Jeans als improvisierte Rettungsweste "Ohne sie hätte ich es nicht geschafft"

Ein deutscher Segler geht vor Neuseeland über Bord, die Rettungsmittel von der Jacht kommen nicht bei ihm an - also bastelt er sich seine "Rettungsjeans". Ein Anruf beim Besitzer der Survival-Hose.

REUTERS/ Lowe Corporation Rescue Helicopter Service

Ein Interview von


Jeans können Schlag haben, sie können skinny sein oder baggy - aber auch lebensrettend. Das hat der Oldenburger Tischler Arne Murke, 30, Anfang März am eigenen Leib erfahren. Er sollte zusammen mit seinem Zwillingsbruder Helge ein Boot von Neuseeland nach Brasilien überführen, wo sich der Besitzer aufhält.

Doch dann kam Sturm auf und Arne Murke ging über Bord, mehr als 20 Kilometer vor der neuseeländischen Küste. Murke, der nach eigenen Angaben seit seiner Kindheit segelt, kam eine Idee: Er benutzte seine Jeans als Rettungsweste.

Arne Murke mit seiner "Rettungsjeans"
Arne Murke

Arne Murke mit seiner "Rettungsjeans"

Ein Sprecher des Rettungsdiensts sagte, Murke habe "unglaubliches Glück gehabt, noch am Leben zu sein". Ihn im Meer zu finden sei wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen gewesen. Es sei gut, dass Murke seine Hose als Schwimmkörper benutzt habe, ruhig geblieben sei und so seine Energiereserven geschont habe.

Es scheint, als hätten Murke und sein Bruder mehr Glück als Segelgeschick gehabt: Ein Mitglied des örtlichen Gemeinderats sagte der neuseeländischen Zeitung "Gisborne Herald", die Vorräte an Bord, der Mangel an Navigationshilfen und der generelle Zustand des Bootes ließen vermuten, dass selbst eine Reise entlang der Küste unsicher gewesen wäre; geschweige denn eine lange Seereise über den Pazifik.

SPIEGEL ONLINE: Herr Murke, wie hat Ihnen Ihre Jeans das Leben gerettet?

Arne Murke: Ich nenne die Hose jetzt auch meine "Rettungsjeans": Ohne sie hätte ich es nicht geschafft, so lange über Wasser zu bleiben. Ich bin zwar ein passabler Schwimmer, aber bei dem Seegang wäre das auf Dauer nicht gut gegangen. Zudem war ich ziemlich erschöpft: Ich hatte auf dem Boot zuvor die Nachtwache übernommen und kaum geschlafen, als der Unfall passierte.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es dazu?

Murke: Bis zum Mittag hatten wir Sonnenschein und keinen Seegang. Neben unserem Boot schwammen Delfine, ein wunderschöner Tag. Doch dann wurde der Wind stärker. Eine Welle traf das Schiff. Ich stand in der Mitte, hatte die Schot, also ein Tau, mit dem man das Segel bedient, in der Hand. Dann traf eine Welle das Boot, das Segel schlug plötzlich auf die andere Seite. Da riss es mich über Bord. Helge, mein Bruder, versuchte sofort, mir den Rettungskragen aus der Halterung am Heck zuzuwerfen, aber das Boot hatte zu viel Fahrt drauf, er war zu weit entfernt. Als Helge dann versuchte mich zu erreichen, gab's einen Knall: Der Außenbordmotor war kaputt, die Hauptmaschine hatte sich davor schon verabschiedet.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie in dem Augenblick gedacht?

Murke: Mir wurde klar: Die Chancen, dass mein Bruder mich wieder an Bord kriegen kann, gehen gegen null. Das Boot entfernte sich immer weiter, ich konnte irgendwann nur noch den Mast sehen. Ich wusste, ich stecke in Lebensgefahr. Ich habe versucht, mich zu beruhigen, habe durch die Nase eingeatmet und langsam durch den Mund wieder aus, um meinen Herzschlag runterzukriegen. Und dann kam mir zum Glück die Idee mit dem Hosentrick.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht der?

Murke: Ich habe den vor Jahren mal in einer Dokumentation oder im Internet gesehen, ich weiß es nicht mehr genau: Normalerweise geht der Trick so, dass man die Enden der beiden Hosenbeine verknotet, damit man sich das Ganze dann um den Hals legen kann - also ähnlich wie eine richtige Rettungsweste.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie es anders gemacht?

Murke: Ja, sich die Hose um den Hals zu legen, schien mir unpraktisch, weil ich ja auch gesehen werden wollte. Und mit so einer blauen Jeans um den Hals im Wasser hätte das nicht so gut geklappt. Deshalb habe ich die Hosenbeine einzeln verknotet und mir die Jeans später dann unter mein grünes T-Shirt geschoben.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die "Rettungsjeans" vorher aufgepumpt?

Murke: Ich habe mit den Beinen geschlagen, um über Wasser zu bleiben, die Hose mit beiden Händen angefasst und versucht, sie so über meinen Kopf zu halten, dass am Bund eine möglichst große Öffnung entsteht. Dann habe ich mit Schwung meine Arme nach vorn bewegt und die Jeans so unter Wasser gedrückt. Die Luft fängt sich dann in der Hose, und man muss sie am Bund zusammendrücken. Ich habe den Bund zwischen den Oberschenkeln eingeklemmt, weil ich die Arme frei haben musste, um navigieren zu können und nicht abzutauchen.

SPIEGEL ONLINE: So eine Jeans saugt sich doch voll. Zieht die einen nicht runter?

Murke: Dass sie sich vollsaugt, ist Teil des Tricks. Der funktioniert auch nur, solange die Jeans wirklich nass ist, dadurch entsteht eine höhere Oberflächenspannung, und das macht den Stoff ziemlich luftdicht.

SPIEGEL ONLINE: Mit einer dünnen Stoffhose hätte das nicht so gut geklappt?

Murke: Ich denke nicht. Hätte ich eine Jeans mit Löchern gehabt, wäre das natürlich auch schlecht gewesen. Oder eine Skinny-Jeans: Die im Wasser auszuziehen wäre mir sicher schwer gefallen. Mit der Zeit verlor die Hose natürlich an Luft, dann musste ich sie wieder aufpumpen. Das musste ich so vier oder fünf Mal machen, solange ich im Wasser war.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange dauerte es bis zur Ihrer Rettung?

Murke: Dreieinhalb Stunden müssen das gewesen sein, bis der Helikopter mich entdeckte. Hätten die mich vor Einbruch der Nacht nicht gefunden, wären meine Chancen sehr gering gewesen. Das Wasser hatte zu der Zeit dort wohl so 18 Grad Celsius, habe ich später gegoogelt. Also keine Temperatur, bei der man stundenlang im Wasser sein will. Das fühlt sich dann schon mit der Zeit bitterkalt an. Ich zitterte irgendwann, ich hatte ja vorher die Nachwache gemacht und war ohnehin schon kaputt.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie jetzt mit der "Rettungsjeans"?

Murke: Ich werde die wahrscheinlich für immer behalten, als Erinnerungsstück. Vielleicht packe ich sie in eine Vitrine. Und wenn ich in Zukunft wieder segle, dann gern in Jeans, als eine Extra-Versicherung.

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