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Mutmaßlicher NSU-Helfer: Die Handy-Kontakte des André E.

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Mutmaßlicher NSU-Helfer: André E. vor dem Oberlandesgericht München Zur Großansicht
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Mutmaßlicher NSU-Helfer: André E. vor dem Oberlandesgericht München

Die große Aufmerksamkeit für Beate Zschäpe kann dem Mitangeklagten André E. nur recht sein: Er unterstützte den NSU laut Anklage über Jahre. Seine Handydaten zeigen, wie viele Kontakte er zu mutmaßlichen Kriminellen pflegte.

Beim Münchner NSU-Prozess wollte der Angeklagte André E. nach zwei Monaten nicht mehr erscheinen. Die Begründung: Er habe mit den Morden nichts zu tun. Der Antrag wurde abgelehnt, und schon die in seinen Mobiltelefonen gespeicherten Kontakte zeigen, dass dies eine gute Entscheidung war.

Fünf Geräte beschlagnahmte die Polizei 2011. In den Kontaktlisten wimmelt es nur so von mutmaßlichen Kriminellen. Es sind 44, wie eine Auswertung der SPIEGEL-Dokumentation ergab. Hinzu kommen drei Personen, die im Verfahren gegen Beate Zschäpe als NSU-Unterstützer gelten. Von diesen 47 Personen sind mehr als die Hälfte polizeibekannte Neonazis. Laut Polizeiakten sind mehr als ein Dutzend Gewalttäter darunter, einige mit Tötungsdelikten. Außerdem Betrüger, Volksverhetzer und Drogendealer. Oft handelt es sich um Mehrfachtäter.

Im Gegensatz zu vielen anderen Skinheads ging E. nach seiner Heirat und der Geburt zweier Söhne nicht auf Abstand zur Szene. Über mindestens sieben Jahre hat er Kontakte zu denselben mutmaßlichen Straftätern immer wieder ins nächste Handy mitgenommen. Diese Personen erscheinen in der Grafik mit mehreren Balken nebeneinander. Einige Bekannte fügte er neu hinzu, andere sortierte er aus.

E. soll dem NSU schon am Anfang, 1999, bei der Wohnungssuche geholfen haben. Laut Anklage hat er drei Tatfahrzeuge gemietet. Nachdem Zschäpe am 4. November 2011 die Zwickauer NSU-Wohnung in die Luft gejagt hatte, soll E. ihr bei der Flucht geholfen haben. Wohl niemand hielt wie André E. so viele Jahre so engen Kontakt zu den NSU-Mördern im Untergrund und im selben Zeitraum zu Dutzenden Rechtsextremen und anderen mutmaßlichen Kriminellen in der Legalität.

Karteileichen oder relevante Daten?

Die Auswertung durch ein Team von SPIEGEL-Dokumentaren beruht auf den ausgelesenen Daten der Gerätespeicher der fünf Mobiltelefone. Erfasst sind nur die Kontaktlisten, also die wahrscheinlich von E. angelegten Listen von Telefonnummern, nicht automatisch gespeicherte Verbindungsdaten von geführten Gesprächen.

Nur im letzten Gerät, gekauft im Mai 2011, fand die Polizei eine Sim-Karte. Deren Kontaktliste war mit der Liste im Gerätespeicher weitgehend identisch. Die Sim-Karte wurde bereits im September 2007 aktiviert. Das spricht dafür, dass E. sie zusammen mit dem dritten Handy gekauft und seitdem genutzt hat. Allerdings fügte er danach noch neue Kontakte hinzu, ältere löschte er.

Am deutlichsten unterscheiden sich die Kontaktlisten der ersten beiden Handys. Ein Grund dafür könnte sein, dass E. diese beiden Handys über mindestens 18 Monate parallel nutzte. Elf Kontakte aus dem ersten Handy hat er nicht wieder gespeichert. Stattdessen kamen immer wieder neue Einträge hinzu, im neuesten Handy waren es neun. Offenbar hielt E. seine Kontaktlisten also zumindest teilweise aktuell.

Das älteste Handy hat André E. ab 2004 genutzt, das jüngste im Jahr 2011. Die folgende Grafik stellt die Kontakte in diesem Zeitraum dar. Jede Spalte steht für ein Handy, jede Zeile für eine Person, deren Kontaktdaten E. gespeichert hatte.

Sortieren Sie die interaktive Grafik nach der Länge des Kontakts oder nach der Tätergruppe, dem die Kontakte zugeordnet sind. Fahren Sie mit der Maus über einen Kasten, um Einträge der Polizei zur jeweiligen Person anzuzeigen:

  • Rot: Kontakte mit Personen, welche die Polizei als rechtsextrem motivierte Straftäter führt
  • Dunkelrot: Personen, die im Verfahren gegen Beate Zschäpe als NSU-Helfer gelten
  • Gelb: mutmaßliche Kriminelle ohne bekannten politischen Bezug

Mutti und dicke Nicole

Insgesamt waren auf den fünf Handys 802 Kontakte gespeichert. Um daraus die in der Grafik dargestellten Kontakte herauszufiltern, bedurfte es mehrerer Arbeitsschritte. Denn die Einträge allein helfen häufig nicht weiter. "Mutti" mag noch eindeutig sein. Doch wer sich hinter "Fosi", "dicke Nicole", "Torte", "Mausibär", "Schlappi", "Ivonne Lesbe" oder "Schemo" verbirgt, ist zunächst unklar.

Um an die bürgerlichen Namen zu kommen, legte die Polizei die Rufnummern den Telefonunternehmen vor und verlangte die Daten der Anschlussinhaber. Damit befragte die Polizei wiederum ihre eigenen Datenbanken und fand viele alte Bekannte.

Tippgeber für Anschläge?

Oft wird gemutmaßt, der NSU habe einige Anschlagsopfer nicht selbst gefunden, sondern Tippgeber gehabt. Würde einer von André E.s Bekannten auffallend nah an einem Anschlagsort wohnen, so könnte er ein solcher Tippgeber gewesen sein. Dafür haben SPIEGEL-Dokumentare 156 Adressen der polizeilich erfassten und nicht erfassten Bekannten E.s zusammen mit den Tatortadressen der 13 Mordanschläge des NSU in eine Deutschlandkarte eingetragen.

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Lediglich an zwei Anschlagsorten, Hamburg und München, finden sich überhaupt Kontakteinträge in den fünf untersuchten Mobiltelefonen. Doch in diesen Fällen besteht keine Nachbarschaft zu einem Tatort. Die kürzeste Entfernung liegt im Osten Münchens und beträgt 20 Gehminuten.

André E. ist nicht vorbestraft. Für einen langjährigen Rechtsextremisten mit einem solchen Bekanntenkreis mag das nicht der kriminalistischen Erfahrung entsprechen. Womöglich hat ihn seine Rolle im NSU-Umfeld diszipliniert - mit den üblichen Straftaten seines Milieus hätte er nur die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gezogen. Für den NSU im Untergrund wäre das ein unkalkulierbares Risiko gewesen.

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