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New Orleans: Rettungseinsätze wegen Überfällen gestoppt

Obwohl Tausende Polizisten und Soldaten nach New Orleans entsandt worden sind, wird die Situation in der überfluteten Stadt immer bedrohlicher. Immer häufiger werden die Rettungskräfte von wütenden Einwohnern und Plünderern angegriffen. Jetzt sind vorerst alle Hilfseinsätze ausgesetzt worden.

Plünderer in New Orleans: Bush kündigt Politik der "Null-Toleranz" an
AFP

Plünderer in New Orleans: Bush kündigt Politik der "Null-Toleranz" an

New Orleans - Der US-Behörde für Katastrophenmanagement zufolge wurden die Rettungsaktionen in der Stadt aus Sorge um die Sicherheit der Mannschaften ausgesetzt. Bei den Einsätzen hatten immer häufiger Hilfesuchende ihre Retter angegriffen, wie der Sender CNN berichtete. Mehrfach habe es lebensgefährliche Kämpfe um Plätze in den Rettungsbooten gegeben.

Die Entscheidung war laut CNN auf einer Besprechung der Katastrophenschutz-Behörde Fema gefallen. Die Fahrten mit den Booten durch die überfluteten Straßen seien mittlerweile zu gefährlich, hieß es.

Zuvor hatten heute bereits Schüsse auf einen Militärhubschrauber und Brandstiftungen die Evakuierung des Superdomes in New Orleans aufgehalten, wo bis zu 30.000 Flutopfer Zuflucht gefunden haben. Die Zustände dort verschlechterten sich zusehends. Die Toiletten funktionierten nicht mehr, wegen des beißenden Gestanks trug das medizinische Personal Masken. 500 Hilfsbedürftige wurden mit Bussen in den Astrodome nach Houston in Texas gebracht. Es kam zu chaotischen Szenen, als tausende Menschen aus der Nachbarschaft herbeiströmten, um in die Busse zu gelangen.

Dann stoppten Schüsse auf einen zur Rettung von Menschen eingesetzter Militärhubschrauber und absichtlich gelegte Feuer am Superdome die Evakuierung. Die Busse konnten nicht mehr nah genug an das Gebäude herankommen, erklärte ein Sprecher der Nationalgarde. Der Leiter des medizinischen Rettungsdienstes, Richard Zuschlag, sagte, Sanitäter hätten ihn um Hilfe gebeten, weil sie sich vor Menschen mit Waffen im Stadion fürchteten. Die Nationalgarde wolle 100 Militärpolizisten zum Superdome schicken. "Das ist aber nicht genug. Wir brauchen 1000", sagte Zuschlag.

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Flucht aus New Orleans: Dramatische Rettungseinsätze

Schwere Probleme gab es auch in anderen Teilen der Stadt und der ganzen Gegend. Tankstellenbesitzer schließen aus Furcht vor Einbrechern ihre Läden. Die Benzinpreise stiegen im Lauf des Tages auf sechs Dollar per Gallone an, normalerweise wird sie für 2,60 Dollar verkauft. Ab 18 Uhr gilt wegen des Kriegsrechts, das verhängt wurde, eine Ausgangssperre, berichtet SPIEGEL-TV-Reporter Dirk Schulze, der im Krisengebiet unterwegs ist. Der Ausnahmezustand kommt möglicherweise nicht von ungefähr. New Orleans galt seit jeher als "Hauptstadt des Mordes".

Bürgermeister Ray Nagin zog angesichts immer hemmungsloserer Plünderungen die Polizisten vom Rettungseinsatz ab und wies sie an, stattdessen für Ordnung zu sorgen. Weitere 10.000 Soldaten der Nationalgarde wurden in das Katastrophengebiet abkommandiert. Soldaten fuhren in gepanzerten Fahrzeugen nach New Orleans. Im gesamten Katastrophengebiet waren 28.000 Soldaten im Einsatz, so viele wie nie zuvor nach einer Naturkatastrophe in den USA.

"Die Plünderer nähern sich den dichter besiedelten Gebieten, Hotels und Krankenhäusern. Wir werden das stoppen", sagte Bürgermeister Nagin. Aus New Orleans wurden Dutzende Raubüberfälle gemeldet. Ein Lastwagen mit Medikamenten für ein Krankenhaus wurde überfallen und ausgeraubt. Polizisten sagten, auf sie sei geschossen worden.

