Papst-Begeisterung in Rom: Polonaise über den Petersplatz

Aus Rom berichtet

Jubel in Rom: Habemus papam Fotos
AFP

"Viva, viva il Papa Francesco!" Tausende Gläubige bejubelten in Rom ihren neuen Papst. Viele setzen große Hoffnungen in ihn: Er soll das Signal für einen Neuanfang in der katholischen Kirche geben.

"Wie bitte? Bergoglio? Der Mann ist 76!" Niccolò, 29, kann es nicht fassen, dass die 115 Kardinäle den Erzbischof von Buenos Aires zum Papst gemacht haben. Er hatte einen anderen erwartet. Den Mailänder Scola vielleicht. Oder den Brasilianer Scherer. Einen etwas Jüngeren auf jeden Fall. Stunden, Tage, Wochen haben Gläubige in aller Welt auf den neuen Pontifex gewartet. Nun steht er oben auf dem festlich geschmückten Balkon des Petersdoms in Rom und spricht zu Tausenden, die sich auf der Piazza San Pietro versammelt haben.

Nach ersten Jubelschreien und "Viva il Papa"-Sprechchören hat es der Masse die Sprache verschlagen. Wie auf ein unsichtbares Kommando sind alle verstummt. Jetzt hören sie ihrem neuen Papst zu. "Francesco", sagt der 29-jährige Römer Niccolò ehrfürchtig. "Mein Heiliger Vater."

"Liebe Brüder und Schwestern, guten Abend", sagt Franziskus. "Das Konklave hat entschieden, Rom einen neuen Bischof zu geben. Meine Brüder sind bis ans Ende der Welt gegangen, um ihn zu finden."

Und das Ende der Welt liegt in Südamerika.

"Ich bin überglücklich", sagt die 27-jährige Argentinierin Juliana. "Ein Papst von meinem Kontinent." Er ist der erste Lateinamerikaner auf dem Heiligen Stuhl - und der erste Nichteuropäer seit langer Zeit. "Vielleicht ist das der Neuanfang, auf den alle warten", sagt die blonde Argentinierin. Ihre blauen Augen funkeln, eine Freudenträne sitzt auf ihrem rechten Unterlid fest.

"Auf dass er die Menschen vereine"

"Ich hoffe, dass er meinem Land Frieden bringt", sagt Juliana. Zwischen der Kirche und der Politik herrsche ein schlechtes Verhältnis, sagt sie. Sie setzt all ihre Hoffnungen auf den neuen Papst. "Auf dass er die Menschen vereine."

Nicht alle Gläubige können so viel mit ihm anfangen wie die Argentinier, die auf dem Petersplatz schier ausflippen. Juan aus Sevilla faltet umständlich ein XXL-Poster auseinander, auf dem alle Kardinäle mit Foto, Geburtsdatum, Heimatland und Ordensgemeinschaft verzeichnet sind. "Er ist Jesuit", sagt der Spanier, und ein Freund reißt ihm die Übersicht aus der Hand.

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Papst Franziskus: Der stille Jesuit aus Buenos Aires
"Ich weiß leider nicht genau, wofür der neue Papst steht", sagt Martin Hartmann, Priesteranwärter aus dem Allgäu. "Da müssen wir uns wohl überraschen lassen." Wenn es nach dem Namen gehe, dürfte er wohl demütig sein, sagt der 24-Jährige. "So wie Franziskus von Assisi. Der hat nie die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, sondern auf Gott verwiesen."

"Bestimmt sorgt er für eine neue Sicht auf die Welt ", sagt Julio Cesar aus Santa Fe in Argentinien. "Er wird ein guter Vertreter für die Christen sein - und für die vielen Katholiken in Südamerika."

Polonaise auf dem Petersplatz

Eine Gruppe von zehn Indern verschiebt das Analysieren auf später. Eine halbe Stunde, nachdem vom Balkon "Habemus papam Francesco" hallte, ziehen die Männer aus Asien mit einer Polonaise über den Petersplatz. "Viva, viva il Papa Francesco", singen sie im Sprechchor. Der Papst ist da - und die Menge jubiliert. Konfetti fliegt, die Menschen liegen sich in den Armen. Sie wünschen dem neuen Pontifex ein langes Leben. "Aber ein bisschen weniger ernst könnte er schon gucken", sagt eine junge Frau in der Menge.

