Angeklagte Beate Zschäpe: Ordinär, bieder, bauernschlau

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Eine rechtsradikale Terroristin? Oder nur das Anhängsel der NSU-Täter Mundlos und Böhnhardt? Die Bundesanwaltschaft hat Beate Zschäpe wegen Mordes angeklagt. Sie schweigt. Weggefährten aus der Vergangenheit erinnern sich - und beschreiben die Frau als ordinär und auf ihren Vorteil bedacht.

NSU: Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe Fotos
dapd / BKA

Im ersten Stockwerk einer Hochhaussiedlung in Jena - gelegen auf einer Anhöhe im Stadtteil Löbstedt, sanierte Platte, weiß getüncht, zehn Stockwerke, 38 Mieter - wohnt eine Frau, die Beate Zschäpe auffallend ähnlich sieht. Sie ist 22 Jahre älter und Zschäpes Mutter.

"Niemand kann verstehen, wie sich das anfühlt", sagte sie weinend, nachdem sich die Tochter im November vergangenen Jahres gestellt hatte. 14 Jahre lang habe sie das eigene Kind nicht gesehen, es weit weg vermutet - und nicht im geringsten geahnt, dass die Tochter mit ihren Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im nahe gelegenen Zwickau lebte.

Nun hat die Bundesanwaltschaft Beate Zschäpe angeklagt. Die 37-Jährige soll Mittäterin bei zehn Morden sein, für die der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) verantwortlich gemacht wird. Zudem soll sie an den NSU-Sprengstoffanschlägen in der Kölner Altstadt und in Köln-Mülheim beteiligt gewesen sein. Ihr wird auch die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung - dem NSU - vorgeworfen sowie schwere Brandstiftung, versuchter Mord und Raub.

Beate Zschäpe, Gefangene Nummer 4876/11/3, schweigt. So sind die Ermittler bislang auf die Aussagen derer angewiesen, die mit ihr in der Vergangenheit zu tun hatten. Da sind zum einen die Menschen, die sie in der Illegalität kannten: Anhänger der rechten Szene, die wussten, dass das Trio ein Leben im Geheimen führte, und es unterstützten. Und die, die nichts ahnend Teil dieses Doppellebens wurden wie Nachbarn, Urlaubsbekanntschaften. Und es gibt diejenigen, die Beate Zschäpe kannten, bevor sie sich für ein Leben im Untergrund entschied. Wie ihre Mutter.

Sie habe keine Ahnung, was ihre Tochter in den 14 Jahren getrieben habe, sagte Zschäpes Mutter damals. "Aber ich und ihre Oma hätten es gerne gewusst." Beide haben den Ermittlern beschrieben, was Beate für ein Kind war, wie sie erzogen wurde und aufwuchs, dass sie dreimal ihren Nachnamen wechselte, weil die Mutter zweimal heiratete, und warum sie keinen Kontakt zu ihrem rumänischen Vater hatte.

"Wie haben die das mit der im Untergrund nur ausgehalten?"

Zschäpe habe Anfang der neunziger Jahre "extrem geklaut", meist auf den sogenannten Vietnamesenmärkten in Jena, sagte ein ehemaliger Freund von Uwe Mundlos in einer Vernehmung beim Bundeskriminalamt (BKA). Oft seien es Dinge gewesen, die sie gar nicht gebraucht habe, einfach alles, "was sie in die Finger bekommen" habe. Auch sei sie mit anderen in Keller in Jena-Winzerla eingebrochen, habe Alkohol gestohlen und Partys mit dem Diebesgut veranstaltet.

"Was ist denn das für eine Primitive?", sei es ihm durch den Kopf geschossen, als er Beate Zschäpe kennengelernt habe, gab der Freund zu Protokoll. "Ich hatte den Eindruck, dass die nichts im Kopf hatte." Ihr Auftreten beschreibt er als "vulgär", und auch ihre Ausdrucksweise habe suggeriert, dass sie auf Manieren keinen großen Wert legte. Mundlos, Sohn eines Professors, hingegen sei klug gewesen, wenn auch faul. "Ich frage mich heute, wie Uwe Mundlos das mit der da im Untergrund aushalten konnte."

Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL
Beate Zschäpe habe "immer nur rumgehangen", erinnerte sich der Bekannte. Jahrelang sei er ihr im Schnitt dreimal pro Woche begegnet, oft im Treppenhaus des Plattenbaus, in dem Mundlos mit seiner Familie wohnte. Mit anderen Jugendlichen hätten sie dort die meiste Zeit verbracht, Politik sei damals kein dominierendes Thema gewesen.

