Nominierten-Tricks Wie man sich einen Oscar erschleimt

Die Oscars haben ihren ersten Skandal. Ein Produzent des Favoritenfilms "The Hurt Locker" wurde wegen versuchter Einflussnahme auf die Jury von der feierlichen Preisvergabe ausgeschlossen. Dabei tat er nur, was alle vorher immer tun: schachern, schieben, schamlos schmeicheln.

Aus Los Angeles berichtet

REUTERS / 20th Century Fox

Wer weiß, was Nicolas Chartier sich wirklich gedacht hat? Er sei halt "leidenschaftlich", behauptet er. Zu leidenschaftlich vielleicht oder naiv gar? Er beging jedenfalls eine "totale Anfänger-Dummheit", wie er nun weiß. Doch hätte er sich träumen lassen, dass er damit den Skandal der Oscar-Saison lostreten würde?

Zumal vor dieser Woche kaum jemand jenseits des allerengsten Hollywoodzirkels von Nicolas Chartier gehört hat. Der Franzose mit dem schütteren Haarkranz ist relativ neu hier. Vor fünf Jahren gründete er mit dem Produzenten Dean Devlin die Firma Voltage, deren Sortiment bisher aber meist nur aus B-Movies bestand. Etwa "The Keeper" mit Action-Altlast Steven Seagal, der nie ein Kino sah.

Dieses Jahr kam endlich der Durchbruch. Das von Chartier co-produzierte Irak-Kriegsdrama "The Hurt Locker" räumte fast jeden Preis der Saison ab. Nun ist er für neun Oscars nominiert, darunter auch als bester Film.

Das war Chartier jedoch nicht genug.

"Helfen Sie uns!"

Also schickte er vor zwei Wochen eine E-Mail an Freunde, Kollegen und ausgesuchte Mitglieder der Academy of Motion Arts and Sciences (Ampas), die die Oscars verleiht. "Ich hoffe, es geht euch gut", begann er nonchalant - und bat dann um Stimmen für "The Hurt Locker", "damit wir gewinnen und nicht ein 500-Millionen-Dollar-Film". Das war eine klare Anspielung auf das 3-D-Spektakel "Avatar", den größten Rivalen für "The Hurt Locker". "Helfen Sie uns", flehte Chartier.

Pikant ist, dass die zwei Top-Favoriten für Regie obendrein geschiedene Ehepartner sind - James Cameron ("Avatar") und Kathryn Bigelow ("The Hurt Locker"). Diese wäre außerdem noch die erste Frau, die einen Regie-Oscar gewänne.

Kaum hatte die "Los Angeles Times" von Chartiers E-Mail Wind bekommen, brach in Hollywood die Hölle los. Direkte schriftliche Beeinflussung der 5777 Ampas-Wähler ist nach den Gesetzen des Preises strikt verboten, erst recht, wenn sie "ein negatives oder abfälliges Licht auf einen konkurrierenden Film wirft". Schlimmer noch: Chartiers Postille roch nach spätnächtlicher Preispanik - und dürfte so für "The Hurt Locker" gegenteilige Wirkung haben.

"Locker"-Regisseurin Bigelow handelte also schnell, ließ verbreiten, sie sei "schockiert und entsetzt und betreten". Auch nötigte sie Chartier zum öffentlichen Bußgang. Der entschuldigte sich artig, machte "Dummheit" und "Unkenntnis der Regeln" geltend und machte sich klein: "Für einen Academy Award nominiert zu werden ist die ultimative Ehre."

Zu spät. Am Dienstag verkündete die Ampas ihre "Strafe": Sie nahm Chartier wegen "ethischer Entgleisung" seine Eintrittskarte für die Oscar-Zeremonie ab - was in Hollywood einer Kastration entspricht. Wenn "The Hurt Locker" am Sonntag also tatsächlich gewinnen sollte, dürfen nun statt der vier Produzenten nur drei auf die Bühne. Chartier, fügte die Ampas spitz hinzu, könne sich die Statuette dann ja gerne "irgendwann später" abholen.

