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Notarzt bei der Love Parade: "Was, wenn wir einen Toten haben?"

Von , Duisburg

Für Notarzt Frank Marx war der Einsatz beim Love-Parade-Unglück das Schlimmste, was er je erlebt hat. Der 51-Jährige koordinierte die Retter im Tunnel. Was er im "Vorhof zur Hölle" erlebte, wird er wohl nie vergessen.

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Dr. Frank Marx: "Ich war so glücklich, helfen zu dürfen"

Frank Marx liebt seine Feuerwehr. An manchen Tagen aber hasst er sie auch. Heute ist so ein Tag. Als ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes bei der Duisburger Feuerwehr benötigt Marx einen Rettungswagen mit Martinshorn, Spezialausrüstung und allem drum und dran. Das Auto, das er bislang fuhr, droht seinen Geist aufzugeben. Der 51-Jährige rechnet mit einem Behördenlabyrinth, bis ein vergleichbarer Ersatz durchgeboxt ist.

Den Ärger darüber merkt man ihm nicht an. Frank Marx ist ein freundlicher Mann mit Brille und grünen, munteren Augen. Bedächtig, fast pastoral begegnet er Fremden, herzlich den ihm Vertrauten, ungemütlich den Vorgesetzten. Seit 1997 ist er im Amt. Wer seine Hartnäckigkeit scheut, bezeichnet ihn als unbequem und penetrant. Dabei erfüllt ihn nur wenig mehr, als mit seinen Kollegen morgens um 2.45 Uhr in der Wohnung eines Patienten Leben zu retten oder jeden Tag pünktlich um 11.30 Uhr in der Wohnstube der Feuerwehr Duisburg zu Mittag zu essen.

Am Tag der Love Parade ist er Libero, ohne feste Aufgabe, der Mann für alles. Über sein Funkgerät hört er von einer Schlägerei unter Jugendlichen und eilt zur Sanitätsstation 91-6 an der Düsseldorfer Straße. Bei seinem Eintreffen hat sich die Prügelei in Luft aufgelöst. Er ahnt nicht, dass in diesem Moment wenige Meter entfernt Menschen sterben oder um ihr Leben kämpfen.

Dann piept das Alarmgerät, das am Bund seiner weißen Hose haftet. In Lage 2, so heißt der Abschnitt laut Feuerwehrplan, soll es eine Massenpanik geben. Frank Marx rast über die A59 zu einer kleinen Treppe, die in den Tunnel führt. Er landet, so sagt er selbst, "im Vorhof zur Hölle": Er sieht Ohnmächtige, Tote, Verletzte, dazwischen Betrunkene und Raver, die verzweifelt Erste Hilfe leisten. Sie stemmen sich auf Brustkörbe, reanimieren, fächeln einander Luft zu.

Sie alle sehen aus wie nach einem Grubenunglück: Ihre Gesichter, die nackten Arme und Beine, die Kleidung ist eingestaubt, verdreckt und voller Blut. Vom Gelände des Alten Güterbahnhofs wehen Techno-Bässe der Floats und das Gejohle der tanzwütigen Meute herüber. Eine äußerst surreale Situation, wie sich Marx erinnert.

Heute ist der Mediziner dankbar dafür, dass er nicht fest eingeplant war in dem aufwendigen, monatelang ausgetüftelten Rettungsplan, sondern dass er die einzelnen Stationen abklappern sollte. "Was für ein Privileg." Die Kollegen, die an jenem Tag in der Zentrale saßen oder an einem Sanitätsposten eingetragen waren und nicht weg durften, hätten gern geholfen. Das Gefühl der hilflosen Ohnmacht habe ihnen zugesetzt, so Marx. Er selbst dagegen übernimmt im Tunnel nach wenigen Sekunden die Koordination, lässt die Betonröhre räumen, gibt Anweisungen und Kommandos, schafft Ordnung im Chaos. Er ist bis zum Eintreffen des im Plan festgelegten Einsatzleiters der Chef im Ring, wie er selbst sagt. "Ich war so glücklich, helfen zu dürfen und dass alle auf mich hörten, obwohl ich laut Plan kein vorgesehener Einsatzleiter war."