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Flutkatastrophe: Die Retter in der Not

Auch in der früheren Casinostadt Biloxi im Bundesstaat Mississippi treiben Plünderer ihr Unwesen. Sie räumen in den Trümmern der Strandcasinos die Spielautomaten leer. Auch in Geschäften bedienen sich ungebetene Gäste. "Die Leute kommen hier einfach rein, füllen ihre Taschen und gehen wieder raus, als wären sie der Weihnachtsmann", sagte Motelbesitzer Marty Desei. "So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen."

In Gretna bei New Orleans wurde ein Krankenhaus geschlossen, nachdem ein Lastwagen mit Hilfsgütern von Bewaffneten bedroht worden war. Es gab dutzende Fälle von bewaffnetem Autoraub. Ein Polizist und ein Plünderer wurden durch Schüsse verletzt. "Wir wissen, dass es noch viele Tote im Wasser gibt, und weitere auf den Dachböden der Häuser", sagte Nagin. Die Stadt werde für ein bis zwei Monate nicht bewohnbar sein. Bislang halten sich noch rund 100.000 der 480.000 Einwohner in New Orleans auf.

Die Stadt schwimmt in rotbrauner Suppe

Nach dem Bruch von zwei Dämmen strömte das Wasser auch heute weiter ungehindert in die Stadt, die bereits zu 80 Prozent in einer rotbraunen Suppe aus Abwasser, Benzin und Müll stand. An einigen Stellen stand das Wasser sieben Meter hoch.

Bereits gestern Abend gab Nagin bekannt, dass er allein in seiner Stadt mit mehr als 1000 Toten rechne. Nach Angaben des Bürgermeisters liegen noch viele Leichen in den Häusern. Auch in anderen Teilen der Südstaaten Louisiana, Mississippi und Alabama warten noch immer Tausende auf Rettung. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wachsen. Vielerorts fehlen Lebensmittel und sauberes Trinkwasser. Auf einer Autobahn versammelten sich hunderte Menschen und riefen Autofahrern zu: "Bitte helft uns." Andere streckten leere Becher aus und bettelten um Wasser.

Offizielle Stellen befürchten, dass zehntausende Häuser irreparabel sind. Auch wächst die Sorge, dass sich Seuchen wie Typhus und Cholera ausbreiten könnten. "Die Bedingungen verschlechtern sich rapide", warnte ein Gesundheitsexperte von der Universität Louisiana. "Das Hauptproblem sind der Mangel an sauberem Trinkwasser und der Zusammenbruch der Kanalisation", sagte Professor Herbert Schmitz vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Bei dieser Lage seien wie im vergangenen Dezember nach dem Tsunami in Südostasien Magen-Darm-Infekte wie Ruhr oder sogar Cholera möglich.

US-Präsident George W. Bush sagte, seine Regierung habe die größte Hilfsaktion in der Geschichte der Vereinigten Staaten begonnen. Er kündigte für morgen eine Reise in das Katastrophengebiet an. Er will mehrere Marineschiffe, Amphibienfahrzeuge und Hubschrauber entsendet und dutzende große Feldlazarette mit insgesamt 10.000 Betten einrichten lassen. Hunderte von Lastwagen stünden für Hilfsgütertransporte bereit - wie etwa für die Lieferung von 5,4 Millionen Paketen Fertignahrung. Nach seinen Angaben befanden sich am Mittwoch insgesamt 78.000 Menschen in Notunterkünften.

Bush kündigte zudem eine Politik der "Null-Toleranz" gegenüber Plünderern und Preistreibern in den Katastrophenregionen an. Weder Plünderei noch Preistreiberei oder Versicherungsbetrug würden hingenommen, sagte er dem US-Fernsehsender ABC. Die Situation der besonders Verletzlichen dürfe nach dem Hurrikan nicht ausgenutzt werden.

Deutschland bot den USA Unterstützung an, um der "entsetzlichen Naturkatastrophe" Herr zu werden, sagten Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer in Berlin. Auch Hollywoodstars und Musiker setzen sich mit Spendenaufrufen und Konzerten für die Hurrikan-Opfer ein. Verschiedene Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz und Care International riefen auch hier zu Lande zu Spenden auf.

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