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Rücktritt von Verfassungsschutzchef: Sachsens rätselhafte Geheimakten

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Sieben Monate lang hortete das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz Geheimakten - ohne dass ein Verantwortlicher davon erfuhr. Das hat jetzt den Präsidenten der Behörde, Reinhard Boos, zum Rücktritt gezwungen. Er ist der dritte hochrangige Verfassungsschützer, den die NSU-Affäre das Amt kostet.

Sachsens Verfassungsschutzchef Reinhard Boos: "Überaus peinlicher Vorgang" Zur Großansicht
DPA

Sachsens Verfassungsschutzchef Reinhard Boos: "Überaus peinlicher Vorgang"

Seine Ladung für eine Anhörung im Untersuchungsausschuss des Sächsischen Landtags zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) war längst beantragt: Jetzt gewinnt der für September geplante Auftritt von Reinhard Boos vor dem Gremium besondere Brisanz. Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) gab am Mittwoch vor dem Landtag in Dresden bekannt, dass Boos um 23 Uhr am Abend zuvor von seinem Amt des Präsidenten des sächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV) zurückgetreten sei.

Es ist der dritte Rücktritt eines Verfassungsschutzchefs im Zusammenhang mit dem Neonazi-Terror: Zuvor musste Heinz Fromm, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, gehen. Thüringen schickte seinen Verfassungsschutzchef Thomas Sippel in den vorläufigen Ruhestand. Nordrhein-Westfalens Verfassungsschutzchefin Mathilde Koller hatte aus persönlichen Gründen, wie sie sagte, um ihre Versetzung in den Ruhestand gebeten.

Es gehe um eklatantes Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter des sächsischen Verfassungsschutzes, sagte Ulbig. Und um einen "überaus peinlichen Vorgang", wie es die SPD-Innenexpertin Sabine Friedel formulierte.

Seit sieben Monaten läuft die Aufklärung eines beispiellosen Verbrechens in Deutschland - rechtsextremistische Terroristen haben zehn Menschen getötet - und der Verfassungsschutz in Dresden hortete offenbar Geheimakten, die für die Aufklärung dringend notwendig sein können.

Erst jetzt seien Protokolle des Bundesamtes für Verfassungsschutz zu einer Überwachung von Ende 1998 aufgetaucht, sagte Ulbig - Unterlagen zum rechtsterroristischen NSU-Komplex also, die längst als verloren galten und nicht in die parlamentarische Kontrolle miteinbezogen wurden. Es geht um Protokolle einer Telefonüberwachung, die das Landesamt im Auftrag des Bundesamtes angefertigt hat. Gerüchten zufolge soll es sich um Akten handeln, die das Bundesamt bereits geschreddert hat.

Was genau in den Protokollen festgehalten wurde, ist noch unklar. Die Telefonüberwachung selbst sei zwar in Berichten an die Parlamentarische Kontrollkommission (PKK) Sachsens berücksichtigt worden. Neu sei aber, dass im Landesamt noch Protokolle dieser Überwachung existierten, hieß es.

Welche Brisanz haben die Akten? "Schwer zu sagen - immerhin lösen sie den Rücktritt des Präsidenten aus", sagt Kerstin Köditz, Landtagsabgeordnete der Linken. Man könnte meinen, der Fund der Akten sei positiv: Die aufgetauchten Informationen könnten die Arbeit der Untersuchungsausschüsse und die NSU-Ermittlungen insgesamt voranbringen. Wäre dies der Fall, bleibt die Frage, warum Boos dennoch umgehend zurücktrat. Nur weil seine Behörde Unterlagen zurückhielt? Unter Abgeordneten hält sich der Verdacht, es könnten noch größere Versäumnisse dahinterstecken.

Gegen Mitarbeiter des sächsischen Verfassungsschutzes seien unverzüglich disziplinarische Schritte eingeleitet worden, sagte Ulbig, der wiederholt beteuert hatte, dass Sachsen alle Dokumente veröffentlicht habe.

Bauernopfer Boos

Somit kann man Boos auch als Bauernopfer sehen. Dieser bedaure diesen Vorfall zutiefst und sei tief enttäuscht, berichtete der Minister. Unter diesen Umständen könne er das Amt nicht mehr mit dem gebotenen Vertrauen weiter führen, habe Boos ihm gesagt. Ulbig betonte aber, dass Boos als Präsident des LfV die Aufklärung zum Fallkomplex NSU "von Beginn an unterstützt und sein Ehrenwort für eine umfassende Aufklärung" gegeben habe.

