Nixons Atombombenpläne Madman im Weißen Haus

Der Vietnam-Krieg spaltete in den siebziger Jahren die USA - und er beschäftigt das Land noch immer. Nun sind bislang geheime US-Dokumente veröffentlicht worden, die eine alte Debatte wieder in Gang bringen: Wollte Präsident Nixon Atombomben auf Nordvietnam abwerfen?


Hamburg - 1969 war ein schlechtes Jahr, um amerikanischer Präsident zu werden. Knapp 500.000 US-Soldaten standen im fernen Südvietnam und kämpften dort gegen eine Guerilla-Armee, die vom kommunistischen Norden des geteilten Landes unterstützt wurde. Jeden Tag starben Hunderte GIs, und ein Ende des Krieges war nicht absehbar.

Doch ein Friedensabkommen hatten sich der im Januar ins Weiße Haus einziehende Republikaner Richard Nixon und sein Sicherheitsberater Henry Kissinger vorgenommen. Haben sie dabei auch den Einsatz von Nuklearwaffen geplant, um die nordvietnamesische Regierung zu Zugeständnissen bei Friedensgesprächen zu bomben? Darüber wird seit Jahrzehnten spekuliert. Nun hat das National Security Archive (NSA), eine private Organisation in Washington, bislang geheime Dokumente der US-Regierung veröffentlicht.

Danach haben enge Mitarbeiter Kissingers erwogen, Atombomben auf das asiatische Land abzuwerfen. So forderten Roger Morris und Anthony Lake am 2. Oktober 1969 eine Vorlage bei den Militärs an, die es dem Präsidenten ermöglichen sollte, vorab "die schicksalhafte Frage (zu entscheiden), wie weit wir gehen werden". Der Präsident könne nicht in einer Operation auf einmal mit "dem Thema taktische Nuklearwaffen konfrontiert werden", sondern müsse vorbereitet sein, "jeden notwendigen Schritt zu unternehmen".

Ob Nixon und sein Sicherheitsberater auch Einsatzpläne für einen Nuklearkrieg gegen Vietnam befohlen haben, geht nicht aus den Unterlagen hervor, ist aber gut möglich. Denn Nixon war begeisterter Anhänger der "Madman"-Theorie: Seine Gegner in Vietnam sollten glauben, dass er zum Schlimmsten fähig sei, auch dem Nuklearkrieg. Er hoffte, auf diese Weise seine Verhandlungsposition zu verbessern.

"Wir werden diese Bastarde bombardieren"

Der Republikaner hatte den Präsidentschaftswahlkampf 1968 mit dem Versprechen gewonnen, er verfüge über einen geheimen Plan, den Vietnamkrieg zu beenden. Der konservative Präsident wollte das Sterben der GIs im Dschungel stoppen, amerikanische Kriegsgefangene freibekommen und zugleich das korrupte südvietnamesische Thieu-Regime - Verbündeter der USA - vor einem Sturz retten.

Der Kalifornier setzte zu diesem Zweck auf eine Mischung aus Verhandlungsangebot und "unwiderstehlichem militärischem Druck". O-Ton Nixon: "Wir werden diese Bastarde bombardieren." Einige Wochen nach seinem Einzug ins Weiße Haus begann die US-Luftwaffe mit der "Operation Frühstück", die aus umfangreichen Luftangriffen bestand. Doch die Nordvietnamesen zeigten sich unnachgiebig bei in Paris laufenden Friedensgesprächen.

Anfang Juli 1969 kamen daher der Präsident und Kissinger überein, den Krieg in Südostasien auszuweiten. "Ich weigere mich zu glauben, dass eine viertrangige Macht wie Nord-Vietnam keine Bruchstelle hat", erklärte Kissinger den neuen Dokumenten zufolge einer Arbeitsgruppe, die er eigens zusammenrief. Die Experten sollten "ohne jegliche Vorbehalte" alle Möglichkeiten eines "brutalen, entscheidenden Schlages" prüfen.

Furcht vor China und der Sowjetunion

Den Nordvietnamesen in Hanoi ließ Nixon ausrichten, er würde "Maßnahmen mit schwerwiegenden Konsequenzen" ergreifen, falls sie nicht bis zum 1. November größere Kompromissbereitschaft zeigten. Kissingers Fachleute empfahlen das Verminen von Häfen und weitere Luftangriffe. Die jetzt freigegebenen Dokumente lassen vermuten, dass sie beim Einsatz der Atombombe an einen begrenzten Nuklearschlag dachten. Denn in einem Vermerk Kissingers an Nixon ist davon die Rede, dass "die totale Zerstörung des Landes oder des Regimes" Vietnams nicht das Ziel sei, sondern Hanois Verbündete China oder die Sowjetunion zu einem Eingreifen bewegen würde. Und daran hatte das Weiße Haus kein Interesse.

Anfang Oktober 1969 wurden die Planungen eingestellt. Nixon war inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass die US-Öffentlichkeit für einen möglicherweise nuklearen Entscheidungsschlag gegen Hanoi mit wohl Hunderttausenden Toten nicht zu gewinnen war. Und "den Kurs einzuschlagen und ihn dann nicht durchzuhalten", so hatte ihn Kissinger belehrt, sei eine "Katastrophe".

Der Vietnam-Krieg ging noch sechs Jahre weiter und endete erst 1975 - mit dem Sieg der nordvietnamesischen Seite.



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