New York Fashion Week: Anne Sophie in der Model-Mühle

Aus New York berichtet Wlada Kolosowa

Wenig Geld, viel Stress - und das für ein paar Glücksminuten auf dem Laufsteg. Anne Sophie Monrad hetzt auf der Fashion Week in New York von Lauf zu Lauf. Das Model aus einem Dorf bei Flensburg ist dort angekommen, wo Tausende hinwollen. Doch mit Glamour hat das nur selten zu tun.

Mode in New York: Das Model und die Week Fotos
Christopher Lane / Getty Images

Der Fuß passt nicht in den Schuh. Der Fuß muss passen. Die Zehen werden mit Creme eingerieben und in drei Nummern zu kleine Heels gepresst. Anne Sophie Monrads Sohle wird zu einem Bogen, ihr Mund zu einem dünnen Strich. Geht's? "Natürlich." Anne Sophie macht ein paar wankende Probeschritte. "Solange ich wackeln darf, wackele ich", sagt sie. Später auf dem Laufsteg heißt es: Zähne zusammenbeißen und perfekte Schritte machen.

Bevor die Show losgeht, werden hinter der Bühne noch ein paar Fotos für das Lookbook der Designerin Karen Walker gemacht. Mund auf, Mund zu, Blick zur Seite, Blick nach unten, Augen in die Mitte rollen, für ein flippiges Motiv: Hier ist eine Mimik-Athletin am Werk, ein Wandlungs-Profi. Anne Sophie ist 20 und seit über drei Jahren im Geschäft. Sie war schon in der "Vogue", hat Kampagnen für Nina Ricci und Custo Barcelona gemacht und schritt für Chanel und Emporio Armani über den Laufsteg.

Als die Blitze erlöschen, erlischt auch Anne Sophies Lächeln. Aber das nur kurz, eine neue Kamera ist schon auf sie gerichtet. Anne Sophies Lächeln ist für alle Objektive da: Für die großen, professionellen, aber auch für das iPhone einer Bloggerin. Aufmerksamkeit ist Geld. Währenddessen zupfen vier Frauen an ihr herum: Die erste bindet die Schleife ihrer Bluse, die zweite befreit die Hose von Fusseln, die dritte überprüft noch einmal die Nägel, die vierte sprayt die Frisur fest. Dann heißt es: "Du bist fertig, Anne Sophie."

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New York Fashion Week: Prinzessinnen und brave Rocker
Fertig - das ist sie tatsächlich ein wenig. Die 50 Castings und dutzende Anproben der vergangenen Tage haben Schatten unter Anne Sophies Augen gelegt. Gelohnt hat es sich trotzdem: Die Fashion Week ist noch nicht zu Ende, und sie ist bereits bei zwölf Schauen mitgelaufen. Das ist gut. Eine Newcomerin macht während einer Fashion Week fünf bis zehn Shows. Über 30 Shows schaffen nur Spitzenmodels wie Karlie Kloss.

Warten und rennen

Die Haare sind gemacht, die Nägel, das Make-up, die Laufstegproben, die Fotos. Jetzt heißt es: warten. Daran ist Anne Sophie gewöhnt, warten macht fast die Hälfte des Jobs aus. Heute macht es sie nervös. Die Show hätte um 16 Uhr anfangen sollen, inzwischen ist es 16 Uhr 20. Laut Zeitplan muss sie um 17 Uhr für Bibhu Mohapatra auf dem Laufsteg sein, etwa fünf Kilometer von hier entfernt. Es ist knapp, aber es ist zu schaffen: Auch die nächste Show wird eine halbstündige Verspätung haben, außerdem wartet ein Fahrer vor der Tür. "Ich werde trotzdem rennen müssen."

"Auf welche Partys gehst Du heute?", fragt eine Modelkollegin. Anne Sophie rollt die Augen. Man darf sich nicht schon am Anfang verheizen, die Fashion Week in New York ist nur der Beginn eines rastlosen Monats. Nach der letzten Show fliegt Anne Sophie nach London. Aus dem Flugzeug geht es direkt zu den Anproben. Die Zeitumstellung ist dem Modebusiness egal. Auf London folgen nahtlos Mailand und Paris, wo Models so viele Termine haben, dass fast jede einen Fahrer braucht.

Modewoche als Eigenwerbung

Heute hat Anne Sophie nach den Shows noch eine Anprobe, danach muss sie noch mit der Leiterin ihrer deutschen Agentur essen. Was morgen passiert, weiß sie nicht. Die Chefin ruft zwischen 10 und 11 Uhr an, um den Plan für den nächsten Tag durchzugeben. Es ist auch schon mal passiert, dass Anne Sophie um Mitternacht unter der Dusche stand und dann mit nassen Haaren und Jogginghose wieder losmusste. "Wenn mein Smartphone spätabends piept, rutscht mir das Herz in die Hose. Ich freue mich dann wahnsinnig, wenn es doch kein Termin ist, sondern eine Werbemail."

Die Ungewissheit auf der Fashion Week ist Teil des Programms: Oft sind die Kleider noch am Tag vor der Show nicht fertig. Für die Models sind die internationalen Modewochen die anstrengendsten Tage im Jahr - und nicht unbedingt die lukrativsten. Oft bezahlen Designer mit Kleidung, die Models erst ein halbes Jahr später bekommen und die nicht immer passt. Manches verkauft Anne Sophie, manches verschenkt sie. "Meine Freunde und Familie haben inzwischen alle Designerklamotten."

Geld gibt es eher bei Katalogen und Kampagnen. Die Fashion Weeks sind für ein Model vor allem Eigenwerbung: Der Catwalk ist auch eine Fleischschau für Redakteure, die nach Models für Editorials gucken, oder Castingdirektoren, die Gesichter für Mode-Kampagnen suchen.