Der wohl Einzige, der in Gedanken nicht bei Franziskus ist, heißt Emanuele Ferrari. Er schlägt wie in Trance auf sein Tamburin ein und tanzt über das nass geregnete Kopfsteinpflaster auf dem Petersplatz. Ein Freund schmettert eine Tarantella, ein süditalienisches Volkslied. "Dieses Lied ist nicht für Francesco", sagt der 29-jährige Ferrari, der aus Apulien stammt, der Region im Absatz des italienischen Stiefels. "Es ist für den Heiligen Petrus. Wir feiern heute ihn - und natürlich seinen 266. Nachfolger."

Was viele nicht wissen: Der Mann, der an diesem Mittwoch zum Papst gewählt wurde, hatte bereits vor acht Jahren gute Chancen auf den Heiligen Stuhl. Jorge Mario Bergoglio war der Zweitplatzierte in dem Konklave, aus dem Joseph Ratzinger als Papst hervorgegangen war. Den Pontifex emeritus, der am 28. Februar vom Petrusamt zurückgetreten ist, dürfte es besonders freuen, dass Bergoglio nun auf ihn folgt. Ratzinger soll ihm damals seine Stimme gegeben haben, wie der italienische Vatikan-Experte Marco Politi in einem Buch über Benedikt XVI. schreibt.

Dass der neue Papst nicht unter den sogenannten Papabili war, stört die Gläubigen nicht. "Wir sind dankbar, dass Gott uns diesen Papst geschickt hat", ist die häufigste Antwort am Abend. Viele Katholiken fühlen sich erfüllt, "nicht mehr so leer und verloren" wie in den Tagen der Sedisvakanz. "Natürlich sind wir nun auch neugierig, wie er so ist", sagt eine Italienerin, die den Namen Bergoglio noch nie gehört haben will.

"Den Papst begrüßen? Das ist Pflicht"

Laut Vatikan-Experte Politi hat sich Bergoglio in der Vergangenheit "nicht als liberal, aber auch nicht als eindeutig konservativ erwiesen". Schon bald kann sich die Welt ein Bild von ihm machen - wichtige Messen warten auf Franziskus, unter anderem die Ostermesse mit dem Segen "Urbi et orbi".

Die Inauguration des neuen Papstes wird voraussichtlich am kommenden Dienstag um 9.30 Uhr auf dem Petersplatz stattfinden. Bereits am Freitag wird sich Franziskus mit Journalisten treffen und sich so der Öffentlichkeit präsentieren. Sein erster Termin wird am Donnerstag ein Besuch der Lateranskirche Santa Maria Maggiore sein - ganz privat allerdings.

"Ich bin froh, dass das Konklave vorbei ist", sagt eine blonde Römerin, die den Petersplatz am Abend verlässt, "auf noch so einen Tag im Regen hätte ich keine Lust gehabt." Gekommen wäre sie aber trotzdem - den Papst zu begrüßen, das sei nun mal Pflicht.

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Forum - Papst Franziskus - kann er die Erwartungen erfüllen?
insgesamt 1670 Beiträge
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    Seite 1    
1. Franziskus
stiip 13.03.2013
Zitat von sysopDas Konklave ist beendet, Erzbischof Jorge Mario Bergoglio aus Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires ist der neue Papst. Der Nachfolger von Benedikt XVI. wird die unterschiedlichsten Erwartungen an ihn und sein Pontifikat aus der ganzen Welt moderieren müssen. Was denken Sie - kann Papst Franziskus diese Erwartungen erfüllen?
Ich weiß nicht viel über den Herrn Bergoglio, aber die Wahl des Papstnamens lässt ja fast so etwas wie Hoffnung aufkeimen.
2. Überraschung
shareman 13.03.2013
Das ist doch mal eine Überraschung - der Name wurde weniger genannt in den letzten Tagen. Jetzt also ein Südamerikaner!
3. Toll
mattin666 13.03.2013
Gott sei mit Dir!!!
4. Papst Franziskus I - kann er die Erwartungen erfüllen?
sysop 13.03.2013
Das Konklave ist beendet, Erzbischof Jorge Mario Bergoglio aus Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires ist der neue Papst. Der Nachfolger von Benedikt XVI. wird die unterschiedlichsten Erwartungen an ihn und sein Pontifikat aus der ganzen Welt moderieren müssen. Was denken Sie - kann Papst Franziskus I diese Erwartungen erfüllen?
5. Gesetz gilt wieder
fritzwert 13.03.2013
"Wer als Favorit ins Konklave reingeht, kommt als Kardinal wieder raus."
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