Er lässt die Leichen nach vergeblichen Wiederbelebungsversuchen mit sogenannten Patientendecken oder silberner Rettungsfolie abdecken, alarmiert die Notfallseelsorger. Neun Hubschrauber sind im Einsatz, bis zum Abend sind 4000 Helfer vor Ort. Die Rettungskräfte gehören zu den wenigen, die bei der Katastrophe von Duisburg mit Recht darauf verweisen können, ihren Job gut gemacht zu haben.

Viele von ihnen mussten nach der Katastrophe seelsorgerisch betreut werden, einige konsultierten Fachärzte, andere wurden krankgeschrieben. Die Ausfallquote in den Monaten danach sei enorm gewesen, die Krankenquote so hoch wie nie zuvor in Duisburg, sagt Marx. Oft seien Kollegen nach der Katastrophe von Wehwehchen eingeholt worden, die sie vorher nicht spürbar beeinträchtigt hatten. "Aber heute sind alle wieder gesund."

Die Love Parade sei jedoch noch immer ein Thema. "Das Reden über Gefühle war bei den harten Feuerwehrbeamten im Rettungsdienst nicht unbedingt ausgeprägt. Seit der Love Parade ist das anders. Heute wissen die meisten, dass man sich seiner Gefühle nicht zu schämen braucht."

"Die Love Parade ist das Schlimmste "

Frank Marx sitzt in seinem Büro im Gebäude der Duisburger Feuerwehr nahe der Autobahn. Aus dem Funkgerät dröhnt es: "Wohnungsbrand in Ehingen!" An den Wänden hängen Fotos von ihm vor einem knallorangenen Rettungshubschrauber und zwei Uhren. Die eine zeigt die deutsche Zeit, die andere die in Boston. Jedes Jahr fliegt er dort hin, begleitet ärztlich den Marathon. In einem Vortrag schilderte Marx ihnen die Arbeit seiner Leute am Beispiel der Love Parade.

Frank Marx hat die traurigen Seiten des Lebens längst kennengelernt. Er hat oft im Ausland gearbeitet: Im Kongo, in Namibia, im Sudan, in New Orleans. Erdbeben, Flutkatastrophen und der Hurrikan "Katrina" haben ihn Erschreckendes sehen und erleben lassen. In einem Flüchtlingslager in Goma versorgte er mit einem Team 200 bis 300 Patienten pro Tag. Einmal wurde auf ihn geschossen, später auf das Auto, in dem er saß. "Ich hatte damals Angst", sagt er. "Und die Love Parade ist von allem, was ich bisher erlebt habe, das Schlimmste." Das liege vor allem an der punktuellen Belastung. "Nie zuvor war ich in einer kurzen Zeit so gefordert."

Die Bilder aus dem Tunnel sind auch nach einem Jahr nicht verblasst. Noch immer sieht Frank Marx das Mädchen vor sich, das kniend ein anderes auf dem Schoß sitzen hat und ihm wie einem Baby aus einer Flasche zu trinken gibt. Oder wie ihn der junge Rettungssanitäter nach erfolgreicher Reanimation mit großen Augen anblickt und fragt, ob er die Frau nun in die Klinik begleiten dürfe.

"Diese Hingabe und Zuwendung, dass die Leute einander helfen wollen und es auch tun, ist unbeschreiblich", konstatiert Marx. Als Arzt auf einem Rettungshubschrauber kennt er es, an Einsatzstellen zu kommen, an denen die Kollegen fremd sind - und doch spricht man die gleiche Sprache. "So war es eben auch mit all den Laienhelfern und Polizeibeamten: Wir verstanden uns nahezu blind."

"Ach nee, es wird doch wohl keinen Toten geben"

Zu den Bildern, die ihn nicht loslassen, kann Marx jederzeit das Geräusch abrufen - eine Mischung aus knatternden Hubschraubern und aufheulenden Martinshörnern. Stundenlang schallten sie durch Duisburg. Wie im Krieg habe sich das angehört.