Zu Hause in der Normalität

Nach den Modewochen fährt Anne Sophie immer nach Hause, "schlafen und sich bemuttern lassen". Die Fashion Weeks sieht sie "wie eine Klassenfahrt, bei der man zu wenig schläft und jeden Tag in 15 Museen muss." Es sei zermürbend und aufregend. "Und am Ende ist man froh, nach Hause zu kommen."

Zu Hause, das ist immer noch Sieverstedt bei Flensburg, einer Gemeinde mit knapp 1600 Einwohnern. Obwohl sie seit über einem Jahr in New York lebt, fühlt sich Anne Sophie dort am wohlsten, hier seien ihre echten Freunde. "Zwanzig Minuten hören sie sich Geschichten aus der Modewelt an. Aber schnell ist es wichtiger, wer zu Hause mit wem etwas hatte."

Dann fühlt sie sich Anne Sophie ein bisschen wie früher, als sie Waldorfschülerin war und als Maskottchen Mr. Scandi im "Mr. Scandis Fun Park" jobbte, in einem schweren Kostüm, von dem sie Ausschlag bekam. "Daneben ist Modeln purer Spaß." Auch als Babysitter und als ein Engel bei Karstadt hat sie schon gearbeitet. "Es war mir schon immer wichtig gewesen, mein eigenes Geld zu verdienen."

Irgendwann will sie in diese Normalität zurück: Ein Café aufmachen oder ein Hotel. Es muss nicht unbedingt Mode sein. "Klamotten machen dich nicht glücklich", sagt Anne Sophie. "Handtaschen schon, ein bisschen zumindest." Wie viele sie besitzt, möchte sie nicht verraten. "Ich habe Angst, dass mein Vater es liest."

Bald geht es los. Die Models sind fertig aufgereiht. Fotografen, Journalisten, Stylisten, Kamerateams, Make-up-Artist, Assistenten und Praktikanten halten backstage den Atem an. Und dann geht es ganz schnell. Nach wenigen Minuten ist die Show vorbei, die Models sind zurück hinter den Kulissen. Alle klatschen. Anne Sophie rennt.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. ...
neuroheaven 15.02.2012
ich hoffe, es kommt mal wieder die zeit, wo unter dem begriff "model" auch noch wirklich hübsche menschen zu verstehen sind.
2.
agatha-incarnata 15.02.2012
Zitat von neuroheavenich hoffe, es kommt mal wieder die zeit, wo unter dem begriff "model" auch noch wirklich hübsche menschen zu verstehen sind.
Ein "model" ist eine Person, die für etwas Modell steht. Diese Person muss nicht zwangsläufig hübsch sein!
3. Nicht zu vergessen...
markschaferny 15.02.2012
das Mädchen, die so eingespannt sind, auch entsprechend vergütet werden. Es gibt nicht wenige, die mehrere hundertausend Dollar/Euro in diesem Monat verdienen (NY, P, MI, L, jeweils 20 shows, kann man sich einfach ausrechnen und funktioniert auch nur mit den Top Designers und entsprechend Top Models, i'm looking at you Karlie, Toni, Daria). Jetzt rollt natürlich jeder mit den Augen, aber was diese Teenager den Marken wert sind (und offenbar lohnt es sich für diese auch) und die unglaublich langen Arbeitszeiten (morgens call um 5:30, letzte Show um 20h, dann noch Fittings oder Look Book shootings, machmal geht das bis nach Mitternacht). Da kann man vielleicht doch verstehen, warum solche Summen ausgegeben werden. Nur die weniger gebuchten gehen auf Parties und wie das ausgeht wissen wir ja... Zur Verteidigung der Models muss man aber auch hinzufügen, das der Zirkus der heutzutage Backstage los ist, einfach zu extrem ist. Früher konnte man sich mal mit den Mädels unterhalten oder auch ein Gläschen trinken, heute muss jeder hairstylist mit 2 Assistenten antanzen und es sind neben 30 Photographen dann auch noch 40-50 Reporter schon vor der Show anwesend um jeden zu befragen, einfach Chaos, für 20 Mädchen eine crew von 80 und dazu noch 70-100 Presse, jeder tritt sich auf die Füsse. Der Spass bleibt aus...das währe so als ob ein "normaler" Arbeitnehmer 8 Zuschauer im Umkreis von 2 Meter hat...
4. ....hÜbscher:::::
SURE 15.02.2012
Zitat von neuroheavenich hoffe, es kommt mal wieder die zeit, wo unter dem begriff "model" auch noch wirklich hübsche menschen zu verstehen sind.
Hübsch ein nettes altmodisches Wort. Was ist Hübsch? Für die Industrie und so heisst es nun mal " Modeindustrie", sind Models hübsch die die Umsätze nach oben treiben, das Markenimage heben und die Produkte cool aussehen lassen. Ob das etwas mit Ihrem hübsch zu tun hat, wage ich mal zu bezweifeln. Hübsch im zeitgeistig übertragenen Sinne ist das Jetzt und nicht das Gestern. Hübsch sind also Menschen die etwas aussagen im Gesicht oder im Geist oder im Style. Diese Menschen können laut Ihrer Definition auch nicht hübsch sein, entsprechen dann aber trotzdem dem hübschen Bild, welches die Mehrheit anspricht.
5.
etheReal 15.02.2012
Zitat von neuroheavenich hoffe, es kommt mal wieder die zeit, wo unter dem begriff "model" auch noch wirklich hübsche menschen zu verstehen sind.
Als ich dachte mir gerade beim Betrachten der Bilder "endlich mal wieder ein richtig hübsches Mädchen unter den sonst so gelangweilt arrogant schauenden Models!" So kann's gehen, Geschmäcker sind eben verschieden, ne? ;)
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