Boos, 55, geboren in Iserlohn, ist seit August 1992 in Sachsen im Öffentlichen Dienst. Von 1999 bis 2002 war er schon einmal Präsident des sächsischen Verfassungsschutzes, wechselte dann ins Dresdner Innenministerium, 2007 kehrte er als Präsident des LfV zurück. Vor wenigen Wochen hatte er einem Journalisten auf die Frage, ob er sich nach den Abgängen seiner Amtskollegen im Bund und in Thüringen einsam fühle, geantwortet: "Wie ich mich fühle? Wunderbar."

Anfang Juli - mitten in der Debatte um das Versagen deutscher Sicherheitsbehörden im Fall des NSU-Terrortrios - hatte sich Innenminister Ulbig bei der Präsentation des Jahresberichts 2011 noch hinter seinen Verfassungsschutzchef gestellt - und erneut dem Verfassungsschutz des Nachbarlandes Thüringen die Schuld in die Schuhe geschoben. Dieser habe bei der Zielfahndung nach den Rechtsterroristen die Federführung innegehabt, nicht die Sachsen. Den einzigen Vorwurf, den Ulbig damals gelten ließ: Man habe sich auf die Kollegen verlassen - und das leider unkritisch.

Immer wieder hatte Boos beteuert, dass seine Behörde keine Erkenntnisse im Ermittlungsverfahren gegen die Zwickauer Terrorzelle zurückgehalten habe, alle Anfragen des Bundeskriminalamtes (BKA) seien "umfassend beantwortet worden". Diese Fragen bezogen sich auf André E., der nach Aufdeckung der NSU-Morde am 24. November kurzzeitig festgenommen worden war.

"Ein überaus peinlicher Vorgang"

Es gab Gerüchte, dass der sächsische Verfassungsschutz einen Informanten geschützt habe, Boos dementierte vehement. Weder André E. noch weiter im Ermittlungsverfahren beschuldigte Personen seien V-Männer oder Informanten des Landesamtes in Sachsen gewesen. André E. sei dem Amt lediglich als Teilnehmer eines rechtsextremen Konzerts im Mai 2011 in Mecklenburg bekannt gewesen, mehr Angaben zu ihm habe man nicht.

Tatsächlich aber gilt André E. aus Johanngeorgenstadt als wichtige Figur in der sächsischen Neonazi-Szene, sein Zwillingsbruder Maik taucht im brandenburgischen Verfassungsschutzbericht von 2010 als "Stützpunkt"-Vertreter der NPD-Jugendorganisation auf.

Beide galten in der Szene als gefährlich und gewaltbereit. In den Resten des abgebrannten Wohnmobils der NSU-Zelle fanden Ermittler BahnCards auf André E.s Namen und den seiner Frau Susann, die von Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt benutzt und von E. selbst bezahlt worden sein sollen. Laut "Berliner Zeitung" soll der Verfassungsschutz dreimal versucht haben, André E. als V-Mann anzuwerben.

"Der ganze Vorgang beweist, dass Sachsen sieben Monate lang keine wirkliche Aufklärung betrieben hat, und diese Akten nicht in die Untersuchung miteinbezogen wurden", sagt SPD-Innenexpertin Friedel.

Kerstin Köditz von der Linkspartei vermutet, dass sie den Rücktritt mit ins Rollen gebracht habe. Als Mitglied der Parlamentarischen Kontrollkommission (PKK) hatte sie - zur Vorbereitung der nächsten Sitzung am kommenden Freitag - vor wenigen Tagen mehrere Fragen gestellt, deren Beantwortung bis Freitag vorbereitet werden sollten.

Nach den jüngsten Enthüllungen über die "Operation Rennsteig" in Thüringen und die Zusammenarbeit des dortigen Landesamtes mit weiteren Geheimdiensten befürchtet sie, dass es ähnliche Vorgänge auch in Sachsen gegeben hat - und forderte Auskunft über alle Operationen, bei denen das LfV mit dem Bundesamt, mit anderen Landesämtern oder weiteren Geheimdiensten zusammengearbeitet hat. Und sie wollte wissen: Welche Operationen haben nicht-sächsische Geheimdienste mit Wissen des Landesamtes im Freistaat Sachsen durchgeführt?

Köditz wollte wissen, welche Akten nach dem 4. November 2011 vernichtet wurden - und ob nach der "Aktion Konfetti" im Bundesamt, bei der Teile der Akten der "Operation Rennsteig" geschreddert worden sind, den Sachsen "der gleiche Supergau" blühen könnte. Er kann.

