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Kontaminiertes Wasser: Zwischenfall in New Yorker Atomkraftwerk

Seit 1962 in Betrieb: Das Atomkraftwerk Indian Point Fotos
Getty Images

Im Grundwasser bei einem Atomkraftwerk in der Nähe von New York City ist dramatisch erhöhte Radioaktivität gemessen worden. Der Gouverneur schlägt Alarm, der Betreiber wiegelt ab.

Bei Grundwassermessungen in der Nähe des Atomkraftwerks Indian Point seien "alarmierend hohe" Strahlungswerte festgestellt worden, erklärte der Gouverneur des US-Bundesstaats New York, Andrew Cuomo, am Samstag. Offenbar sei mit dem radioaktiven Wasserstoffisotop Tritium kontaminiertes Wasser aus dem Kraftwerk ausgetreten. Der Gouverneur ordnete eine sofortige Untersuchung an.

Indian Point steht seit Jahrzehnten in der Kritik. Mit dem Bau des Kraftwerks wurde 1955 begonnen, der erste Reaktor ging 1962 ans Netz. Seit Jahren macht es vor allem mit Störfällen von sich reden. Aus dem 1973 in Dienst gestellten Reaktor 2 beispielsweise entwichen 2009 rund 400.000 Liter Kühlwasser. Als Ursache wurde damals festgestellt, dass die Rohre in den 36 Jahren nach der Inbetriebnahme nicht mehr kontrolliert worden waren und schlicht durchgerostet waren.

Gouverneur Cuomo setzt sich seit Jahren für eine Abschaltung des Kraftwerks ein und sparte auch jetzt nicht an Kritik: "Dies ist weder das erste Mal, dass aus Indian Point radioaktives Wasser entweicht, noch ist es das erste Mal, dass Indian Point signifikante Fehler bei Wartung und Betrieb offenbart. Dieser Zwischenfall zeigt ein weiteres Mal, dass Indian Point nicht weiter auf eine Art betrieben werden darf, die die öffentliche Gesundheit und die Umwelt gefährdet."

Sechs Prozent der Amerikaner leben in der Umgebung

Dass Indian Point trotz aller Kritik, trotz der veralteten Technik und trotz seines Gefahrenpotenzials weiter am Netz bleiben darf, dürfte damit zusammenhängen, dass es für die Stadt New York derzeit ein unverzichtbarer Energielieferant ist. Mehr als ein Viertel des von New York City benötigten Stroms wird in dem alten AKW produziert.

Vor diesem Hintergrund wird gerne ausgeblendet, dass das Atomkraftwerk nur 40 Kilometer von New York City entfernt ist. Gouverneur Cuomo zufolge leben sechs Prozent der US-Bevölkerung in einem Umkreis von 80 Kilometern vom Kraftwerk.

Bei den aktuellen Grundwassermessungen wurden nun Werte von bis zu acht Millionen Picocurie pro Liter festgestellt. Das entspricht eine Steigerung um fast 65.000 Prozent gegenüber früheren Messungen an derselben Stelle, bei denen 12.300 Picocurie gemessen wurden. Die US-Umweltschutzbehörde EPA (Environmental Protection Agency) hat für Trinkwasser einen Maximalwert von 20.000 Picocurie bei Kontamination mit Tritium festgelegt.

Zu der Kontamination sei es gekommen, als Arbeiter bei Wartungsarbeiten hochgradig radioaktives Wasser umpumpen wollten und ein Abfluss überlief, erklärte Neil Sheehan, Sprecher der US-Atombehörde NRC. Eine für solche Fälle vorgesehene Absaugpumpe war außer Betrieb.

Das kontaminierte Wasser werde langsam in den Hudson River diffundieren, an dessen Ufer das Kraftwerk steht, sagte Neil Sheehan weiter. Normalerweise würde es dann mitten im Fluss derart verdünnt werden, dass kaum noch Radioaktivität messbar sei. "Wir glauben, dass es für die Öffentlichkeit keinen Grund zur Sorge gibt", sagte Sheehan.