Frank Marx ist ein empathischer Mensch. Wenn ihm weinende Menschen zu nahe kommen, kann er seine Tränen ebenso wenig zurückhalten wie bei dem einen oder anderen Fernsehfilm. Aber wenn er als Arzt im Einsatz ist, ist es Teil seines Berufs, die Belastung auszublenden. Er hat bis heute keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen.

Frank Marx wird bald eine Polizeibeamtin heiraten, die im Kriseninterventionsteam mitarbeitet. Sie haben viel miteinander geredet in den Wochen und Monaten nach der Katastrophe. "Sie kennt alle Details", sagt der 51-Jährige. "Es tut gut, so jemanden wie sie zu Hause zu haben."

Monatelang hatte Frank Marx auf den 24. Juli als einer von 50 Kollegen der Feuerwehr im Vorbereitungsteam hingearbeitet, ein Konzept für die Rettungskräfte mitentwickelt, verschiedene Szenarien durchgespielt. Demnach hatte die Feuerwehr mit etwa 450 Verletzten gerechnet und für deren Versorgung 50.000 Euro veranschlagt. "Für dieses Geld hätten wir alle auf klinischem Niveau in einem Behelfskrankenhaus behandeln können", erklärt Marx. Mit Labor, Röntgen und allem drum und dran. Doch die Krankenkassen lehnten ab. So kostete die Love Parade letztendlich für die etwa 450 Patienten, die tatsächlich in ein Krankenhaus transportiert werden mussten, 540.000 Euro - pro Person 650 Euro Notarzteinsatz plus 550 Euro die Behandlung in der Klinik.

Zwei Wochen vor der Love Parade bekam Marx einen Anruf von Lars Althaus, Leiter der Rechtsmedizin im Klinikum Duisburg. "Was machen wir, wenn wir einen Toten haben?", fragte Althaus. "Ach nee, auf der Love Parade wird es doch wohl keinen Toten geben", sagte Marx. Man vereinbarte, dass in diesem Ausnahmefall ein Rechtsmediziner zum Fundort gerufen werden solle, um gemeinsam mit der Polizei die Begleitumstände vor der Obduktion des Leichnams zu untersuchen.

Als Marx im Tunnel stand, war Althaus einer der Ersten, die er anrief.

Die Gesichter der Katastrophe: SPIEGEL ONLINE porträtiert Menschen, die bei der Love Parade waren und den Reportern in den Tagen nach dem Unglück ihre Geschichten erzählten. Begegnungen ein Jahr danach: Wie geht es ihnen heute? Was hat sich seither verändert?

