Nachfahren eines NS-Zwangsarbeiters Familienausflug in die Barbarei

Nördlich von Bremen ließen die Nazis in den vierziger Jahren Tausende Gefangene eine U-Boot-Fabrik bauen. Auch der Italiener Elio Materassi war so ein Arbeitssklave. Er wollte später nie an die Orte seines Leidens zurückkehren, nun begeben sich seine Nachfahren auf Spurensuche.

Von , Bremen

Familie Materassi

Nicola Materassi, 35, hält das Schwarzweißfoto in seiner zitternden Hand, er mustert es sorgfältig. Darauf ein halbnackter Mann in einer Holzbaracke, er blickt in die Kamera, ist kahlgeschoren und abgemagert bis auf die Knochen. "So sah er aus", sagt Nicola Materassi und legt das Bild wieder weg. Er spricht über seinen Großvater Elio, den die Nationalsozialisten genauso wie den Unbekannten auf dem Foto vor 70 Jahren deportierten, einsperrten und misshandelten.

"Am Ende wog mein Opa noch 35 Kilo", sagt Nicola. Sein 68-jähriger Vater Orlando, mit Turnschuhen und weißen Haaren, und sein fünf Jahre älterer Bruder Yuri nicken stumm.

Die drei Italiener stehen an dem Ort, an dem einst über das Schicksal ihres Vaters und Großvaters Elio Materassi entschieden wurde: Dort, wo heute die Gedenkstätte "Baracke Wilhelmine" steht, am Nordrand von Bremen, schickten die Nazis in den vierziger Jahren Tausende Gefangene zum nahe gelegenen Ufer der Weser, um eine verbunkerte Fabrik für die Fertigung moderner U-Boote zu errichten.

Der Militärinternierte Nummer 41912 schuftete dort ab Oktober 1943 20 Monate lang - und überlebte. Er gründete in der Toskana eine Familie und entschloss sich, nie wieder an die Orte seines Leidens zurückzukehren. Im Jahr 2011 ist er gestorben.

Zwangsarbeit hinter sieben Meter dicken Wänden

Nun sind sein Sohn und seine Enkel Anfang September vom toskanischen Städtchen Pontassieve in die Gegend bei Bremen gereist. Dort erst beginnt ihr eigentlicher Ausflug, weit zurück in die Vergangenheit, zu den Abgründen der deutschen Geschichte.

Gedenkstättenleiter Harald Grote begleitet die Italiener durch die schmucklose "Baracke Wilhelmine", wo heute Ausstellungen an die düstere Vergangenheit erinnern. Grote zeigt ihnen Bilder von ausgemergelten Kriegsgefangenen, Listen mit den Namen gestorbener Häftlinge - und die Orte, an denen ihr Vorfahre war: ein Modell der Baracke, in der er ums Überleben kämpfte, eine Kunststoff-Version des Bunkers, an dem er schuften musste. Die Materassis fragen nach: Wo war seine Schlafbaracke? Wo arbeitete er? Grotes Antworten: "Wir wissen es nicht genau", "Dazu gibt es keine Dokumente" - Enttäuschungen für die Weitgereisten.

Mehr Erkenntnisse erhoffen sie sich von einem Besuch im U-Boot-Bunker "Valentin", an dessen Bau Elio Materassi als einer von mehr als 10.000 Arbeitssklaven beteiligt war. Hier wird spürbar, wie das Leben für den Italiener gewesen sein könnte: An dem Bunker, der auf einer Fläche von fünf Fußballfeldern gebaut wurde, die Wände bis zu sieben Meter dick, arbeiteten Elio und seine Mithäftlinge. Viele mussten Zementsäcke schleppen, hoben riesige Gruben mit Schaufeln aus.