Alberner Kinderzank

Was wie alberner Kinderzank wirkt, ist ein Riesenskandal für die Oscar-Gemeinde, die sich um nichts lieber dreht als um sich selbst. Noch mehr, es ist der erste Skandal dieses sonst faden Jahres. In Los Angeles lief die Meldung von Chartiers "Verbannung" in allen Abendnachrichten.

Dabei ist offenes Buhlen um den Oscar nichts Neues. Seit jeher führen viele Anwärter vor der Verleihung immer dreistere Kampagnen. Die Branche verfolgt diese bizarren Wahlkämpfe so atemlos, als stehe der Fortbestand der freien Welt auf dem Spiel, zumal im Kampf um das begehrteste Goldpüppchen der Welt heute kaum noch ein Trick tabu ist.

Der Filmkritiker Mark Harris hat das Spektakel oft genug mitgemacht. Die Oscar-Saison - von der Ampas als spannendes, unberechenbares, quotenträchtiges Rennen inszeniert - verlaufe nicht anders als ein Polit-Wahlkampf, schreibt er im "New York Magazine". Beste Chancen habe, wer die bessere Kampagne führe, mit der besseren Strategie und der packenderen Story, in die sich ein Gewinn kleiden lasse. Etwa: "David schlägt Goliath" - das Underdog-Klischee, das sich 2009 für "Slumdog Millionaire" im Kampf gegen den "Seltsamen Fall des Benjamin Button" auszahlte und jetzt vom "The Hurt Locker"-Team gegen "Avatar" propagiert wird.

Ganzseitige Anzeigen in den Branchenblättern "Variety" und "Hollywood Reporter" ebnen den Weg für diese perfiden Charme-Offensiven. Da präsentiert sich "Avatar" der Oscar-Jury als transzendentales Öko-Oeuvre, derweil die blutige Nazi-Satire "Inglourious Basterds" mit den Jubelkritiken jüdischer Gruppen prahlt.

Butterfahrt der Stars

Parallel dazu begeben sich Stars, Regisseure und Produzenten monatelang auf Butterfahrt, begleitet von ihren stählernen Publizisten. Als Wahlkampfstopps dienen TV-Talkshows, Galas und die immer größere Zahl von Filmpreisen, die die Vorhut der Oscars bilden. Wer ist im vermeintlichen Aufwind? Wer im Abstieg begriffen? Wer sagt was? Wer schneidet wen? Hochkonjunktur nicht nur für die Buchmacher vom Hollywood Boulevard - sondern auch für die Ampas-Garde, die jedes Wort auf die Goldwaage legt.

So tingelte Jeff Bridges, für "Crazy Heart" als bester Hauptdarsteller nominiert, mit einer Art Retrospektive durchs Land, die seine bisher Oscar-lose Karriere betonte. Nach dem Motto: Jetzt ist seine Stunde gekommen.

Eine ähnliche Strategie verfolgt auch Sandra Bullock ("The Blind Side"), die auf einen Sieg als beste Hauptdarstellerin hofft. Schamlos biederte sie sich den Oscar-Juroren an, ließ keine Late-Night-Show, keinen Auftritt im Frühstücksfernsehen und keine Cocktail-Party aus, gab die naive Unschuld, ließ sich von Ehrungen zu Tränen rühren und pflanzte ihrer Oscar-Hauptrivalin Meryl Streep ("Julie & Julia") sogar vor laufenden Kameras einen wohlplatzierten Damenkuss auf die Lippen.

Streep auf Tauchstation

Streep dagegen ist nicht zu sehen. Jetzt wird spekuliert, entweder sei ihr ein Sieg egal - oder dies sei ein cleverer Trick. Sollte Letzteres zutreffen, so funktioniert es wohl nicht. Den bisher letzten ihrer beiden Oscars gewann Streep 1982 für "Sophie's Choice", seither wurde sie zwar elfmal nominiert, siegte aber nicht mehr.

