NSU-Versteck Chemnitz: "Wir brauchen viel Geld und einen Videorecorder"
Ein Terror-Trio auf der Flucht: Als die Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" abtauchten, war keine Stadt von so großer Bedeutung wie Chemnitz. Hier fanden sie Unterschlupf und fühlten sich sicher - auch wegen der Unterstützung durch die lokale Neonazi-Szene. Eine Rekonstruktion.
Plötzlich standen sie vor Thomas S. Tür in Chemnitz: Uwe Mundlos, Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt. Sie seien auf der Flucht, auf der Suche nach einem "Pennplatz", sie "müssten mal kurz weg". So gab es der mutmaßliche NSU-Unterstützer Thomas S. in seiner Aussage beim Bundeskriminalamt (BKA) zu Protokoll.
Diese erste Anlaufstelle legt den Grundstein für die Militarisierung der mutmaßlichen Rechtsterroristen: Keine Stadt war von so großer Bedeutung wie Chemnitz, wo in einem Abbruchhaus in der Nähe des Hauptbahnhofs die Übergabe des wichtigsten Mordinstruments - der Ceska Zbrojovka 83 - stattfand. Neun Menschen wurden damit ermordet.
Thomas S. kannte das Trio, er soll ihm 1998 in Jena beschlagnahmten Sprengstoff besorgt haben. Er selbst war damals "Blood & Honour"-Kader, es kostete ihn nur wenige Telefonate - und schon fanden die drei Flüchtigen Unterschlupf in einer Erdgeschosswohnung in der Friedrich-Viertel-Straße 85, mitten in einem der größten Plattenbaugebiete der ehemaligen DDR - und Lebensmittelpunkt für viele Neonazi-Skinheads.
Ende der neunziger Jahre war Chemnitz ein Zentrum der rechtsextremen Skinhead-Szene in Sachsen: Neonazi-Bands veranstalteten Rechtsrock-Konzerte, Rechtsextremisten marschierten bei Demonstrationen auf und veröffentlichten Szenezeitschriften. Es kam zu Überfällen und Brandanschlägen.
Hochburg der Neonazi-Szene: die Gegend um die Friedrich-Viertel-Straße, genannt Heckert-Gebiet. Hier fühlten sich Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt offenbar wohl. Hier nannten sich Jugendcliquen "Heckert-SS" und verbreiteten Angst und Schrecken bei denjenigen, die ihrem Feindbild entsprachen.
Im Jahresbericht 1998 des sächsischen Verfassungsschutzes heißt es auch, dass "Blood & Honour" in Sachsen an Bedeutung gewonnen habe. Zwei der wichtigsten Kader lebten in Chemnitz und sollen Unterstützungshandlungen für die Untergetauchten begangen haben - einer von ihnen ist Thomas S. Die meisten Chemnitzer Neonazis kannten sich untereinander, die Szene galt als vernetzt und bestand aus gefestigten Kadern und Mitläufern.
Allein in dem Haus, in dem Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe unterkamen, hätten mehrere Neonazis in Wohngemeinschaften gelebt. So schilderte es Thomas R., der die drei damals bei sich aufnahm, in seiner Vernehmung. Er selbst war Macher des Szeneheftchens "Sachsens Glanz".
Beate Zschäpe
Anklage: Mittäterschaft bei zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und 15 bewaffneten Raubüberfällen; Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung; versuchter Mord; besonders schwere Brandstiftung
Untersuchungshaft: seit 8. November 2011
Verbindung zum NSU: Zschäpe, Jahrgang 1975, gilt als Gründungsmitglied der Terrorzelle NSU. Laut Bundesanwaltschaft war sie neben den verstorbenen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos eines von drei gleichberechtigten Mitgliedern der Gruppe. Sie soll selbst keine Morde verübt haben, aber für den NSU unverzichtbar gewesen sein. Laut Anklage sollte Zschäpe der Terrorzelle den Anschein von Normalität geben, war für die Logistik zuständig, verwaltete das Geld, mietete Fahrzeuge an, archivierte Artikel über die Taten der Terroristen, soll an der Beschaffung einer Waffe und gefälschter Papiere beteiligt gewesen sein. Schließlich soll die 37-Jährige das letzte NSU-Versteck in Zwickau in Brand gesetzt und DVDs verschickt haben, in denen sich der NSU zu seinen Taten bekannte.