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1. was ich nicht verstehe..
katerramus 11.07.2012
Zitat von sysopDPASieben Monate lang hortete das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz Geheimakten - ohne dass ein Verantwortlicher davon erfuhr. Das hat jetzt den Präsidenten der Behörde, Reinhard Boos, zum Rücktritt gezwungen. Er ist der dritte hochrangige Verfassungschützer, den die NSU-Affäre das Amt kostet. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,843847,00.html
warum hat nicht schon nach dem "Supergau" mit den geschredderten Akten der Bundesgeneralstaatsanwalt in Sachsen, in Thüringen, in Bayern und in NRW alle verfügbaren Akten und Datenträger sichergestellt ?
2. Mehr Fluch als Segen
kinjet 11.07.2012
Die Gefahr die durch die verquere Dienstauffassung des Verfassungsschutz für die Bevölkerung ausgeht ist wohl größer als der Schutz vor Extremisten. Man würde unsere Verfassung am besten schützen wenn man diese Behörde schließen würde. Die haben unserem Land schon immer mehr geschadet als genutzt.
3. Kein Interesse an Aufklärung!
Federal-States-Of-Europe 11.07.2012
Zitat: "Der ganze Vorgang beweist, dass Sachsen sieben Monate lang keine wirkliche Aufklärung betrieben hat, und diese Akten nicht in die Untersuchung mit einbezogen wurden", sagt SPD-Innenexpertin Friedel. " Der ganze Vorgang beweist, dass niemals daran Interesse bestanden haben kann, die Dinge aufzuklären. Die platte Meinung über die Ex-DDR "Aus Extremen in Extreme" scheint sich in der Tat zu bewahrheiten...
4. Rundumschlag
Bundeskanzler20XX 11.07.2012
Zitat von sysopDPASieben Monate lang hortete das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz Geheimakten - ohne dass ein Verantwortlicher davon erfuhr. Das hat jetzt den Präsidenten der Behörde, Reinhard Boos, zum Rücktritt gezwungen. Er ist der dritte hochrangige Verfassungschützer, den die NSU-Affäre das Amt kostet. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,843847,00.html
Dumm gelaufen, scheinbar sind die Posten an der Spitze des Verfassungsschutz doch keine Eierschaukeln gewesen. Wenn die Kollegen dort ihren Job ernst genommen hätten, wäre das ganze vielleicht viel früher aufgeflogen. Es scheint echt so, als wenn der Verfassungsschutz von Rechtsextremen unterwandert ist und die Sache mit den V-Männern ein einfaches Mittel war die Rechtsextreme Szene mit Staatsgeldern zu versorgen. Außer Kosten haben die V-Männer ja irgendwie nicht viel gebracht... Wenn dann an der Spitze solche Totalversager sitzen die wohl lieber Party machen, als ihren Job, dann ist es kein Wunder, dass dort nie etwas aufgefallen ist. Jeder durfte dort wie er wollte. Wenn die Politprominentz Courage zeigen will sollten sie zu allererst ihre Staatsbezüge zurückzahlen die sie sich nicht verdient haben. Gibt es außerdem keine Möglichkeit die Leute wegen Betrug Anzuzeigen? Wer so einen Posten annimmt und nicht weiß was im eigenen Laden passiert der macht meiner Meinung nach keinen Handschlag in seinem Job.
5. Deja Vue?
shechinah 11.07.2012
Sind wir bei der Wiedervereinigung der DDR beigetreten oder in welchem Staat leben wir eigentlich? Da werden von führenden VS Beamten strafbare Handlungen begangen - ohne das diese dafür jemals belangt werden natürlich - beim Chef ist noch nicht mal klar wie er ins Amt gekommen ist, alle haben akute Amnesie und im gleichen Atemzug wird von Politikern und Medien permanent behauptet die NSU hätte die Morde begangen, obwohl das Verfahren noch weit davon entfernt ist abgeschlossen zu sein. Die beiden Typen können sich nicht mehr wehren, alle "NSU Unterstützer" wurden mangels Beweisen entlassen und der Tussi kann man außer Brandstiftung wahrscheinlich auch nix nachweisen. Wir sind also schon wieder so weit, daß Verdächtige mit unerwünschter Gesinnung, von vorn herein schuldig sind und das Verfahren eine Farce. Außerdem sind noch türkische und amerikanische Geheimdienste sowie das organisierte Verbrechen mit im Spiel. Was soll da schon bei raus kommen?
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Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.


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