NS-Kriegsverbrecher Demjanjuk Bis zum Tod ohne Reue

Der verurteilte NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk ist im Alter von 91 Jahren in einem bayerischen Pflegeheim gestorben. Bis zuletzt hatte er keine Reue gezeigt. Sein Sohn stellt ihn nun als Sündenbock dar, der für die Taten der "Nazi-Deutschen" habe büßen müssen.


München - John Demjanjuk ist in der Idylle Bayerns gestorben. Der 91-Jährige wohnte zuletzt in einem Pflegeheim in Bad Feilnbach bei Rosenheim. In den frühen Morgenstunden dieses Samstags wurde er leblos in seinem Zimmer aufgefunden. Zur Todesursache konnte die Polizei noch keine Angaben machen. Die Staatsanwaltschaft Traunstein habe das übliche Todesermittlungsverfahren eingeleitet, sagte ein Sprecher.

Sein Vater sei eines natürlichen Todes gestorben, sagte John Demjanjuk Jr. "Mein Vater ist mit Gott eingeschlafen als ein Opfer und Überlebender der sowjetischen und deutschen Brutalität seit seiner Kindheit", sagte der Sohn. "Er liebte das Leben, die Familie und die Menschheit. Die Geschichte wird zeigen, dass Deutschland ihn als Sündenbock benutzte, um hilflose ukrainische Kriegsgefangene für die Taten von Nazi-Deutschen verantwortlich zu machen."

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John Demjanjuk: "Teil einer Vernichtungsmaschinerie"
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, sagte: "Ich glaube, der Tod eines Menschen ist immer tragisch." In diesem Fall sei es aber auch wichtig zu sagen, dass es richtig gewesen sei, ihn vor Gericht zu stellen und zu verurteilen. "Gerechtigkeit kennt keine Verfallszeit und Alter schützt vor Strafe nicht. Das ist ein Signal, das alle Menschen ernst nehmen müssen", fuhr Graumann fort. Es sei niemals um Rache gegangen, sondern um Gerechtigkeit.

Beihilfe zum Mord an mehr als 28.000 Juden

Im Mai vergangenen Jahres war Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 28.000 Juden im Vernichtungslager Sobibór zu fünf Jahren Haft verurteilt, aber anschließend überraschend auf freien Fuß gesetzt worden. Das Gericht verwies bei dieser Entscheidung auf Demjanjuks hohes Alter und auf die Tatsache, dass er staatenlos war. Deswegen sei eine Fluchtgefahr auszuschließen.

Als Iwan Demjanjuk wurde der spätere KZ-Wächter im ukrainischen Dorf Dubowi Macharynzi geboren. Im Mai 1942 wurde er als Rotarmist nach der Schlacht von Kertsch von der Wehrmacht gefangen genommen, anschließend im SS-Ausbildungslager Trawniki als Helfer ausgebildet und Ende März 1943 als Wachmann ins Vernichtungslager Sobibór abkommandiert.

Ein halbes Jahr später wurde Demjanjuk ins KZ Flossenbürg versetzt, im Sommer 1945 meldete er sich in einem Auffanglager in Feldafing bei München. Im Februar 1952 fuhr er als Auswanderer mit dem Schiff von Bremerhaven nach New York, in Cleveland fand er Arbeit bei den Ford-Werken und wurde US-Bürger, seit 1958 nannte er sich John Demjanjuk.

Erst im Mai 1976 flog er auf. Holocaust-Überlebende meinten, in Demjanjuk einen Wachmann aus Treblinka wiederzuerkennen, US-Behörden ermittelten. Der Kriegsverbrecher verlor die US-Staatsbürgerschaft und wurde 1986 nach Israel ausgeliefert, wo er wegen Mordes zum Tode verurteilt wurde.

"Teil eines eingespielten Apparats"

Nach der Öffnung sowjetischer Archive stellte sich im Juli 1993 heraus, dass ein anderer "Iwan der Schreckliche" in Treblinka war. Das Todesurteil wurde aufgehoben, Demjanjuk zurück in die USA geschickt. Knapp zehn Jahre lang lebte er unbescholten in den USA, bis man ihn verdächtigte, Wachmann in Sobibór gewesen zu sein. In einem jahrelangen Verfahren wurde ihm die Staatsbürgerschaft erneut entzogen.

Am 12. Mai 2009 wurde Demjanjuk nach München abgeschoben und ins Untersuchungsgefängnis Stadelheim gebracht, die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen. Am 30. November 2009 begann der Prozess, der sich mehrfach verzögerte wegen Demjanjuks schlechter Gesundheit und einer Fülle von Beweisanträgen durch die Verteidigung, die am Ende des Verfahrens, im Mai 2011, Freispruch forderte.

Das Landgericht München II verurteilte Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 28.060 Menschen zu fünf Jahren Haft. Mit seiner Verurteilung war einer der mutmaßlich letzten NS-Kriegsverbrecherprozesse in Deutschland zu Ende gegangen. Der Prozess galt als historisch, weil mit Demjanjuk erstmals ein als KZ-Wärter von der SS zwangsverpflichteter Osteuropäer - ein sogenannter Trawniki - vor ein deutsches Gericht gestellt worden war.

Demjanjuk war laut Urteil 1943 ein halbes Jahr in Sobibór an der massenhaften Judenvernichtung beteiligt. "Der Angeklagte war Teil dieser Vernichtungsmaschinerie", hatte es in der Begründung des Münchner Urteils geheißen. Jeder Trawniki habe gewusst, "dass er Teil eines eingespielten Apparates war".

Obwohl keine Augenzeugen Demjanjuk identifizieren konnten, zeigte sich das Gericht aufgrund von Akten und Gutachten von dessen Schuld überzeugt. Bei der Urteilsverkündung waren einige Nebenkläger anwesend, die in Sobibór ihre Angehörigen verloren hatten. Sie äußerten sich enttäuscht, dass der Angeklagte kein Zeichen der Reue gezeigt hatte.

jjc/AP/dapd

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