Eltern von NSU-Mitglied Böhnhardt "Wir hätten mit der Polizei zusammengearbeitet"

Sie sind die Eltern des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, nun sprechen Brigitte und Jürgen Böhnhardt zum zweiten Mal in einem TV-Interview über ihren Sohn. Detailliert beschreiben sie seine Beziehung zu seinen Komplizen Beate Zschäpe und Uwe Mundlos - und erheben Vorwürfe gegen die Ermittler.

ZDF

Die Fotos tun Brigitte Böhnhardt weh. Sie zeigen drei braungebrannte Freunde auf dem Campingplatz Wulfener Hals auf Fehmarn, Stellplatz 80, ihrem Stammplatz. Sie strahlen fröhlich in die Kamera, blinzeln gegen die Sonne. Einer davon ist Uwe, ihr Sohn, den Brigitte Böhnhardt neun Jahre lang nicht gesehen hat. Und der tot in einem Wohnmobil aufgefunden wurde.

Böhnhardt, 67, trennt diese Bilder von denen, die sie im Kopf hat, die sie abgespeichert hat von ihrem jüngsten Kind, ihrem Nesthäkchen. Die Camping-Bilder stehen für eine andere Welt, die für sie als Mutter nicht zu vereinen sind. Hier die Camping-, da die Fahndungsfotos, auf denen ihr Sohn wegen Mitgliedschaft im "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) gesucht wird. "Leute, die im Untergrund leben, lassen sich doch nicht fotografieren", sagt sie. Es klingt nach Hoffnungsschimmer.

Die Realität lässt keine Hoffnung zu: Brigitte Böhnhardts Sohn Uwe lebte mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe 14 Jahre lang im Untergrund. Der NSU tötete zehn Menschen, verletzte 23 weitere und raubte 14 Banken aus. Autor Ulrich Stoll dokumentiert für "Frontal 21" das Leben und die Taten der Mitglieder des NSU. In seinem Film "Brauner Terror - Blinder Staat" für das ZDF fasst Stoll noch einmal das katastrophale Versagen von Ermittlern und Verfassungsschutz zusammen.

Sein Kronzeuge für die desolate Ermittlungsarbeit ist Helmut Roewer, der frühere Leiter des Thüringer Verfassungsschutzes. Die Waffenbeschaffung des Trios habe man in seiner Behörde "nicht gesehen", sagt er. "Damit muss man halt leben."

Es bleibt nicht der einzige erschütternde Satz Roewers, der die Unfähigkeit und Blindheit der Ermittler belegt: "Ich kann nur immer wieder sagen, dass bei mir selbst ein gewisses Unwohlsein ausbrach über diese Frage, dass wir immer wieder mit unseren Ergebnissen ins Leere trafen", sagt Roewer. Er selbst wolle auch gerne wissen, "was schiefgelaufen ist".

Opfer des NSU sind nicht nur die Angehörigen der Toten und Verletzten, wie der Film aufweist. Auch die Angehörigen der rechtsextremen Mitglieder aus Jena müssen lernen, mit dem Erbe zu leben. Weder Zschäpes noch Mundlos' Familien sind bislang vor eine Kamera getreten. Brigitte und Jürgen Böhnhardt sprechen dagegen zum zweiten Mal mit einem TV-Team über ihren Sohn. Es scheint ihre Art der Verarbeitung zu sein, vielleicht ist es auch der Versuch einer Rechtfertigung, zu der sie sich verpflichtet fühlen.

"Ich mochte Beate"

Vieles, was sie sagen, klingt verzweifelt, manches naiv. Brigitte Böhnhardt vermutet, dass die Radikalisierung ihres Sohnes erst einsetzte, als er nach seiner abgeschlossenen Bauarbeiterlehre keine Anstellung fand. "Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg", habe er zu Hause herumkrakeelt.

Beate Zschäpe, die Springerstiefel trug, habe sie nicht der rechten Szene zugeordnet. "Sie war für mich ein ganz normales Mädchen, nett, höflich", sagt Brigitte Böhnhardt. "Ich mochte sie."

Michael Ebenau vom Aktionsbündnis gegen Rechts in Jena zeichnet in dem Film ein anderes Bild: Beate Zschäpe habe andere Frauen angegriffen, zusammengeschlagen, einer soll sie den Arm gebrochen haben.

