New Orleans Schüsse auf Helikopter - Evakuierung des Superdomes gestoppt

Die Evakuierung von bis zu 30.000 Menschen aus dem Superdome in New Orleans ist unterbrochen worden. Vor dem Stadion war auf einen bei der Räumung eingesetzten Hubschrauber geschossen worden. Im und um das Footballstadion brennen mehrere Feuer.


New Orleans: Flutopfer verlassen den Superdome
REUTERS

New Orleans: Flutopfer verlassen den Superdome

New Orleans - Die Evakuierung der riesigen Halle in New Orleans war in vollem Gang, als vor dem Superdome Schüsse fielen. Bisher unbekannte Täter feuerten auf einen Militärhelikopter. Richard Zeuschlag, Leiter des medizinischen Rettungsdienstes, sagte, es lägen keine Berichte über Verletzte vor. Die Nationalgarde habe mitgeteilt, sie wolle 100 Militärpolizisten zum Superdome schicken, sagte er. "Das ist aber nicht genug. Wir brauchen 1000."

Bereits in der Nacht sei es in der Ortschaft Kenner in der Nähe von New Orleans zu einem bedrohlichen Zwischenfall gekommen, berichtete Zeuschlag. Der Pilot eines Rettungshubschraubers habe beim Landeanflug auf ein Krankenhaus in Kenner festgestellt, dass sich auf dem Landeplatz rund 100 Menschen versammelt hätten. Einige von ihnen hätten Waffen getragen, sagte Zeuschlag. Der Pilot habe daraufhin nicht gewagt, zu landen.

In New Orleans wurde die Bus-Aktion zur Rettung der obdachlos gewordenen Menschen ins texanische Houston nach den Schüssen nach offiziellen Angaben bis zum Tagesanbruch verschoben.

Das Chaos in der überfluteten Stadt nimmt weiter zu. Der Nationalgardist Pete Schneider berichtet von mehreren Feuern, die in um den Superdome brennen. Es seien Mülleimer in Brand gesetzt worden. Es handele sich um eine sehr Besorgnis erregende Situation, da die Feuer wegen der Überschwemmungen nur schwer erreicht würden und sich daher leicht ausbreiten könnten.

"Abtrünniger Bus" verwirrte die Retter

Als der erste Bus vergangene Nacht gegen 22.30 Uhr (Ortszeit) vor dem Astrodome in Houston auftauchte, trauten die Behörden ihren Augen nicht. Ein Konvoi von Bussen mit Passagieren aus dem Superdome in New Orleans wurde erst für Stunden später erwartet. Es stellte sich heraus, dass der ankommende Schulbus gar keine Passagiere aus dem Superdome transportierte. Der "abtrünnige Bus", wie er genannt wurde, gelenkt von einem 20-jährigen Fahrer, hatte sich einfach auf den Weg gemacht, um im Astrodome Zuflucht zu finden. Obwohl nur Evakuierte aus der New Orleanser Superhalle im Astrodome Aufnahme finden sollen, wurde den Passagieren Einlass gewährt.

Fotostrecke

9  Bilder
Flut-Chaos: Bilder aus der verlorenen Stadt

Tief in der Nacht traf dann der erste Konvoi mit Bussen in der rund 350 Meilen von New Orleans entfernten texanische Metropole ein. 50 Passagiere pro Bus bezogen den Astrodome, wo sie Behördenangaben zufolge mindestens bis Dezember ausharren können. Bereits jetzt zeichnet sich ein Kampf um die Plätze in der Mehrzweckhalle ab. Nicht nur die Passagiere aus dem "abtrünnigen Bus", sondern etliche weitere Menschen, die nicht im Superdome in New Orleans Zuflucht gefunden hatten, versuchen im Astrodome Einlass zu finden. Sie wurden zunächst von den Behörden abgewiesen. Später wurde ihnen erlaubt, zur Wasser- und Nahrungsaufnahme ins Gebäude zu kommen.

Unter der strengen Aufsicht von Nationalgardisten hatten die Flüchtlinge in New Orleans den Superdome verlassen und waren in die Busse gestiegen. Der Beginn des Abtransports war nahezu geheim gehalten worden, um einen Massenansturm auf die Fahrzeuge zu vermeiden. Insgesamt sollen 500 Busse im Einsatz sein. Nach Angaben von Bürgermeister Ray Nagin könnten auch Militärflugzeuge für den Transport von Menschen eingesetzt werden, sollten die Busse wegen des steigenden Wassers nicht durchkommen.

Die Behörden begannen zudem damit, mindestens sieben Krankenhäuser zu evakuieren. Michael Brown, Leiter der Katastrophenhilfe, sagte: "Ich vermute, viele werden monatelang nicht in ihre Wohnungen zurückkehren können."

