Getöteter Professor in Nepal Die letzte Exkursion

Der deutsche Geografieprofessor Matthias Kuhle kam beim verheerenden Erdbeben in Nepal ums Leben. Seine Witwe möchte erzählen, was genau am Unglückstag geschah.

Privat/DPA

Von Jasper Ruppert, Göttingen


Die Katastrophe ereignete sich im Massiv des Manaslu, des achthöchsten Bergs der Welt. Die Exkursionsgruppe aus Göttingen war am vorigen Samstag auf dem Weg zurück ins Tal. Geografieprofessor Matthias Kuhle, sein wissenschaftlicher Mitarbeiter, 15 Studenten, ein heimischer Begleiter. Da begann die Erde zu beben. Der 67-jährige Kuhle befand sich ein paar Meter hinter der Gruppe, er zögerte kurz, um sich zu orientieren. In diesem Moment trafen ihn Felsbrocken. Er war offenbar sofort tot.

Das verheerende Erdbeben in Nepal könnte nach jüngsten Schätzungen bis zu 10.000 Menschen das Leben gekostet haben. Kuhle ist das erste namentlich bekannte Todesopfer aus Deutschland. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erzählte seine Witwe Sabine Kuhle, unter welchen Umständen ihr Mann ums Leben kam. Und wie die übrige Gruppe wohlbehalten wieder nach Deutschland zurückkehren konnte. Kuhle hat sich die Geschehnisse von Augenzeugen berichten lassen.

Studenten stehen unter Schock

Demnach bekamen die übrigen Teilnehmer der Expedition nur einige Kratzer ab. Sie mussten nicht weit von der Unfallstelle entfernt auf einer Schotterfläche campieren, möglichst weit von den Steinwänden entfernt. Der Weg zurück ins Tal war versperrt, Tonnen von Felsgestein hatten ganze Ortschaften unter sich begraben. In den Zelten herrschten dramatische Zustände: Viele der unter Schock stehenden Studenten reagierten hysterisch, ständige Nachbeben ließen den Boden wackeln, so erzählt es Sabine Kuhle.

Nach einer Nacht und einem Tag evakuierte ein Hubschrauber des Reiseveranstalters die Gruppe in mehreren Etappen aus dem Felsmassiv und brachte sie in die Stadt Aarughat. Nach einer weiteren Nacht ging es per Bus in die mehrere hundert Kilometer entfernte Hauptstadt Kathmandu, von wo aus am Dienstag alle nach Deutschland flogen.

Sie hatten offenbar doppeltes Glück: Kurz nach der Rettung aus den Bergen wurde der Hubschrauber für Hilfsaktionen der Regierung beschlagnahmt. Als das Flugzeug die Startbahn in Kathmandu verlassen hatte, wurde sie wieder gesperrt. Auch Kuhles Leichnam war an Bord.

"Der Himalaya war sein Fleck Erde"

Kuhle war einer der führenden Geografen weltweit. Seine Schwerpunkte waren Hochgebirgsgeografie, Glaziologie (Gletscherkunde) sowie die Entstehung und Folgen von Eiszeiten. Mehr als 50 Expeditionen führten ihn in verschiedene Hochgebirgsregionen, viele davon in den Himalaya. "Das war sein Fleck Erde", sagt Sigrid Meiners, die bei Kuhle promoviert hat.

Sein ganzes wissenschaftliches Leben kämpfte Kuhle für die Theorie einer Vergletscherung Tibets. "Das war 40 Jahre Kampf", berichtet Sabine Kuhle. War er deswegen lange Zeit ein wissenschaftlicher Außenseiter, so gelten seine Annahmen heute als bewiesen. Er konnte durch seine Forschung auch den bedeutenden Einfluss des tibetischen Eises auf die globale Eiszeitentstehung nachweisen.

Kuhle war ein Professor, der seinen Mitarbeitern und Studenten viel abverlangte, sie förderte und forderte. Dessen anspruchsvolle Touren auch schon mal sechs Stunden steil bergauf gingen. Aber auch einer, der nie risikohaft agierte, so berichtet es Meiners. Wenn er Gefahr spürte, ließ er auch mitten in der Nacht ein Lager räumen. "Das kam natürlich nicht bei allen gut an", erinnert sich Meiners, "aber am Ende hatte er immer recht."

In einer Erklärung zu seinem Tod schrieb der Vorstand des Geografischen Instituts: "Das Institut trauert um einen renommierten Wissenschaftler, angesehenen Hochschullehrer und lieben Kollegen mit Ecken und Kanten." Diese Ecken und Kanten hatten ihn in der Wissenschaftscommunity zu einem Einzelgänger werden lassen, berichtet sein ehemaliger Hilfsstudent Christoph Roesrath, der heute Fakultätsverwaltungsleiter an der TU Berlin ist.

Für seine Familie und Weggefährten ist es ein Trost, dass Kuhles Leben dort endete, wo er seiner Leidenschaft nachgehen konnte, wo er sich am wohlsten fühlte.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde Matthias Kuhle an einer Stelle als einer der führenden Geologen bezeichnet. Er war aber Geograf. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
chuckal 02.05.2015
1. Interessant
Der scheint ja einigermaßen schwierig gewesen zu sein, wenn das schon im Nachruf erwähnt werden muss, wo wir doch sonst nur Engel beerdigen. RIP....und Beileid der Familie
tommahawk 02.05.2015
2. Was für ein Nachruf!
Ein Mensch mit Ecken und Kanten. Seine Entscheidungen gefielen oft nicht. Am Ende hatte er immer recht... Sehr sympatisch klingt das alles nicht. Das ist entweder ein grundehrlicher Nachruf - oder der Nachrufende hätte besser mal die Schnautze halten sollen.
gruffelo 02.05.2015
3.
mag sein, aber scheint vor allem ein toller typ gewesen zu sein, der seinen traum gelebt hat - chapeau und herzliches beileid der familie und seinen freunden!
mazermaze 02.05.2015
4.
Mein tiefste Anteilnahme. Anzumerken ist, das er wahrscheinlich Geograph und kein Geologe war.
OneTwoThree 02.05.2015
5.
Zitat von tommahawkEin Mensch mit Ecken und Kanten. Seine Entscheidungen gefielen oft nicht. Am Ende hatte er immer recht... Sehr sympatisch klingt das alles nicht. Das ist entweder ein grundehrlicher Nachruf - oder der Nachrufende hätte besser mal die Schnautze halten sollen.
Ja, Personen, die anderen Leuten zeigen, dass diese sich unprofessionell verhalten und nicht so gut sind wie diese selber glauben, sind meistens nicht sonderlich beliebt.
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