Notwasserung in New York Die kleinen Helden vom Hudson

Seit er seinen Airbus mit 155 Insassen sicher auf dem Wasser aufsetzte, wird Chesley Sullenberger als großer Held gefeiert. Doch in den Minuten nach der Notwasserung erwiesen sich noch andere Menschen an Bord als Helden - oder als Egoisten. Passagiere berichten.


New York/Berlin - "Fertigmachen zum Aufprall" - mit ruhiger, freundlicher Stimme gibt Kapitän Chesley Sullenberger den Passagieren des US-Airways-Flugs 1549 die Anweisung für die bevorstehende Notwasserung durch.

Passagierrettung auf dem eiskalten Hudson vor Manhattan: "Gern geschehen"
REUTERS

Passagierrettung auf dem eiskalten Hudson vor Manhattan: "Gern geschehen"

Unmittelbar darauf setzt der Airbus auf dem Hudson River auf. Doch bis die Leute an Bord tatsächlich aufatmen können, vergehen noch etliche Minuten - die vielleicht längsten Minuten im Leben von 155 Menschen.

Inzwischen haben viele der Passagiere von den dramatischen Ereignissen in dieser Zeit berichtet:

"Der Pilot hat uns gerettet. Er ist der Held, er ist absolut der Held", lobt Passagier Vince Spera den Mann, der den vollbesetzten Airbus so sanft auf dem Wasser aufsetzte, dass er nicht auseinanderbrach. "Dem Piloten ist es zu verdanken, dass meine kleine Tochter noch einen Vater hat und meine Frau noch einen Mann", sagte auch Brad Wentzell dem US-Sender CNN.

Doch Sullenberger war nicht der einzige an Bord, der an diesem Donnerstag mit vorbildlichem Verhalten glänzte. Wentzell selbst etwa, ein 31 Jahre alter Geschäftsmann, gehörte zu denen, die nicht nur daran dachten, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Nach der Notwasserung war er mit anderen sofort zum hinteren Ausgang gegangen, doch die Tür war bereits unter der Wasseroberfläche. Es war klar: Selbst wenn man diese Tür öffnen könnte, stünde sofort alles unter Wasser.

Als die Menge nun wieder nach vorne drängte, sah Wentzell laut "New York Times" Tess Sosa, eine Mutter mit ihrem neun Monate alten Sohn, zwischen den Sitzen. In dem Chaos war sie von ihrem Mann und der vierjährigen Tochter getrennt worden. Die Leute ließen sich nicht durch, so dass sie schließlich versuchte, mit ihrem Kind über die Sitze zu klettern, um nicht im Gedränge erdrückt zu werden. Wentzell nahm sich der beiden an und schleuste sie sicher zu einem Notausgang über dem Flügel.

Einen der Notausgänge hatte Don Norton, ein 35-jähriger Angestellter einer Finanzfirma, geöffnet. Er war es, der sich als erster auf den Flügel hinauswagte. Als bereits 20 bis 30 Personen nach ihm auf den Flügel gedrängt waren, bemerkte er, dass er sein Sitzkissen vergessen hatte. Hunderte Male hatte er schon die Aufforderung gehört, es im Fall einer Notlandung auf dem Wasser mitzunehmen, als Schwimmhilfe. "In dem Moment drückte mir die Frau neben mir mein Sitzkissen in die Hand. Das schweißte uns zusammen." Etwas später brauchte Norton es tatsächlich, da die zur Rettung geeilte Fähre nicht ganz bis zum Flügel kam. Er musste ins Wasser springen und hinschwimmen.

Dave Sanderson, ein 47-jähriger Vater von vier Kindern aus Charlotte, kümmerte sich um eine Mutter mit ihrem sechs Monate alten Baby. Er bahnte ihr den Weg zum Notausgang und half, das Kind in ein Rettungsboot hinüberzureichen. "Ich sollte eigentlich einen späteren Flug nehmen. Aber Gott hat mich in dieses Flugzeug geschickt", sagte er der Zeitung "New York Daily News".

Der "New York Times" erzählte er allerdings auch die Geschichte von einer älteren Frau, die den Gang versperrte, weil sie ihr Gepäck aus dem Gepäckfach zog. "Ich habe geschrien: 'Raus! Raus hier!'", aber sie meinte: 'Ich brauche meine Sachen.'" Dann habe ein anderer Passagier die Frau gepackt und in ein Rettungsboot geworfen. Ihr Gepäck trieb im Fluss.

Ein anderer Passagier soll sich tatsächlich mit seiner Kleidertasche auf den Flügel gerettet haben. Und eine Frau im Pelzmantel habe allen Ernstes einen Fremden gebeten, noch einmal in das sinkende Flugzeug zurückzugehen, um ihre Handtasche zu holen.

"Ich dachte, wir werden alle sterben", erinnert sich Elizabeth McHugh, 64, die zu ihren Enkelkindern in Charlotte unterwegs war. "Ich dachte die ganze Zeit: Jetzt kann ich meiner Familie nicht mehr sagen, wie sehr ich sie liebe."

Jeff Kolodjay auf Platz 22 A, der mit fünf Golffreunden zu einem jährlichen Turnier unterwegs war, sah den hinteren Teil der Maschine immer tiefer ins Wasser sinken. "Das Flugzeug fing an, sich ziemlich schnell mit Wasser zu füllen. Das war beängstigend", sagte der 31-Jährige. "Ich dachte, ich ertrinke gleich hier, weil ich eingezwängt war."

Auf Platz 13F saß Emma Sophina, eine australische Popsängerin. Die 26-Jährige arbeitete gerade an einem Lied mit dem Titel "Bittersweeet". In ihrer Erinnerung werde es nun immer mit dem Ereignis verbunden bleiben.

Der Airbus A320
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38-Meter-Koloss im Himmel
Der Airbus A320 gehört zu den meistverkauften Flugzeugen für Kurz- und Mittelstrecken. Mehr als 3650 der Flugzeuge sind bereits ausgeliefert worden. Zu der Produktreihe gehören auch noch die Modelle A318, A319 und A321. Sie unterscheiden sich vom A320 vor allem durch Rumpflänge und Passagierkapazität.

Die Airbus A320-Serie ist weltweit bei zahlreichen Fluggesellschaften im Einsatz. Der A320 wird in Toulouse montiert, A318, A319 und A321 in Hamburg-Finkenwerder.

Der erste Airbus A320 startete im Februar 1987 zu seinem Jungfernflug. Das zweimotorige Flugzeug ist knapp 38 Meter lang und hat eine Spannweite von 34 Metern. An Bord haben in der Regel rund 150 Passagiere Platz. Die maximale Reichweite ohne Tankstopp beträgt fast 5000 Kilometer.

Mit dem A320 führte Airbus die elektronische Flugsteuerung in Großserie ein. Das System passt die Flugeigenschaften der unterschiedlich großen Jets vom A318 bis zum A321 so einander an, dass Piloten ohne aufwendige Umschulung zwischen einzelnen Modellen wechseln können.

Passagier Billy Campbell gehörte zu denen, die in eisiger Kälte auf der letzten Rettungsplattform auf Hilfe warteten. Ganz am Schluss stieß Sullenberger dazu - der Captain war Zeugenberichten zufolge noch einmal durch die Maschine gegangen, um sicherzugehen, dass niemand zurückblieb. "Ich habe ihn am Arm genommen und mich im Namen von uns allen bedankt", erzählt Campbell. "Er hat nur gesagt: Gern geschehen."

dab/dpa



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