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Über
Ruler 11.07.2011
Stuttgart21 schlagen sich die Parteien die Köpfe ein, Duisburg21 ist so gut wie vergessen. Aus dem Auge, aus dem Sinn.
2. Re: Notfallarzt bei der Love Parade
schifahrer 11.07.2011
Schaffen Sie und Ihre Kollegen von sämtlichen Medien es auch mal, richtig für den Bereich der nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr zu recherchieren? Ich verliere langsam den Glauben daran, daß das irgendwann mal jemand schafft, Dinge und Personen richtig zu bezeichnen. Es gibt keinen Notfallarzt. Das nennt sich Notarzt (NA). Und der Notarzt fährt auch nicht im Rettungswagen (RTW) umher - sondern im Notarzteinsatzfahrzeug (NEF), ganz selten sitzt er noch im Notarztwagen (NAW). Das ist ein RTW, der permanent mit einem Notarzt besetzt ist. Weil das aber zu teuer und unflexibel ist, wird eben jener mit einem NEF zur Einsatzstelle gebracht und versorgt dann ZUSAMMEN mit dem Rettungsdienstpersonal - bestehend aus Rettungssanitätern (RS) und Rettungsassistenten (RA - der Assi vom Arzt!) - den jeweiligen Pat. Und zu solchen Notfällen fahren in aller Regel auch nur RTW. Krankentransportwagen (KTW) oder Krankenwagen - wie Sie auch oft fälschlich schreiben - dienen nämlich nur dem Transport von Erkrankten und sonst hilfebedürftigen Personen und werden nur in Ausnahmefällen für die Notfallrettung herangezogen. Meinen Sie, Sie schaffen es, in Zukunft etwas differenzierter zu schreiben und vielleich auch einen Korrekturleser mit Fachwissen zu Rate zu ziehen? Diese Thematik bezieht sich bestimmt nicht nur auf diesem Bereich. Viele andere Leser werden sich sicherlich aufgrund ihrer handwerklichen Fehler genauso die Haare raufen. Vielen Dank.
3. "Verantwortung des Veranstalters"
regierungs4tel 11.07.2011
Ich bin immer noch wütend über die damalige Schuldzuweisung der Polizei und ihres Innenministers an die Adresse des Veranstalters. Dass eine Überwälzung der polizeirechtlichen Verantwortung auf den kommerziellen Veranstalter verfassungsrechtlich gar nicht möglich gewesen wäre, war jedem Juristen klar. Und dennoch tönte es wochenlang in den Medien, die Polizei sei gar nicht verantwortlich gewesen, die Katastrophe abzuwenden. Was für eine Politgangsterei: http://berlin2011.wordpress.com/2010/07/27/schwere-fehler-beim-polizeieinsatz-in-duisburg/
4. Mein Gott
terra0815 11.07.2011
Mein Gott; jetzt mal nicht so kleinlich sein; der Bericht an sich ist gut gelungen und an sowas würde ich mich nicht aufhalten wollen. Ein Rettungsassistent
5. Ach nee
rainer_d 11.07.2011
Zitat von schifahrerSchaffen Sie und Ihre Kollegen von sämtlichen Medien es auch mal, richtig für den Bereich der nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr zu recherchieren? Ich verliere langsam den Glauben daran, daß das irgendwann mal jemand schafft, Dinge und Personen richtig zu bezeichnen. Es gibt keinen Notfallarzt. Das nennt sich Notarzt (NA). Und der Notarzt fährt auch nicht im Rettungswagen (RTW) umher - sondern im Notarzteinsatzfahrzeug (NEF), ganz selten sitzt er noch im Notarztwagen (NAW). Das ist ein RTW, der permanent mit einem Notarzt besetzt ist. Weil das aber zu teuer und unflexibel ist, wird eben jener mit einem NEF zur Einsatzstelle gebracht und versorgt dann ZUSAMMEN mit dem Rettungsdienstpersonal - bestehend aus Rettungssanitätern (RS) und Rettungsassistenten (RA - der Assi vom Arzt!) - den jeweiligen Pat. Und zu solchen Notfällen fahren in aller Regel auch nur RTW. Krankentransportwagen (KTW) oder Krankenwagen - wie Sie auch oft fälschlich schreiben - dienen nämlich nur dem Transport von Erkrankten und sonst hilfebedürftigen Personen und werden nur in Ausnahmefällen für die Notfallrettung herangezogen. Meinen Sie, Sie schaffen es, in Zukunft etwas differenzierter zu schreiben und vielleich auch einen Korrekturleser mit Fachwissen zu Rate zu ziehen? Diese Thematik bezieht sich bestimmt nicht nur auf diesem Bereich. Viele andere Leser werden sich sicherlich aufgrund ihrer handwerklichen Fehler genauso die Haare raufen. Vielen Dank.
Sie sind ein Scherzkeks. Ist ihnen noch nicht aufgefallen, dass die Medien, Kino und Fernsehen so ziemlich jedes Fachgebiet so lange durch den Wolf drehen, bis es zwar auch der letzte Idiot versteht, es dafür aber mit den eigentlichen Fakten kaum noch was zu tun hat? Das betrifft (wahrscheinlich) auch Themen wie "Politik" und "Gesellschaft" - nur fällt es dort kaum jemand auf, und die, denen es auffällt haben es schon längst aufgegeben zu protestieren....
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