Dieser Diktion schloss sich Jerry Nappi, Sprecher der Entergy Group, an: Tritium im Boden sei nicht mit den Standards seiner Firma vereinbar, sagte er. Auch habe der Vorfall keine Konsequenzen bezüglich Gesundheit oder Sicherheit. "Es gibt keine Beeinflussung von Trinkwasser, weder auf dem Betriebsgelände, noch in dessen Umgebung."

mak

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Typisch..
birgerhemkendreis 07.02.2016
Die Atomlobby "glaubt", dass es nicht gefährlich sein wird. Ich finde diese für ewig strahlende Energieform derart daneben,und sie kostet uns noch 1000de Jahre Etwas,weil wir die Abfälle nicht loswerden. Dazu die enorme Gefahren bei Erdbeben,Flugzeugabstürzen,Terrorangriffen,etc...siehe Japan. Wer möchte denn freiwillig mit Familie in die Umgebung eines A.Werks ziehen,hä..? Na..? Dann doch lieber nicht,oder..?
2. Beim ersten Durchlesen, glaubte ich
gerd0210 07.02.2016
Beim ersten Durchlesen, glaubte ich folgendes gelesen zu haben: Die mit NOx kontaminierte Luft werde langsam in die Luft auf der Straße wo das Auto fährt, diffundieren, sagt Müller weiter. Normalerweise würde es dann im Fahrtwind derart verdünnt werden, dass kaum noch NOx messbar sei. "Wir glauben, dass es für die Öffentlichkeit keinen Grund zur Sorge gibt", sagte Müller. Dieser Diktion schloss sich Dieter Zetsche, Chef von Daimler Benz, an: NOx in der Luft sei nicht mit den Standards seiner Firma vereinbar, sagte er. Auch habe der Vorfall keine Konsequenzen bezüglich Gesundheit oder Sicherheit. "Es gibt keine Beeinflussung der Atemluft, weder auf der Straße, noch in deren Umgebung."
3. Das Schadensrisiko muss in voller Höhe versichert werden!
isegrim der erste 07.02.2016
Wenn das bei AKW's so wäre, würde niemand mehr so ein Werk betreiben. Ohne Versicherung bleibt aber ein mögliche Schaden an der Allgemeinheit hängen.
4. Das Übliche Geplänkel!
Schreiber5.1 07.02.2016
Bei den Amis wird - wie bei uns auch - generell alles heruntergespielt. Wenn Werte überschritten werden, dann werden die Grenzwerte eben erhöht, dann stimmt´s wieder. Ist doch sooo einfach! Eindrucksvoll der Film über Challenger (nach Tatsachen), der die letzten Tage im TV lief. Die werden sich maßlos geärgert haben, den unabhängigen Prof. Feynman in das Aufklärungskomitee berufen zu haben, der die Schlampigkeiten aus Prestigegründen aufdeckte, denen zufolge 7 Menschen getötet wurden. Das der atomare Dreck noch sehr viele Generationen belasten wird interessiert die Gierschlunde nicht. Auch nicht, dass Aufzeichnungen darüber gar nicht lange genug konservierbar sind, so dass nach langer Zeit die Menschen, sofern es denn dann noch welche gibt, ins offene Messer laufen werden und nicht einmal erkennen können, warum ihre Mitmenschen plötzlich unerklärlich sterben werden. Die am längsten haltenden Aufzeichnungen müssten ist Stein gemeißelt werden, um so große Zeiträume zu überstehen. Der sofortige weltweite Ausstieg ist auch nur noch eine Augenwischerei für künftige Generationen.
5. Der Gouverneur von...
iannis70 07.02.2016
New York State ist da etwas mehr besorgt, als die Betreiber, wie man seinem Statement im Internet entnehmen kann. An einer Messstelle wurden 8.000.000 Picocurie/Liter gemessen, das sind ca. 65.000% über dem zulässigen Wert von 12.300 Picocurie/Liter. https://www.governor.ny.gov/news/statement-governor-andrew-m-cuomo-regarding-indian-point-nuclear-facility Aber, wie wir alle wissen, ist Kernkraft völlig sicher, daher besteht keine Gefahr für die Bevölkerung! Na dann bin ich völlig beruhigt.
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Grafiken: So steht es um die globale Atomindustrie

Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
DPA
In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
DPA
Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.

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