Parkpositionen für ankommende Flieger frei. Der einzige internationale Flughafen Nepals ist wegen des Andrangs überlastet. Maschinen mit Hilfsgütern und Helfern müssen immer wieder umkehren. "Es gelingt nur mit Mühe, Hilfsgüter in ausreichender Menge nach Kathmandu zu bringen", berichtet Notfallmediziner Frank Marx von der Organisation Malteser International.

Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen schicken auch Teams über den beschwerlichen Landweg in die betroffenen Gebiete - von Indiens Hauptstadt Neu-Delhi aus dauert es drei bis fünf Tage.

In Kathmandu gibt es kaum Strom und Benzin, auch Trinkwasser und Nahrungsmittel sind knapp. Und nicht immer erreicht die Hilfe, die in Nepal ankommt, die Bedürftigen. In den entlegenen Erdbebengebieten kommen die Retter nur schwer voran. Hilfsorganisationen berichten, dass Erdrutsche und armbreite Risse viele Straßen des bergigen Landes unpassierbar machen. Viele Dörfer sind von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten.

Genießen Achttausender-Bergsteiger Privilegien bei der Rettung?

Die Bergsteiger am Mount Everest sind durch teure Versicherungen besser gestellt als die Einheimischen. Die meisten Anbieter von Expeditionen auf den höchsten Berg der Erde verlangen von jedem Teilnehmer, dass er vorab eine teure Rettungsversicherung abschließt. Spezialisierte Anbieter wie "Global Rescue" bieten Policen für Extrembergsteiger an.

Das daraus resultierende Problem hatten Nepal-Kenner wie Reinhold Messner und Peter Habeler angesprochen: Hubschrauberpiloten wissen, dass sie mit der Rettung von Bergsteigern Geld verdienen - wenn sie dagegen in ein Dorf fliegen, um Einheimischen zu helfen, müssen die Unternehmen möglicherweise die Kosten selbst tragen.

Wie viele Hubschrauber können zur Rettung überhaupt eingesetzt werden?

Darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Klar ist: Nepal ist ein armes Land, das nur über wenige Hubschrauber verfügt. Laut dpa sind es sechs Maschinen, hinzu kommen 20 private Helikopter. Laut "New York Times" besitzt das Militär zwölf einsatzfähige Hubschrauber, nach dem Beben habe Indien sechs weitere zur Verfügung gestellt.

Drei Hubschrauber wurden bei Rettungen am Mount Everest in mehr als 6000 Metern Höhe eingesetzt. Für Flüge in solch extremer Höhe sind Spezialhubschrauber nötig. Ein Hubschrauber aus Indien landete am Dienstag in dem schwer getroffenen Bezirk Gorkha, in dem die Menschen seit dem Beben am Samstag auf sich allein gestellt waren. Über den Siedlungsgebieten wurden Lebensmittelpakete abgeworfen.

Katastrophenregion im Himalaya: Die Epizentren der Beben
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Mit Material von dpa, AP und Reuters



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Claudia_D 28.04.2015
1. Wer es kann...
...bitte spenden! Mein Schwager ist seit gestern als Helfer vor Ort (Rettungshundestaffel der Freiwilligen Feuerwehr) und berichtete, dass es ganz, ganz schlimm ist und wir uns das aus den Bildern der Medien gar nicht vorstellen können.
enerbanske 28.04.2015
2.
Zitat von Claudia_D...bitte spenden! Mein Schwager ist seit gestern als Helfer vor Ort (Rettungshundestaffel der Freiwilligen Feuerwehr) und berichtete, dass es ganz, ganz schlimm ist und wir uns das aus den Bildern der Medien gar nicht vorstellen können.
Gerne! Man weiss mittlerweile gar nicht mehr, wie man sein Geld aufteilen soll, um die vielen Projekte zu finanzieren, die auf Spenden angewiesen sind. Nur frage ich mich, wo die Spendengelder der Megakonzerne und Superreichen bleiben, die jährlich mit Rekordgewinnen protzen. Microsoft oder Google beispielsweise könnten den kompletten Wiederaufbau Nepals locker aus der Portokasse stemmen.
nachtfalke68 02.05.2015
3.
Zitat von enerbanskeGerne! Man weiss mittlerweile gar nicht mehr, wie man sein Geld aufteilen soll, um die vielen Projekte zu finanzieren, die auf Spenden angewiesen sind. Nur frage ich mich, wo die Spendengelder der Megakonzerne und Superreichen bleiben, die jährlich mit Rekordgewinnen protzen. Microsoft oder Google beispielsweise könnten den kompletten Wiederaufbau Nepals locker aus der Portokasse stemmen.
Ein wahres Wort gelassen endlich mal ausgesprochen. Ich bitte zu bedenken, dass diese Unternehmen/Personen im Prinzip auch kaum Steuern zahlen. Die sind werden in Monaco, den Cayman-Inseln, oder in anderen Steuerparadisen veranlagt. Wäre nur machbar über eine Pflichtabgabe. Das wäre jedoch für die meisten Länder, in denen die Firmen Ihren Sitz habe verfassungswidrig. Da brächte nur ein Umdenken etwas oder die Macht des Volkes. Diese Firmen breit meiden. Ich bin elterlich Seits als Bayer aufgewachsen, und hatte bisher immer schwarz gewählt. Ich bin echt am überlegen nicht einmal meine Stimme den "Linken" zu geben. Den Gysi und die Wagenknecht finde ich eigentlich als Personen und Politiker nicht falsch. Von der Wagenknecht mit Ihrem Vaterkomplex (Schäuble) kann man ja halten was man will, aber der Gysi ist zumindest gerade, direkt und kompetent.
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