Zschäpes Zuhause ist nicht der Plattenbau, in dem sie mit ihrer Mutter wohnt; ihr Zuhause ist die rechte Szene, ihre Familie Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Filmemacher Stoll skizziert den Weg des Trios von jugendlichen Neonazikreisen über den Thüringer Heimatschutz (THS) in den Untergrund. Er berichtet, wie die drei in der Gedenkstätte Buchenwald aufmarschierten, die Männer gekleidet in braunen SA-Uniformen. Bevor sie ein lebenslanges Hausverbot erhalten, gelingt es Uwe Mundlos noch, sich ins Besucherbuch der Einrichtung einzutragen: "Buchenwald ist nicht nur eine Gedenkstätte der jüdischen Mitbürger. Uwe", hat er darin notiert.

Die von der Polizei gesuchten Neonazis tauchen ab, Kameraden helfen ihnen mit neuen Identitäten und einem Unterschlupf - und feiern sie für ihren "Kampf fürs deutsche Vaterland". Bislang ist unklar, wie viele aus der Szene eingeweiht waren, dass die gesuchten Neonazis raubend und mordend durch die Republik zogen.

Die ersten Jahre im Untergrund hält das Trio auch Kontakt zu Böhnhardts Eltern. Es kommt zu heimlichen Treffen in einem Park in Chemnitz. Das Ehepaar ahnt nicht, dass das Trio in Zwickau, keine 80 Kilometer von Jena entfernt, sein neues Zuhause hat.

Uwe Böhnhardt habe "gezittert und geheult"

Kurzzeitig hatte der Verfassungsschutz angefragt, ob Brigitte und Jürgen Böhnhardt die Ermittler unterstützen wollten - im Gegenzug könnten die Untergetauchten mit Strafmilderung rechnen. Sie habe "mit aller Macht" versucht, ihren Sohn und dessen Freunde zur Aufgabe zu überreden, sagt Brigitte Böhnhardt. Die weigerten sich jedoch, und der Verfassungsschutz habe sein Angebot zurückgezogen. "Warum?", fragt die Mutter im Film. "Alles, was dann folgte, hätte man verhindern können."

Das Ehepaar Böhnhardt wurde observiert, die Telefone jahrelang intensiv abgehört - und dennoch konnten die beiden das Trio unerkannt treffen. Es sei schwer vorstellbar, dass die Behörden weder von den Telefonaten, bei denen die Treffpunkte vereinbart wurden, noch von den Treffen selbst etwas mitbekamen, sagt Brigitte Böhnhardt.

Als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bereits vier Menschen getötet haben, kappen die Terroristen den Kontakt zu Brigitte und Jürgen Böhnhardt. Es ist das Frühjahr 2002. "Mutti, das ist unser letztes Treffen", habe Uwe zu seinen Eltern gesagt, erzählt Brigitte Böhnhardt. Sie habe sich an ihn geklammert, gezittert, geheult - "und er auch".

"Uwe, wir helfen dir doch, wir sind für dich da", hätten sie ihm versichert, sagen die Eltern in der ZDF-Dokumentation. Doch: "Sie waren nicht zu überreden." Ihr Sohn habe sie beruhigt: "Mutti, wir gehen zusammen, wir bleiben zusammen."

Brigitte und Jürgen Böhnhardt haben ihren Sohn gedeckt, nicht denunziert. Aber nur, so beteuern sie vor der Kamera, weil sie nichts von den Morden gewusst haben. "Wir hätten mit der Polizei zusammengearbeitet, um sie verhaften zu lassen. Auch wenn wir sie dann verraten hätten."

Auf den Camping-Fotos aus Fehmarn sieht Brigitte Böhnhardt keine Mörder. "Sie wirken darauf so entspannt, so ruhig", sagt sie. "Sie sehen für mich aus wie ganz normale junge Leute im Urlaub. Und das ist für mich eine totale Überraschung."

