Mutmaßlicher NSU-Vertrauter André E.: Zschäpes bester Kumpel

Von Maik Baumgärtner und

Keiner soll so nah an den Mitgliedern des Nationalsozialistischen Untergrunds gewesen sein wie André E. Der 33-jährige Neonazi galt als vierter Mann der Terrorzelle. Doch die Beweise sind dünn - und seine Chancen, einer Haftstrafe zu entgehen, groß.

André E.: Weihnachten unterm Hakenkreuz Fotos

Als Beate Zschäpes Leben im Untergrund zusammenbrach, wählte sie André E.s Nummer. Er ging den Ermittlungen zufolge erst nicht an den Apparat, Zschäpe drückte mehrfach die Wahlwiederholungstaste. Am 4. November 2011 um 15.29 Uhr sprachen sie eine Minute und 27 Sekunden miteinander, dann tippte André E. eine SMS an seine Frau Susann.

Wenige Stunden zuvor hatten sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem Wohnmobil in Eisenach erschossen, ihre Komplizin Beate Zschäpe hatte wenig später den gemeinsamen Unterschlupf in Zwickau angezündet. Dass sie umgehend Kontakt zu André E. aufnahm, werten die Ermittler als Beweis für ein "besonderes Vertrauensverhältnis" - und zwar eines, das seit mehr als einem Jahrzehnt bestanden haben soll.

Niemand soll in so engem Kontakt zu den mutmaßlichen Rechtsterroristen gestanden haben wie das Ehepaar E., das auch in Zwickau wohnte, keine acht Kilometer vom Versteck des Trios in der Frühlingsstraße entfernt. 20 Minuten dauert die Fahrt quer durch die Stadt. Susann und André E. gingen laut Ermittlern bei den mutmaßlichen Terroristen ein und aus. Regelmäßig besuchte Susann E. demnach mit ihren zwei kleinen Söhnen die Freunde. Nachbarn stellte Beate Zschäpe die zweifache Mutter als ihre Schwester vor. Oft soll auch André E. dabei gewesen sein.

Sie sind ein auffälliges Paar: Susann E., 31, ist groß und schlank mit schwarzen Haaren, sie überragt André, 33, einen kräftigen, untersetzten Mann. Beide sind großflächig an Armen und Oberkörper tätowiert, bei ihr reichen die Kunstwerke bis zum Hals. Ihr Name ist einer von zwölf, mit denen Beate Zschäpe in ihrem Doppelleben jonglierte.

Die E.s gelten als überzeugte Neonazis. Er hat seine Gesinnung auf seinem Körper verewigt: ein Hakenkreuz, Wehrmachtssymbole und den Schriftzug der von ihm mitgegründeten "Weißen Bruderschaft Erzgebirge". Auf seinem Oberkörper sind zudem die Worte "Die Jew die" (Stirb, Jude, stirb) eintätowiert, André E. galt als Schlüsselfigur der rechten Szene Sachsens.

Ausflüge ins Disneyland, Weihnachtskarten mit Hakenkreuz

Sechs Monate saß André E. nach dem Auffliegen des NSU in Untersuchungshaft. Der gelernte Maurer galt als einer der wichtigsten Unterstützer der Terrorzelle, weil er angeblich das Bekennervideo hergestellt oder zumindest bei der Produktion geholfen haben soll. Ein Vorwurf, den die Ermittler größtenteils fallen lassen mussten: Der "Paulchen Panther"-Film geht nachweislich auf Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zurück. Wer sie bei der Erstellung unterstützt hat, ließ sich bislang nicht zweifelsfrei feststellen.

Der Generalbundesanwalt hat nun gegen André E. Anklage erhoben wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Seine Ehefrau Susann steht im Verdacht, Helferin der Bande gewesen zu sein. Sicher ist: Das Ehepaar unterstützte das Trio bei der Beschaffung von Bahncards, Andre E.s Unterschrift findet sich zudem auf einem Mietvertrag für eine der konspirativen Wohnungen der Untergetauchten.