Die Ampas hat dieses muntere Treiben in Regeln fixiert, die jeden Beamten neidisch machen würden. Die Vorschriften für den Ablauf der 82. Oscar-Verleihung umfassen 39 kleingedruckte Seiten. Sie reichen von den Spezifika des Filmmaterials (35 oder 70 Millimeter) und der "minimalen Projektorauflösung" (2048 mal 1080 Pixel) über den Pflichtanteil von Animation in einem Animationsfilm (75 Prozent) bis hin zur Einflussnahme auf die Ampas-Mitglieder - erlaubte (Gratis-Kinokarten) wie unerlaubte (Telefonanrufe).

In die Kategorie "unerlaubt" fallen demzufolge eben auch E-Mails wie das von Nicolas Chartier. Die Ironie: Obwohl er das 15-Millionen-Dollar-Budget des Films fast alleine aufbrachte, war er bei der Crew so unbeliebt, dass er vom Set ausgeschlossen wurde und beinahe sogar gar nicht als Produzent gelistet worden wäre.

Welche Folgen das Drama jetzt für die Oscar-Chancen von "The Hurt Locker" hat, bleibt ungewiss. Die Ampas wartete bis nach Einsendeschluss der Stimmzettel am Dienstag um 17 Uhr Ortszeit, um ihr Urteil gegen Chartier zu verkünden. Auf dem "Starmeter" der Filmwebsite imdb.com schoss Chartiers Popularität unterdessen um 341 Prozent hoch.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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rofeli 03.03.2010
1. Probleme sind das...
... als ob es nichts wichtigeres gibt. Ist das nicht völlig egal?! Aber in der Welt des Glanzes und Glitzers tut es das wahrscheinlich nicht, wenn es auf die Oscars zugeht :) ich hoffe, es gewinnt ein ganz anderer Film, damit sich beide Parteien ärgern können! Welcher ist denn außer Avatar und dem Irak-Kriegsfilm nominiert? Ich finde das Bild der Regisseurin Bigelow gruselig, die hat scheinbar schon die eine oder andere Botoxspritze/Nasenkorrektur/Faclifting etc. hinter sich. Mimik ist definitiv was anderes.
wer es glaubt wird selig 03.03.2010
2. who cares a f....?
...eigentlich kommt meistens nur negativer, realitaetsfremder Schrott aus Hollywood. Der einzige Wahrheitsgehalt solcher Filme ist Dummheit und Selbstverarschung der Spezie Homo Sapiens......naja das sollte uns in der Tat die 500Mio Dollar wert sein ;)
blanker_hans 03.03.2010
3. Abgekupfert
Das hat der Herr Pitzke ja ganz wunderbar bei Dailybeast.com abgeschrieben - so wie er fast all seine Geschichte abkupfert. Gibt es dafuer eigentlich Geld? Kann man sich fuer den Job bewerben??
SuPo, 03.03.2010
4. Realitiätsfremd
Zitat von wer es glaubt wird selig...eigentlich kommt meistens nur negativer, realitaetsfremder Schrott aus Hollywood. Der einzige Wahrheitsgehalt solcher Filme ist Dummheit und Selbstverarschung der Spezie Homo Sapiens......naja das sollte uns in der Tat die 500Mio Dollar wert sein ;)
Hurt Locker ist keineswegs realitätsfremd. Ganz im Gegenteil, zeigt er sehr realistisch was aus Menschen im Krieg wird. Verdient hätte er den Oscar. Zu Avatar äußere ich mich besser nicht mehr, bevor die blauen Indianerfreunde wieder meinen Skalp fordern. :D
centennials, 03.03.2010
5. ...
Ich will ja nicht klugscheissen, aber "Ampas" ist die Abkürzung für "Academy of Motion Picture Arts and Sciences".
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