RALF WOHLLEBEN
Anklage: Beihilfe zum Mord in neun Fällen
Untersuchungshaft: seit 29. November 2011
Verbindung zum NSU: Wohlleben, Jahrgang 1975, soll dem Terrortrio 1998 beim Untertauchen finanziell geholfen und dem NSU auch später Geld beschafft haben. Ende 1999 oder Anfang 2000 soll der frühere NPD-Funktionär dem NSU mit Hilfe eines Kuriers eine Pistole vom Typ Ceska 83 und Munition besorgt haben - die Tatwaffe für die Morde an neun Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund.
Holger G.
Anklage wegen: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung in drei Fällen
Untersuchungshaft: 13. November 2011 bis 25. Mai 2012
Verbindung zum NSU: G., Jahrgang 1974, soll seit dem Ende der neunziger Jahre Kontakt mit dem Terrortrio gehabt haben. Dem NSU soll er seinen Führerschein, eine Krankenversichertenkarte und einen Reisepass überlassen haben. So soll er der Zelle ermöglicht haben, verborgen zu agieren und rechtsextreme Gewalttaten zu verüben. Zudem transportierte er für die Terroristen eine Waffe. G. hat gegenüber den Ermittlern ein umfassendes Geständnis abgelegt.
Carsten S.
Anklage: Beihilfe zum Mord in neun Fällen
Untersuchungshaft: 1. Februar bis 29. Mai 2012
Verbindung zum NSU: S. kaufte - angeblich mit dem Geld Ralf Wohllebens - die Waffe, mit der neun Kleinunternehmer erschossen wurden. Zudem lieferte der 32-Jährige die Pistole an die Terrorzelle nach Chemnitz. S. hat gegenüber der Bundesanwaltschaft ausgesagt und ein umfassendes Geständnis abgelegt.
André E.
Anklage: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, Beihilfe zu einem Sprengstoffanschlag, Beihilfe zum Raub
Untersuchungshaft: 23. November 2011 bis 14. Juni 2012
Verbindung zum NSU: Der gelernte Maurer soll der Terrorzelle seit den neunziger Jahren geholfen haben, etwa bei der Anmietung von Fahrzeugen und einer Wohnung. Der 33-Jährige und seine Frau sollen die NSU-Mitglieder regelmäßig besucht haben. Zudem gab er 2006 Beate Zschäpe als seine Ehefrau aus.
Zwei Jahre lang diente ihnen Chemnitz als Versteck: Von der Friedrich-Viertel-Straße zog das Trio in die Limbacher Straße 96 zu Max-Florian B., dem Freund einer gewissen Mandy S. Diese war 1997 nach Chemnitz gezogen und hatte Anschluss in der rechten Szene gefunden. Dem Steinmetz-Lehrling, drei Jahre jünger als Mandy S., imponierte die rechte Gesinnung seiner Freundin.
An einem Tag im Februar 1998 soll sie ihn gebeten haben, "Kameraden, die Scheiße gebaut haben", aufzunehmen. Zwei Monate nistete sich das Trio bei Max-Florian B. ein. Sein Name steht auf gefälschten Papieren, die Uwe Mundlos in der Illegalität verwendete.
Auch der Chemnitzer Neonazi Gunter-Frank F. soll seine Identität verliehen haben: Ab Juli 1998 nutzte Uwe Böhnhardt einen Reisepass, ausgestellt auf seinen Namen. Nach der Enttarnung des Trios fanden Ermittler auch Bahncards, die für die Jahre 1999 bis 2004 F.s Namen trugen. Als F. im August dieses Jahres bei einer Vernehmung eine Kopie des Reisepasses von 1998 vorgelegt wurde, wollte er sich dazu nicht äußern.
