Überlebende der "Norman Atlantic" "Wir hielten die Kinder in unseren Armen und beteten"

Passagiere der "Norman Atlantic" berichten von den dramatischen Stunden an Bord: Eine Überlebende erzählt, wie sie und ihre Familie auf einem Rettungsboot um ihr Leben bangten. Und wie die Crew sich vor allem um die eigene Sicherheit kümmerte.

Von , Athen


Rania Antonaki hatte ein mulmiges Gefühl, als sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern, sieben und neun Jahre alt, die "Norman Atlantic" am Samstag bestieg. Sie waren von einem anderen Schiff ausgegangen. Was dort im Hafen von Patras nun vor ihnen stand, machte ihr Angst. "Die 'Norman Atlantic', das sahen wir gleich, war ein heruntergekommenes Schiff."

Antonaki überlegte noch, was sie tun sollte, als sie einen Passagier beobachtete, der sich offensichtlich entschieden hatte, das Schiff wieder zu verlassen und sein Auto von Bord holen wollte. "Sie sagten ihm, dass er sein Geld nicht zurückbekommen werde und für die Verzögerung zahlen müsste." Antonaki und ihr Mann entschieden, mit der "Norman Atlantic" zu fahren. Am Samstagnachmittag verließ das Schiff den Hafen in Richtung Ancona.

Antonaki, 43, erzählt all das am Telefon. Die Gynäkologin hat das Unglück überlebt, den Brand an Bord der Fähre "Norman Atlantic", der mindestens zwölf Menschen das Leben kostete. Doch an Land ist sie noch immer nicht.

"Unsere Kinder waren in Panik"

In der Nacht auf Sonntag schlief sie nicht, der Zustand der Fähre beunruhigte sie zu sehr. Am Morgen dann habe sie Rauch gerochen, der Geruch sei aus der Belüftungsanlage gekommen. "Ich weckte meinen Mann und die Kinder. Es war kein Alarmsignal zu hören, niemand kam, um uns zu warnen oder zu helfen."

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Sie schafften es irgendwie auf ein Rettungsboot, gemeinsam mit anderen Passagieren und Crew-Mitgliedern entfernten sie sich von dem Schiff, aus dem dunkler Rauch quoll. "Unsere Kinder waren in Panik. Es war bitterkalt, schwerer Regen, der Wellengang war bedrohlich. Aber wir versuchten, ruhig zu bleiben und ihnen zu helfen. Wir hielten sie fest in unseren Armen und beteten", sagt Antonaki.

Acht Stunden verbrachten sie auf dem Rettungsboot, ein Spielball der Wellen, ohne Antrieb oder Steuerung. Zweimal näherten sie sich Schiffen. Crew-Mitgliedern der "Norman Atlantic" sei es gelungen, sagt Antonaki, sich über herabgelassene Leitern in Sicherheit zu bringen. Die Passagiere aber schafften es nicht an Bord, der Wellengang war zu stark. Manche fielen ins Meer, als sie versuchten, die Leiter hochzuklettern. Die Passagiere warfen ihnen Rettungswesten zu, doch Antonaki sah mindestens zwei Menschen zwischen den Wellen untergehen.

Schließlich kam die "Aby Jeannette" zu Hilfe, ein rund 230 Meter langer Frachter. Die Crew ließ ein Netz herunter, damit wurde einer nach dem anderen an Bord gezogen. Die Wellen zerrissen das Rettungsboot, kurz nachdem der Letzte es verlassen hatte.

Antonaki ist die Verbitterung über die Crew der "Norman Atlantic" anzuhören, die ihnen erst nicht half und sie dann auf dem Rettungsboot zurückließ. Aber auch die Dankbarkeit für die Mannschaft der "Aby Jeannette". "Sie gaben uns ihre Kleidung, sogar ihre Unterwäsche, ihre Decken und ihre Lebensmittel." Sie seien zu Tränen gerührt gewesen, als sie die Kinder in die Arme schlossen. "Als wären es ihre Kinder."

Behörden hielten "Aby Jeannette" in Bereitschaft

Nach Angaben der griechischen Küstenwache sind mindestens zehn Menschen gestorben, die an Bord der "Norman Atlantic" waren. Zwei albanische Seemänner starben zudem bei einem Unfall. Offenbar war ein Seil gerissen, als sie die "Norman Atlantic" vertauen wollten.

Niemand weiß genau, wie viele Menschen sich tatsächlich an Bord befanden. Auf der Passagierliste stehen 475 Namen. Manche Passagiere aber, die sich von der Fähre retten konnten, standen nicht auf der Liste. Es handelt sich vermutlich um Migranten. 427 Menschen, so der Stand am Dienstagnachmittag, haben überlebt, darunter 56 Besatzungsmitglieder. Nimmt man allein die offiziellen Zahlen und geht von zehn Toten aus, wäre derzeit das Schicksal von mindestens 38 Menschen ungewiss.

Antonaki und ihre Familie sind noch immer an Bord der "Aby Jeannette", gemeinsam mit 34 weiteren Überlebenden. Das Schiff könnte längst in einem Hafen sein, aber die italienischen Behörden entschieden zunächst, dass es in der Nähe der verunglückten Fähre bleiben soll, falls weitere Menschen gerettet werden müssen. Dann sollte es den Hafen von Manfredonia anlaufen. Doch es stellte sich heraus, dass die "Aby" zu groß ist. Und das Wetter ist zu schlecht, um Menschen per Helikopter oder kleineren Schiffen an Land zu bringen. Nun soll der Frachter den Hafen von Tarent im Süden Italiens anlaufen, er wird dort am frühen Mittwochmorgen erwartet.

Antonaki, ihr Mann und ihre Kinder brauchen also noch etwas Geduld. Sie sagt: "Wir wollen einfach, dass dieser Albtraum ein Ende hat."

rls/AP/dpa/Reuters

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