Aus New York berichtet Wlada Kolosowa
Models, Modejournalisten und Einkäufer sind schon weiter nach London geflogen. Security-Leute können ihre No-Nonsense-Mienen abnehmen. Die Blogger weiden mit Photoshop ihre Fotobeute aus. Die exotischen Gestalten, die in den letzten Tagen um ihre Aufmerksamkeit wetteiferten, gehen nach Hause, ziehen ihre Ganzkörper-Anzüge aus Schlangenleder aus, oder Blumentöpfe auf dem Kopf, und sind wieder gewöhnliche Angestellte im mittleren Management. Alles wird ein bisschen normaler, sofern man in dieser Stadt von normal sprechen kann. Die New York Fashion Week ist seit gestern vorbei.
Über 300 Kollektionen wurden in den letzten acht Tagen gezeigt: Im Mercedes Benz Zelt am Lincoln Center, in zahllosen Offsite-Locations und in den Milk Studios in Chelsea. Letztere beheimaten seit 2009 die "Made Fashion Week" (früher bekannt als MAC and Milk) - auf der etwas jüngere, ausgefallene Designer ihre Kollektionen präsentieren.
Das Team von "Made" bestimmt, wer bei ihnen präsentieren darf. Dafür müssen die Designer nichts für die Vorführung bezahlen - anders als im Modezelt am Lincoln Center oder bei selbstorganisierten Schauen. Sponsoren übernehmen die Veranstaltungs- und die Stylingkosten. 42 Designer haben in diesem Jahr bei "Made" präsentiert, unter ihnen die Exzentriker "The Blonds" und das Londoner Designer-Duo Ostwald Helgason - das laut Modeblogs der Newcomer-Geheimtipp der nächsten Saison ist.
Mode digital
New Yorker Taxifahrer werden die Fashion-Week-Gäste vermissen: Sie haben üppiges Trinkgeld gegeben, damit die Fahrer aufs Gaspedal drücken, um schnell von einer Modenschau zur anderen zu kommen. Im Prinzip hätten die Fachleute sich die Hatz aber auch sparen und die meisten Shows von ihrem Bett aus auf dem Computer verfolgen können.
Viele große Labels, wie Marc Jacobs und Tommy Hilfiger, haben ihre Schauen in Echtzeit online übertragen. Außerdem hat das Mode-PR-Unternehmen KCD für Einkäufer und Presse die Plattform "Digital Fashion Shows" aufgemacht. Dort kann das Fachpublikum nicht nur die Shows online angucken, sondern bekommt auch zusätzliche Infos über die Kollektion, hochaufgelöste Bilder und Nahaufnahmen von Details. Die Show von Prabal Gurung auf der New York Fashion Week war die erste, die auf der Plattform ausgestrahlt wurde.
Fokus auf Kunden
Zugang zu "Digital Fashion Shows" bekommt zwar nur eingeladenes Fachpublikum. Alle anderen müssen sich trotzdem nicht grämen: Viele Designer wollen nicht nur die Presse oder die Einkäufer erreichen, sondern auch direkt den Kunden. Carolina Herrera, Diane von Fürstenberg und etwa 30 weitere Designer haben auf dem LiveRunway Kanal auf YouTube ihre Shows übertragen. Auf Style.com und auf Firstcomesfashion.com gibt es weitere ausgewählte Videos.
"Made" ging noch weiter und übertrug alle Shows in Echtzeit auf Livestream.com. Außerdem werden Interviews mit Designern, Showkritiken, Backstage-Fotos und Party-Berichte online gestellt. "Made" hat sich zum Ziel gesetzt, die Mode für alle zugänglich zu machen: Die Plattform hat Applikationen für iPad und iPhone entwickelt, kooperiert mit der Mikroblogging-Plattform Tumblr und hat sogar ein usergeneriertes Photo-Upload-System bereit gestellt, mit dem jeder seine Eindrücke sehen und zeigen kann.
Ob vom heimischen Sofa aus, oder aus der ersten Reihe: Auf New Yorker Laufstegen hat man in diesem Jahr viel Luxus gesehen. In einer wackeligen Wirtschaft wollen die Menschen zeigen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Und die Labels müssen immer stärker um die Gunst der Kunden buhlen - dafür reicht es längst nicht mehr, nur die Aufmerksamkeit in der ersten Reihe zu wecken.
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