Nach Erkenntnissen der Ermittler soll André E. bei der Anmietung von Wohnmobilen, die Mundlos und Böhnhardt als Fluchtfahrzeuge bei Anschlägen und Überfällen dienten, geholfen haben. Daher wird ihm Beihilfe zu einem der Sprengstoffanschläge in Köln - und damit Beihilfe zum versuchten Mord - sowie Beihilfe zum Raub vorgeworfen. André E. soll auch als Netzwerker agiert haben: So stellte er dem Trio seinen Jugendfreund Matthias D. vor, der ebenfalls Wohnungen für die Untergetauchten anmietete.

Im Brandschutt der geheimen Wohnung in Zwickau wurden Fotos sichergestellt, die Beate Zschäpe, Susann E. und deren Kinder in enger freundschaftlicher Pose zeigen. Auch gefunden wurde eine Rechnung für einen Aufenthalt im "Disneyland Paris" - ausgestellt auf die vierköpfige Familie.

Nachbarn erinnern sich, wie das Trio mit den Kindern spielte. Vor allem Beate Zschäpe soll einen innigen Kontakt zu den beiden Jungen gehabt haben. Sie nahm an Aufführungen der Kinder in Schule oder Kindergarten teil, die Kinder begleiteten sie bei Tierarztbesuchen. In der abgebrannten Wohnung sowie im Wohnmobil wurde Kinderspielzeug gefunden, im Keller ein Kinderfahrrad.

Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL
André E. hat einen Zwillingsbruder: Maik E. Auch er ist kein Unbekannter. Im brandenburgischen Verfassungsschutzbericht von 2010 taucht er als "Stützpunkt"-Vertreter der NPD-Jugendorganisation auf.

Das Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen zählte beide Brüder im Jahr 2000 zum Kreis der Kameradschaft "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" (WBE). Diese verstand sich als "Pro-Weisse Organisation", deren erklärtes Ziel es war, die "14 Words" zu verwirklichen. Hinter der Formel versteckt sich der Satz: "We must secure the existence of our people and a future for White children." ("Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft für die weißen Kinder sichern.") Verfasser dieses rassistischen Pamphlets soll ein 2007 verstorbener Amerikaner sein, der Mitglied einer der bekanntesten Neonazi-Terrorgruppen der USA war und wegen Mordes zu 190 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Zufall oder nicht, in einer der ersten Versionen des Bekennervideos des NSU findet sich ein Hinweis auf die "14 Words": In der kurzen Filmsequenz tauchen 14 Kästchen auf, die sich jeweils mit dem Datum eines Mordes und dem Namen des Opfers füllen. Darin betonen die Macher besonders deutlich, wie wichtig ihnen der "Erhalt der deutschen Nation" sei.

André E. schweigt eisern

Die NS-Vergangenheit wird bei Familie E. intensiv gepflegt: Zwillingsbruder Maik soll sein Gehöft nach Angaben des Bundeskriminalamts mit Devotionalien aus dem Dritten Reich dekoriert haben. Im Schlafzimmer von André und Susann E. fanden Ermittler eine Büchse mit der Aufschrift "Nationale Sozialisten Zwickau" und "spendet für Propaganda und Schulung", auf dem Familiencomputer waren Entwürfe für Weihnachtskarten gespeichert - verziert mit Hakenkreuzen. Sowohl auf dem Rechner der Familie E. als auch auf dem des Trios findet sich ein Verzeichnis mit rund 2900 identischen Dateien, die in Ordnern mit den Namen "Hitlersbilder" oder "Nazibilder" sortiert sind.

André E. muss nach Zschäpes Festnahme geahnt haben, dass auch er verhaftet werden würde. Er verließ Zwickau und suchte mit seinen Söhnen Unterschlupf im brandenburgischen Mühlenfließ, wo sein Zwillingsbruder einen Hof bewohnt.