Unerträglicher Gestank

Zuletzt waren die Verhältnisse im Superdome von New Orleans unerträglich geworden. Die riesige Halle hatte ihnen zwar Schutz vor dem verheerenden Hurrikan "Katrina" gewährt, doch dann wollten die Menschen nur noch weg. Die Hitze war unerträglich geworden, der Gestank und die Enge. Ohne Klimaanlage und zeitweise ohne Strom konnten die 25.000 bis 30.000 Menschen in dem Gebäude die Hitze und die schlechte Luft kaum noch ertragen. Als der Wasserdruck immer weiter sank, funktionierten auch die Toiletten nicht mehr. Der Gestank ist inzwischen so schlimm, dass Sanitäter Atemmasken aufsetzen.

"Mir ist egal, wohin sie uns bringen", sagte der 49-jährige James Caire. "Alles ist besser als das hier." Der Arzt Kevin Stephens beschreibt die Zustände im Superdome als den Alptraum jeder Gesundheitsbehörde. "Diese Bedingungen sind grauenhaft", sagt er. "Wir müssen die Menschen da herausholen."

"Ich koche vor Wut"

Wegen der wachsenden Gefahr von Seuchen wie Typhus und Cholera rief die US-Regierung gestern vorsorglich den "Gesundheitsnotstand" für die gesamte betroffene Küstenregion aus. Auch die Plünderungen nehmen immer schlimmere Ausmaße an. Nach Fernsehberichten räumten gestern in der nach einem Dammbruch zu 80 Prozent überfluteten Metropole New Orleans "ganze Horden von Menschen" Läden aus, und Plünderer benutzten in einem Fall sogar einen Gabelstapler, um Fensterscheiben in einem höheren Stockwerk einzuschlagen. Louisianas Gouverneurin Kathleen Blanco sagte kommentierte die Wildwest-Szenen im Fernsehen mit den Worten: "Ich koche vor Wut."

Vorbereitungen im Astrodome: Flucht aus unerträglichen Zuständen
AP

Vorbereitungen im Astrodome: Flucht aus unerträglichen Zuständen

Die Polizei werde alles versuchen, den Plünderern das Handwerk zu legen. "Wir werden sie mit allen Mitteln von den Straßen holen", kündigte Blanco an. Der Aufforderung an die Bevölkerung, sich vor Ankunft von "Katrina" aus der Stadt in Sicherheit zu bringen, waren Tausende Bewohner nicht gefolgt. In einem Bezirk von New Orleans war am Vortag ein ganzes Wal-Mart-Kaufhaus leer geräumt worden, einschließlich der Waffenabteilung. Der Sicherheitschef der Stadt, Terry Ebbert, warnte vor "Banden bewaffneter Männer, die durch die Stadt ziehen".

"Wiederaufbau wird Jahre dauern"

In der Bevölkerung macht sich zunehmend Verzweiflung breit. Auf einer Autobahn bei New Orleans, die passierbar ist, versammelten sich Hunderte Menschen und riefen vorbeifahrenden Autoinsassen zu: "Bitte helft uns." Andere streckten leere Becher aus und bettelten um Wasser. Weinende Menschen flehten Journalisten vor Ort an, ihnen bei der Suche nach vermissten Familienangehörigen zu helfen.

Präsident George W. Bush brach seinen Urlaub in Crawford, Texas, ab und kündigte nach einer Krisensitzung mit Spitzenberatern in Washington eine bisher einmalige Hilfs-und Rettungsaktion an. Der Wiederaufbau in den drei hauptsächlich betroffenen Staaten Louisiana, Mississippi und Alabama werde Jahre dauern, sagte Bush gestern am späten Abend (MESZ) in einer Rede an die Nation. "Aber wir werden es schaffen." Auch die "großartige" Stadt New Orleans werde wieder "auf ihre Beine kommen" und die gesamte Nation am Ende gestärkt aus der Krise hervorgehen, sagte Bush. Zuerst gelte es jedoch, möglichst viele Menschenleben zu retten.

Im Einzelnen kündigte Bush in seiner Rede die Entsendung mehrerer Marineschiffe, amphibischer Fahrzeuge sowie Hubschrauber und die Einrichtung dutzender großer Feldlazarette mit insgesamt 10.000 Betten an. Hunderte von Lastwegen stünden für Hilfsgütertransporte bereit, beispielsweise für die Anlieferung von 5,4 Millionen Paketen Fertignahrung. Bush will auch zusätzliche 11.000 Nationalgardisten in die Katastrophengebiete schicken. 5000 von ihnen sollen der Polizei helfen, für Ruhe und Ordnung zu sorgen.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.