New Orleans: Evakuierung verzögert sich erneut

Neue Pannen in New Orleans: Die Retter mussten die Evakuierung des Footballstadions ein weiteres Mal unterbrechen, weil nicht genügend Busse zur Verfügung standen. Die Wartenden sind verzweifelt.

Die Nerven liegen blank: Wieder müssen sich die Flüchtlinge im Superdome in Geduld üben
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Die Nerven liegen blank: Wieder müssen sich die Flüchtlinge im Superdome in Geduld üben

New Orleans - Noch immer harren 2000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen im Superdome aus. Doch weil nicht genügend Busse zu Verfügung stehen, müssen sie sich weiter in Geduld üben. Möglicherweise könne das Stadion erst morgen vollständig evakuiert werden, teilte die Nationalgarde mit. Unter den ausgezehrten und teilweise schwer kranken Menschen waren bereits zuvor Proteste laut geworden, als 700 Gäste und Beschäftigte eines nahe gelegenen Luxushotels in Busse einsteigen durften, während die anderen Wartenden vertröstet wurden.

Hunderte Soldaten der US-Nationalgarde waren gestern in die vom Wirbelsturm "Katrina" verwüstete Stadt eingezogen. Sie sollen zum einen die Rettung der Bewohner beschleunigen und zum anderen gegen Plünderungen und Rechtlosigkeit vorgehen. Bis heute Abend werden weitere 7000 Soldaten in New Orleans erwartet.

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New Orleans: Rettung auf Raten

Ein weiterer Hoffnungsschimmer: Die in die Kritik geratenen US-Fluggesellschaften haben unterdessen eine Luftbrücke eingerichtet, um 25.000 Einwohner aus der überfluteten Stadt New Orleans in Sicherheit zu bringen. Die obdachlos gewordenen Menschen würden unter anderem zum Luftwaffenstützpunkt Lackland nach San Antonio in Texas ausgeflogen, teilte das Heimatschutzministerium heute in Washington mit.

Die US-Luftwaffe will außerdem 300 Soldaten aus Irak und Afghanistan in das Kastrophengebiet im Süden der USA beordern. Dabei handelt es sich um Angehörige einer Einheit in der vom Hurrikan "Katrina" verwüsteten Stadt Biloxi, sagte Militärsprecher David Small heute in Dubai. Die Soldaten des Luftwaffenstützpunkts Keesler sollen nach Hause zurückkehren, um ihren Familien beizustehen und an der Katastrophenhilfe mitzuwirken. Der direkt an der Küste des Golfs von Mexiko gelegene Stützpunkt wurde von dem Hurrikan erheblich beschädigt.

"Von der schlimmsten Waffe ausgelöscht"

Louisianas Gouverneurin Blanco: "Jetzt kehrt die Zuversicht in unsere Herzen zurück"
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Louisianas Gouverneurin Blanco: "Jetzt kehrt die Zuversicht in unsere Herzen zurück"

Die Militärpräsenz werde für eine Beruhigung der Lage sorgen, sagte Gouverneurin Kathleen Blanco. "Jetzt kehrt die Zuversicht in unsere Herzen zurück", so die Regierungschefin des US-Staats Louisiana. Auch New Orleans' Bürgermeister Ray Nagin äußerte sich optimistischer als in den Tagen zuvor, als er mit seiner massiven Kritik am Krisenmanagement der Regierung für Schlagzeilen gesorgt hatte. "Ich glaube, wir haben jetzt die notwendige Aufmerksamkeit", sagte er nach dem gestrigen Besuch von US-Präsident George W. Bush. Der Präsident habe eingeräumt, dass die Regierung nicht angemessen auf die Katastrophe reagiert habe.

Nach Washington zurückgekehrt, unterzeichnete Bush eine Anweisung für eine Soforthilfe im Umfang von 10,5 Milliarden Dollar. Dies sei erst der Anfang, versicherte der Präsident, der sich wegen des schleppenden Verlaufs der Katastrophenhilfe scharfer Kritik ausgesetzt sieht. Das Weiße Haus plante für Montag eine weitere Reise Bushs in das Katastrophengebiet. Er werde die dramatischen Eindrücke seiner Besichtigungstour nach New Orleans und Biloxi nicht vergessen, sagte Bush und fügte hinzu, die gesamte Golfküste sehe so aus, "als ob sie von der schlimmsten Waffe ausgelöscht worden wäre, die man sich vorstellen kann".

Der Kritik an der Regierung schlossen sich auch Politiker aus Bushs Republikanischer Partei an. "Wenn wir nicht schneller auf dieses Ereignis reagieren können, das wir seit Tagen im Golf auf uns zukommen sahen, wie können wir dann denken, dass wir auf einen Atomschlag oder auf einen Angriff mit biologischen Waffen vorbereitet sein können?" fragte der ehemalige Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich. Der republikanische Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney, bezeichnete das Verhalten der Regierung in der Krise als "peinlich".

Bundesregierung schickt THW-Team

Die Bundesregierung kündigte die Entsendung eines sogenannten Fact-Finding-Teams des Technischen Hilfswerks in die US-Südstaaten an. Das hat eine Arbeitsgruppe der Bundesregierung am Freitagabend beschlossen, wie der Sprecher der Bundesregierung, Bela Anda, am Samstag mitteilte. Das Team solle sicherstellen, dass die von den USA gewünschten deutschen Hilfsmaßnahmen ohne Zeitverzug anlaufen können.

Das Angebot der Bundesregierung, das dem US-Botschafter William R. Timken gestern Abend übermittelt wurde, umfasst neben Luft-Evakuierung mit dem fliegenden Bundeswehrkrankenhaus Medevac, dem Suchen und Bergen von Opfern, Notverpflegung und truppenmedizinischer Unterstützung auch die Hilfe mit Impfteams und Impfstoffen sowie Medikamenten und Wasseraufbereitung. Zudem könnten Notunterkünfte bereitgestellt werden, der Aufbau der Infrastruktur bei Strom, Wasser und Abwasser unterstützt, und Hilfsgüter und Personal transportiert werden.

Zahl der Opfer unbekannt

Die Zahl der Toten ist nach wie vor völlig unklar. Der Gouverneur von Mississippi, Haley Barbour, sprach von mindestens 147 Opfern in seinem Staat, doch liege die Gesamtzahl wahrscheinlich wesentlich höher. Ray Nagin hatte in den vergangen Tagen die Befürchtung geäußert, allein in New Orleans könnten mehr als tausend Menschen dem Hurrikan und dessen Folgen zum Opfer gefallen sein.

Die Trockenlegung von New Orleans wird nach Angaben der amerikanischen Katastrophenschutzbehörde (FEMA) bis zu sechs Monate dauern. Bis die durchweichten Gebäude getrocknet seien, würden weitere drei Monate vergehen, sagte der Leiter der Bergungsabteilung der FEMA, Dan Craig, gestern in Washington. Bevor dann der Wiederaufbau beginnen könne, müssten die Trümmer beseitigt und abbruchreife Häuser eingerissen werden. Die Regierung werde für die Flüchtlinge Notunterkünfte für 18 bis 24 Monate bereitstellen.

Robert Tanner, AP

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