Am 24. November vergangenen Jahres flogen Beamte der GSG 9 um 6.30 Uhr mit einem Hubschrauber zum Hof von Maik E., zeitgleich wurde die Zwickauer Wohnung seines Bruders durchsucht, in der sich seine Ehefrau Susann mit einem Gesinnungsgenossen aufhielt. Ein Großaufgebot von Polizeibeamten unterstützte die Spezialeinheit bei dem Einsatz. André wurde gefesselt abgeführt. Mehrere tausend Euro Bargeld wurden bei der Durchsuchung in Brandenburg sichergestellt. Die Ermittler vermuten, dass André E. womöglich seine Flucht vorbereitete. Gegenüber den Ermittlungsbehörden machte der 33-Jährige keine Angaben. Sein Anwalt Herbert Hedrich sagte dem SPIEGEL im Januar, die Vorwürfe beruhten "lediglich auf einer Summe von Vermutungen".

In einem Schreiben des sächsischen Verfassungsschutzes vom November vergangenen Jahres heißt es, dass die Behörde im März 2003 ein "Informationsgespräch" mit André E. geführt habe. Dabei soll er geäußert haben, keine Kontakte mehr in die Szene zu unterhalten. Weitere Gespräche mit dem Geheimdienst lehnte er damals ab - es kam zu keiner Zusammenarbeit. Doch die Schlapphüte behielten André E. im Visier.

Als sich im November 2006 Verfassungsschützer aus Dresden und Staatsschutzbeamte der Polizeidirektion Westsachsen zu einem "Erkenntnisaustausch" an einen Tisch setzten, waren auch die Zwillingsbrüder ein Thema. Im Gesprächsvermerk heißt es, dass André E. plane, eine "saubere" Kameradschaft aufzubauen. Auch über die Rolle von André und Maik E. waren sich die Beteiligten einig: Die Einschätzung des Staatsschutzes, dass die beiden eine "herausgehobene Position innehaben", würde vom LfV "mitgetragen".

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insgesamt 7 Beiträge
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1. optional
thomas.b 10.12.2012
Würde mich nicht wundern, wenn dieser André E. nicht auch noch V-Mann ist oder war...
2. ...
elchjr 10.12.2012
Zitat von sysopdie dvd wurde erst tage später in einem bereits untersuchten rucksack gefunden.
Quelle?
3.
willimasoagen 10.12.2012
Zitat von elchjrQuelle?
Frankfurter Rundschau NSU-Trio: Polizei übersah DVDs der Terrorzelle | Neonazi-Terror*- Frankfurter Rundschau (http://www.fr-online.de/neonazi-terror/nsu-trio-polizei-uebersah-dvds-der-terrorzelle,1477338,20999620.html)
4.
maumi 10.12.2012
Zitat von elchjrQuelle?
hier ausführlich Fakten und Ungereimtheiten zu den NSU/Döner – Morden Teil 1 - OnlineZeitung 24.de (http://www.onlinezeitung24.de/article/4669)
5. Dilletantisch bis zum Abwinken
fuchs008 10.12.2012
Wenn man so liest, wie familär es jahrelang zuging (gemeinsam zum Schulkonzert oder nach Disneyland), dann fragt man sich, was der Schlappohren eigentlich die ganze Zeit gemacht haben. Angeblich wussten doch alle, dass Andre E. eine herausgehobene Position in der Szene innehatte. Aber dass er jahrelang in Zwickau mit dem untergetauchten Trio Eisessen ging, hat keiner gemerkt? Die ganze Geschichte fing unglaubwürdig an - zwei neonazis erschiessen sich gegenseitig (!) und die immer neuen Details machen es auch nicht glaubwürdiger. Wahrscheinlich waren die drei einfach nur Marionetten des Verfassungsschutzes.
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