"Brauner Terror - Blinder Staat", Dienstag, 26. Juni, 21 Uhr, ZDF

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Seite 1
Ein_Forum_Schreiber 25.06.2012
1. Sind die Morde jetzt bewiesen?
Mich beschleicht ein seltsames Gefühl wenn es um die sogenannten Döner Morde geht. Soweit ich die Presse verfolgt habe werden den beiden zwar die Morde vorgeworfen aber weder Motive noch Beweise sind schlüssig. Wenn ich nicht falsch liege werden als Beweis die Videos von CDs gesehen welche in einer völlig ausgebrannten Wohnung gefunden wurden. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren aber bis jetzt bekomme ich nur das Gefühl es wurden Schuldige gesucht und gefunden und nachdem diese doch etwas merkwürdig ums Leben kamen können sie sich auch nicht mehr wehren.
bio1 25.06.2012
2. Helmut Roewer
Helmut Roewers Rolle als ehemaliger Thüringer Verfassungsschutz-Präsident ist aufzuklären: Nachdem der frühere Panzeroffizier Helmut Roewer im “Bundesinnenministerium für den Verfassungsschutz als Ministerialrat zuständig” war, hielt er das Amt des Thüringer Verfassungsschutz-Präsidenten vom Jahr 1994 bis 2000 inne. 1999 durfte er öffentlich sagen, dass der Nationalsozialmus “gute, aber auch schlechte Seiten hatte.” Unter ihm hätte sein Verfassungsschutz “bis zu 800.000 DM jährlich an Honoraren für die “menschlichen Quellen” bezahlt. Der damalige Chef des Thüringer Landeskriminalamtes Uwe Kranz (1992-1997) warnte vor den “sich verfestigenden Strukturen der Rechtsextremisten” und sagte wörtlich: “Die Gefahr besteht, dass sich so etwas bildet wie eine Braune Armee Fraktion.” Im 2011 verschickten NSU-Bekennerfilm findet sich tatsächlich eine solche Anspielung auf eine solche Fraktion, siehe Foto: http://www.morgenpost.de/img/welt/origs105259879/3427491700-w620-h307/POL-bekennervideo-raf-DW-Politik-Zwickau.jpg Dass er wirklich nichts gewusst habe von der Bewaffung und den Überfällen ist aufzuklären: 1998 stand V-Mann “Piato” mit einem Kontaktmann des Trios in Kontakt, er sollte ihnen offenbar eine “Bums”, höchstwahrscheinlich eine Schusswaffe organisieren. Es ist nicht bekannt, ob es zu einer Waffenübergabe kam. "Eingang einer Quellenmitteilung der Verfassungsschutzbehörde eines anderen Bundeslandes: Nach der Entgegennahme der Waffen – noch vor der beab-sichtigen Flucht nach Südafrika – solle das TRIO einen weiteren Überfall planen, um mit dem Geld sofort Deutschland verlassen zu können." Quellen: Vorgeschichte des “Nationalsozialistischen Untergrunds” (NSU) | Friedensblick (in Konstruktion) (http://friedensblick.de/willkommen/nazi-morde/vorgeschichte-des-nationalsozialistischen-untergrunds-nsu/)
ratxi 25.06.2012
3. Wie es enden würde
Zitat von sysopZDFSie sind die Eltern des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, nun sprechen Brigitte und Jürgen Böhnhardt zum zweiten Mal in einem TV-Interview über ihren Sohn. Detailliert beschreiben sie seine Beziehung zu seinen Komplizen Beate Zschäpe und Uwe Mundlos - und erheben Vorwürfe gegen die Ermittler. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,840391,00.html
Mir scheint, als konnten die Drei deshalb eine gewisse Entspannung ausstrahlen, weil sie Jahre nach Beginn der Mordserie bereits innerlich abgeschlossen hatten. Ihnen muss klar gewesen sein, dass sie keine wirkliche Zukunft mehr hatten. Nachdem sie das realisiert hatten, konnten sie von einem auf den anderen Tag das Leben sogar noch sehr "geniessen". Sie wussten wohl nicht wann, aber sie wussten sehr wohl, wie es enden würde.
Hagenruck 25.06.2012
4.
Zitat von Ein_Forum_SchreiberMich beschleicht ein seltsames Gefühl wenn es um die sogenannten Döner Morde geht. Soweit ich die Presse verfolgt habe werden den beiden zwar die Morde vorgeworfen aber weder Motive noch Beweise sind schlüssig. Wenn ich nicht falsch liege werden als Beweis die Videos von CDs gesehen welche in einer völlig ausgebrannten Wohnung gefunden wurden. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren aber bis jetzt bekomme ich nur das Gefühl es wurden Schuldige gesucht und gefunden und nachdem diese doch etwas merkwürdig ums Leben kamen können sie sich auch nicht mehr wehren.
Mich beschleicht das seltsame Gefühl, dass bei den Morden nahezu kein Zweifel besteht. Die Videos sind 1a Beweise und auch alle anderen Indizien weisen auf die drei als Mörder hin. Zu klären gibt es nur noch wie viele weitere Mitwisser und Unterstützer es gab. Sündenböcke sind das hier nicht. Es gibt kaum Fälle wo es der Staatsanwaltschaft leichter gemacht wird....
Aase 25.06.2012
5. Mein herzliches Beileid an Frau B. Bönhardt und Herrn J. Böhnhardt
Mir tun die Eltern von Böhnhardt jun. aufrichtig leid. Wenn man bedenkt, welches Spießrutenlaufen die Beiden in Jena bestimmt durchmachen. Hoffentlich haben Staats'schutz' und Tschäpe für immer nur schlaflose Nächte, in denen sie sich zerfleischen und auch tagsüber NIE wieder zur Ruhe kommen.
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