Zschäpe habe Zigaretten geraucht, die sie zuvor mit einem Freund auf dem Vietnamesenmarkt in Jenas Stadtmitte von den Händlern regelrecht erpresst habe. "Sie haben sie in die Enge getrieben und ihnen die Zigaretten abgenommen", sagte er. Mit solchen Taten hätten Zschäpe und ihr Kumpel vor der Clique geprahlt.

1993 seien Mundlos und Zschäpe ein Paar geworden, so der Freund von früher in seiner Vernehmung. Uwe Mundlos habe es ihm während einer Autofahrt erzählt. "Ich habe nur sarkastisch 'Herzlichen Glückwunsch' gemeint." Kurz darauf hätten sich die jungen Männer aus den Augen verloren.

Einer, der mit Uwe Mundlos zur Schule ging und bis zu seinem Untertauchen in engem Kontakt zu ihm stand, sagte dem BKA: "Ich habe Zschäpe als ein bisschen ordinär empfunden. Sie ist nicht dumm oder gutgläubig, sie wusste genau, was sie wollte."

Eine Dreiecksbeziehung mit Freund und Ex-Freund

Er sei sich sicher, dass Zschäpe ganz genau gewusst habe, dass sie kriminell handelte, so der einstige Weggefährte. "Ich fand sie durch und durch unsympathisch. Wir mochten uns gegenseitig nicht." Als politisch engagiert habe er sie damals nicht wahrgenommen, vielmehr habe sie "einen unterschwellig aggressiven Eindruck" auf ihn gemacht und "den Uwe (Mundlos - d. Redaktion) jedenfalls dahingehend nicht mildernd beeinflusst".

Vor Mundlos sei sie mit einem "stadtbekannten Punk" liiert gewesen. "Sie hat eher den Eindruck auf mich gemacht, dass sie eine 'gute Partie' sucht. Eine Zeitlang hätten Mundlos und Zschäpe mit in der Wohnung ihrer Mutter gelebt, sogar von Heirat war die Rede. Gemeinsam radikalisierten sie sich und tauchten ein in die rechte Szene Jenas, gründeten mit Uwe Böhnhardt die "Kameradschaft Jena".

Die Entwicklung vollzog sich schnell: Bei einer Vernehmung wegen Briefbombenattrappen im November 1996 soll sich Zschäpe den damaligen Ermittlern zufolge selbstgerecht und herablassend geriert haben. Ein Polizist von damals beschrieb sie als "bauernschlau".

Eine Verbindung nach Chemnitz, wo sich das Trio nach seinem Untertauchen zuerst niederließ, gab es bereits zu Jenaer Zeiten: Mundlos sei mit Zschäpe und anderen aus der rechten Szene regelmäßig in seinem weißem Ford Sierra nach Chemnitz gefahren - darunter auch Ralf Wohlleben, der derzeit ebenfalls inhaftiert ist, weil er ein zentraler Unterstützer des NSU gewesen sein soll.

Der Freund von damals sagte dem BKA, er habe Mundlos gefragt, was sie dort gemacht oder wen sie getroffen hätten. Es sei um Flugblätter gegangen, mehr habe Mundlos nicht verraten wollen.

Nach der Trennung von Mundlos wandte sich Zschäpe Uwe Böhnhardt zu, der längst Teil des Trios war. Gemeinsam waren sie fester Bestandteil der militanten Neonazi-Szene. Eine Dreiecksbeziehung, die bei den Kameraden immer für Getuschel sorgte. "Als sie allerdings zu dritt abtauchten, war man irgendwie froh, dass sie sich gegenseitig hatten", so ein ehemaliger Gesinnungsgenosse, der in den ersten Jahren der Illegalität noch Kontakt zu den dreien hatte.

14 Jahre lang jonglierte Beate Zschäpe mit zwölf erfundenen Identitäten. Bei der Zahnärztin war sie Silvia Rossberg, bei den Nachbarn Susann Dienelt, beim Optiker Sylvia Pohl. Sie verschanzte sich hinter einer Fassade der Biederkeit, hatte zwei Katzen namens Lilly und Heidi und eine Treuekarte beim Friseur. Bis ins kleinste Detail haben die Ermittler ihr Leben rekonstruiert und seziert.

So ist Beate Zschäpe eine öffentliche Person geworden, als einzige Überlebende des NSU ist sie das Gesicht, die Nachlassverwalterin der Terrorzelle. Mit dem Tod der beiden Männer, mit denen sie 14 Jahre lang im Verborgenen ihr Leben teilte und die sich nach einem Banküberfall in Eisenach selbst töteten, habe sie ihre "Familie" verloren, wie sie bei ihrer Festnahme sagte.

Beiden Eltern ihrer Lebensgefährten teilte sie mit, dass ihre Söhne tot seien. Bei ihrer eigenen Familie meldete sie sich nicht.

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Aufklärung der NSU-Morde: Panne an Panne

Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.
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