Bei einem Überfall schossen sie auf einen 16-Jährigen
Von Mitte August 1998 bis April 1999 bezogen die Untergetauchten ihre erste eigene Wohnung: eine Bleibe in der Altchemnitzer Straße 12. Hilfe erhielten sie von Carsten R., der den Mietvertrag vermutlich im Beisein von Beate Zschäpe unterzeichnete. Carsten R. leistete zu diesem Zeitpunkt bei der Bundeswehr seinen Wehrdienst. In einer Vernehmung sagte er, er habe das Trio etwa alle zwei Monate besucht, um zu schauen, ob alles in Ordnung sei. Er habe damals lediglich gewusst, dass sie aus der rechten Szene seien und "von zu Hause weg mussten".
Ihre letzte Station in Chemnitz war die Wolgograder Allee 76, die André E. für sie anmietete. Niemand soll in so engem Kontakt zu den mutmaßlichen Rechtsterroristen gestanden haben wie André E. Sechs Monate saß der 33-Jährige nach dem Auffliegen des NSU in Untersuchungshaft. Der gelernte Maurer galt als einer der wichtigsten Unterstützer der Terrorzelle, die belastenden Vorwürfe mussten die Ermittler jedoch mittlerweile größtenteils fallen lassen.
In Chemnitz tauchten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe nicht nur unter: Vielmehr radikalisierten sie sich weiter und perfektionierten die Finanzierung ihres Lebens im Untergrund: Am 18. Dezember 1998 erbeuteten Böhnhardt und Mundlos bei ihrem ersten Überfall auf einen Edeka-Markt in Chemnitz 30.000 DM. Während ihrer Flucht wurden sie von einem 16-Jährigen verfolgt, auf den sie Schüsse abgaben, die den Jungen jedoch verfehlten und in einer Wand einschlugen. Später folgten sieben Banküberfälle allein in Chemnitz, zwei davon im Oktober 1999.
Bei ihrer Vernehmung Anfang dieses Jahres berichtete die Mutter von Uwe Böhnhardt, sie habe immer mal Zettel im Briefkasten gefunden mit Datum, Uhrzeit und dem Hinweis auf eine Telefonzelle. Dort habe sie dann mit ihrem Sohn telefoniert. Dreimal habe sie ihn getroffen - immer in Chemnitz
."Nur in Sachsen fallen scheinbar keine eigenen Erkenntnisse an"
Am 16. April 1998 wurde ebenfalls aus einer Telefonzelle in Chemnitz, Ortsteil Klaffenbach, ein Kontaktmann in Jena angerufen, der Anweisungen für den mittlerweile inhaftierten mutmaßlichen NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben entgegennahm. Ralf soll wieder an die "selbe Stelle" kommen. "Soll vorher zu Uwes Mutter, dort Geld holen. Wir brauchen viel Geld und soll dort einen Videorecorder holen und Klamotten und was weiß ich noch alles, einen Haufen Zeug." Am 20. April wieder ein Anruf. Diesmal aus einer Telefonzelle in der Chemnitzer Haydnstraße.
Staatsschutz und Verfassungsschutz, die die Chemnitzer Szene unabhängig von der Fahndung nach dem Trio unter Beobachtung hatten, entgingen die geheimen Treffen. Auch ahnte keiner der Ermittler, dass sich die Gesuchten in Chemnitz eingerichtet hatten - obwohl die Telefonate teilweise abgehört wurden, V-Leute Hinweise lieferten, die Chemnitz als Aufenthaltsort auswiesen, und zehn Chemnitzer Telefonnummern auf einer Liste sichergestellt wurden, die 1998 neben dem Sprengstoff in der Garage in Jena gefunden wurde.
"Die sächsischen Behörden haben sich nach dem Abtauchen des Trios auf die Zuarbeit aus Thüringen verlassen und kaum bis keine eigene Initiative entfaltet", sagt Miro Jennerjahn, Mitglied des sächsischen Landtags für Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied des sächsischen NSU-Untersuchungsausschusses.
Die Zeit des Trios in Chemnitz werfe viele Fragen auf. "Da werden Personen aus der Szene observiert und überwacht, doch es gibt keine brauchbaren Ergebnisse. Zeitgleich erfahren die Thüringer Behörden durch Informanten mehrfach, dass sich das Trio im Raum Chemnitz aufhalten soll", so Jennerjahn. "Nur in Sachsen fallen scheinbar keine eigenen Erkenntnisse an. Da muss man schon Fragen stellen."
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