Nordkorea: Die Angst des "Lieben Führers" vor dem Drahtesel

Von Andreas Lorenz

Einst war es verboten, dann erlaubt, später erneut aus dem Verkehr gezogen und schließlich doch wieder geduldet. Das gute alte Fahrrad scheint Nordkoreas "Lieben Führer", Kim Jong Il, erhebliche Kopfschmerzen zu bereiten.

Fahradfahrer in Pjöngjang: Mit Typ "Seemöwe" eine gute Partie
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Fahradfahrer in Pjöngjang: Mit Typ "Seemöwe" eine gute Partie

Pjöngjang - Mit seinem Atomwaffenprogramm versetzt Diktator Kim Jong Il die Welt in Angst und Schrecken. Mit einer weitaus harmloseren Technologie aber hat er große Probleme. Nachdem er im Frühjahr seinen Untertanen auf den großen Straßen der Hauptstadt Pjöngjang das Fahrradfahren untersagt hatte, musste er das Verbot jetzt wieder aufheben. Die städtischen Busse konnten die zusätzlichen Passagiere nicht verkraften, berichteten Bewohner.

Nordkoreanische Funktionäre hatten die seltsame Entscheidung damit erklärt, Kim wolle die Radfahrer nach einem schweren Unfall vor den Autos schützen. In Wahrheit ging es ihm wohl darum, die Mobilität der Hauptstädter einzuschränken. Der Herrscher wolle verhindern, dass Informationen zwischen Pjöngjang und dem Rest des Landes ausgetauscht werden können, glauben Ausländer in Pjöngjang.

Auf dem Land sind Drahtesel oft das einzige Transportmittel, da der große Treibstoffmangel dazu führt, dass in Nordkorea nur wenige Autos, Busse und Lastwagen fahren.

Fahrräder sind in Pjöngjang ohnehin eine relativ neue Erscheinung. Bis Mitte der neunziger Jahre waren sie in Nordkoreas Metropole nicht zu finden. Sie würden den Verkehrsfluss stören, hieß es - was erstaunlich war: Damals gab es noch weniger Autos als heute.

Typ "Fliegende Taube"

Radler im Regen: Frauen dürfen nur schieben
AP

Radler im Regen: Frauen dürfen nur schieben

Pjöngjang Die in Nordkorea erhältlichen Fahrräder stammen meist aus einheimischer Produktion und heißen "Songchonggang" (Songchong-Fluss). Etwas teurer ist die Marke "Seemöwe". Mittlerweile werden auch chinesische Drahtesel, Typ "Fliegende Taube", verkauft. Sogar japanische Fahrräder sind seit einigen Jahren zu haben. Meist werden sie gebraucht importiert.

Sie alle kosten jeweils mehrere Monatslöhne. Ein Mann, der auf einer "Seemöwe" zum Rendezvous radelt, gilt bei den Hauptstädterinnen als gute Partie. Frauen allerdings ist das Vergnügen einer Fahrradtour nicht vergönnt. Vor Jahren schon hat Kim ihnen in Pjöngjang verboten, in die Pedalen zu treten. Nur schieben ist erlaubt. So traf der jüngste Ukas auch nur die Männer.

Rätselhaftes Nordkorea: Warum der "Liebe Führer" seine weiblichen Untertanen nicht auf den Sattel lässt, liegt im Dunkeln. Diese Art der Fortbewegung sei für Nordkoreanerinnen zu gefährlich, heißt es offiziell. Dabei lenken Frauen schwere Busse. Flotte Polizistinnen regeln auf Straßenkreuzungen den Verkehr - sie sollen übrigens von Kim persönlich ausgesucht werden -, nur Fahrräder können sie offenbar nicht beherrschen.

Einen anderen Grund hatte das staatliche Fernsehen 1999 genannt: Radfahrerinnen verstießen gegen "Moral und Anstand". Hier liegt vielleicht die wahre Erklärung für die Diskriminierung: In den Augen Kims, der sich gern mit hübschen Tänzerinnen umgibt, sind Frauen auf Fahrrädern unschicklich.

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