Irgendwo hier bog Elio Stahlleisten zurecht - bis zu zwölf Stunden täglich, an sieben Tagen die Woche, bei jedem Wetter. Mindestens 1600 Arbeiter starben in zwei Jahren. Elios Enkel Yuri blickt in die dunkle Betonwüste im Bunker, atmet tief die feuchte Luft ein und streicht mit seinem Schuh behutsam über den schroffen Beton. "Es ist schön, auf demselben Boden zu stehen wie Opa damals", sagt er, "aber sein Schicksal ist trotzdem furchtbar traurig."

Odyssee von Österreich nach Norddeutschland

Elio Materassi wollte nie hierher zurückkommen. "Er hat oft gesagt, dass die Deutschen die Menschenwürde zerstört haben", erzählt Elios Sohn Orlando beim Gang durch die Bunkerruine, "und trotzdem wollte er immer, dass wir eines Tages ohne ihn hierhin reisen." Schon dem zwölfjährigen Orlando gab Vater Elio sein Tagebuch der Jahre 1943 bis 1945 zu lesen, später veröffentlichte er es sogar in Buchform und erzählte immer wieder Schulklassen von seinen Erlebnissen.

Nichts habe seinen Vater mehr geprägt als diese Jahre in Deutschland, sagt Orlando, selbst auf dem Sterbebett habe er noch davon erzählt: "Bevor er für immer eingeschlafen ist, hat er uns zum ersten Mal einen deutschen Satz gesagt: 'Auf Wiedersehen.'"

2010 begannen die Materassis daher, das Wiedersehen der Familie mit Deutschland zu planen. Yuri und Nicola setzten sich mit ihrem 88-jährigen Großvater zusammen, ermittelten mit Hilfe von Landkarten und des Tagebuchs die Stationen seiner Odyssee: Nach dem Kriegsaustritt Italiens an der Seite Deutschlands verfrachtete die SS Elio nach Österreich, dann Pommern, das Münsterland, schließlich Norddeutschland, Gefangenenlager "Heidkamp" im Örtchen Schwanewede.

Als 70 Jahre später Elio Materassis Nachfahren in Schwanewede ankommen, ist es sommerlich warm. Die kleine Gruppe flaniert durch eine beschauliche Wohnsiedlung mit Einfamilienhäusern. Nur zwei kaum noch als solche zu erkennende Gefangenenbaracken erinnern daran, dass das Gebiet einst übersät war mit solchen Flachbauten. In einem davon lebte Elio Materassi.

Sägespäne gegen die Wanzen

"Er hat oft davon erzählt, wie er sich hier nachts zum Schutz vor Wanzen Sägespäne in die Ohren gesteckt hat", sagt Nicola. "Und wie er Holzscheite reingeschmuggelt hat, um im Winter nicht zu erfrieren." Einmal am Tag gab es eine wässrige Suppe für Elio und seine Mitgefangenen, manchmal auch etwas Brot - oder Prügel mit einer Eisenstange.

Die Rundfahrt der Materassis endet im Rathaus von Schwanewede. Dort war Elio Materassi zu Lebzeiten nie, doch sein Leiden ist hier an diesem Abend präsent. Als seine Nachkommen vor zwei Jahren erstmals das Gelände des ehemaligen Lagerkomplexes besuchten, fotografierte Hobbyfotograf Yuri die dortigen Relikte aus der NS-Zeit. Zusammen mit Passagen aus dem Tagebuch seines Großvaters arrangierte er die Aufnahmen 2012 für eine Ausstellung im norditalienischen Modena - und nun für Schwanewede.

An den Wänden des Großen Sitzungssaals im Obergeschoss hängen fast 30 Schwarzweißfotos und einige Texttafeln, sie erzählen die Geschichte des Italieners. Unweit von Baracken und Bunker lesen nun Deutsche vom Schicksal des italienischen Mechanikers Elio Materassis, den Deutsche hier fast zu Tode quälten.

Die drei Italiener stehen vor den Zeugnissen aus der Hölle dieses Zwangsarbeiterlebens, in ihren Gesichtern ein breites Lächeln. Er sei zufrieden, sagt Yuri Materassi, die Ausstellung werde ihrem Titel gerecht: "In Ricordo" hat er sie benannt, "im Gedenken".

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