Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

NSU-Prozess: "Zschäpe hat die Männer regelrecht bemuttert"

Von , München

Im Urlaub auf Fehmarn gaben sich Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos als harmlose Touristen. Die Männer seien begeisterte Sportler gewesen, sagten Zeugen im NSU-Prozess aus. Und Zschäpe? "Sie hatte die Hosen an."

Mundlos, Zschäpe, Böhnhardt (v.l.) im Wohnmobil: "So ist eben unser Lieschen" Zur Großansicht
REUTERS/ Bundeskriminalamt

Mundlos, Zschäpe, Böhnhardt (v.l.) im Wohnmobil: "So ist eben unser Lieschen"

Campingurlaub auf Fehmarn, August 2011. Liese, Max und Gerry - also Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt - seien bei ihrer Ankunft schon da gewesen, berichtet die Zeugin aus Neumünster im Münchner NSU-Prozess, und hätten sie und ihre Familie begrüßt. Man kannte sich schon vom Vorjahr. Gemeinsame Ausflüge, Spielabende, Radtouren, Einkaufsbummel. "Wir Frauen haben uns morgens immer zum Sport getroffen, mein Mann ging oft mit Max surfen. Und Gerry nahm die Kinder im Schlauchboot mit", sagt die Zeugin. Abends wurde gemeinsam gegrillt.

Ferien auf dem Campingplatz bedeuteten für das seit 1998 untergetauchte Trio ein Leben, wie es sonst offenbar das ganze Jahr über so nicht möglich war. Unter falschen Namen zwar und unter Vorgabe falscher Identitäten - aber doch genauso, wie es auch bei den anderen Familien auf dem Platz zuging. Man duzte sich, legte keinen Wert auf Nachnamen, unterhielt sich zwanglos und vor allem vorwiegend über Belangloses.

Es gab Kontakt zu anderen Leuten, aber ohne etwas von sich preisgeben zu müssen oder Verdacht zu erregen: "Meines Wissens arbeitete Liese bei ihren Eltern in deren Boutique, Max war in der Computerbranche und Gerry als Kurierfahrer tätig", berichtet die Zeugin. Weitergehende Fragen seien "geschickt umspielt" worden von den dreien.

Max sei sehr belesen gewesen und ein richtiger "Frauenversteher"; er habe sich auf allen Gebieten ausgekannt. Beziehungen, so habe er erzählt, seien oft an seiner extremen Sportbegeisterung gescheitert. Und von Liese wusste die Zeugin, dass sie sich als kinderlos und "ohne Partner" ausgegeben habe.

Die Zeugin machte sich damals, wie andere Urlauber auch, offensichtlich Gedanken über die drei. "Natürlich haben wir uns gefragt, ob Liese mit einem der beiden Männer ein Verhältnis hat", sagt sie. Aber alle drei seien so freundschaftlich und nett miteinander umgegangen, dass man ihnen geglaubt habe, was sie von sich erzählten: dass sie nur Freunde seien und jedes Jahr zusammen Urlaub machten, zu Hause in Zwickau aber in getrennten Wohnungen lebten.

"So ist eben unser Lieschen"

Die Männer seien "sehr lieb" zu Liese gewesen. Keine Zärtlichkeiten oder "verstecktes Händchenhalten", aber Rühmen der Freundin: "Ja, so ist eben unser Lieschen", habe es geheißen, wenn Zschäpe wieder einmal einen besonders guten Salat angerichtet hatte. "Wir fanden es bewundernswert, wie viel Mühe sich Liese mit dem Essen gab. Sie hat die Männer regelrecht bemuttert."

Während dieses Urlaubs brachten Zschäpe und Böhnhardt offenbar den Motor des Schlauchboots zur Reparatur. Der damals zuständige Mitarbeiter erinnert sich noch heute an seinen Eindruck, dass die Frau "die Hosen anhatte". Dass sie, obwohl sich ihr Begleiter mit Motoren auszukennen schien - das Boot gehörte wohl Böhnhardt - , die Verhandlungen führte und dass bar bezahlt wurde. "Ich habe ihr Auftreten als sehr dominant in Erinnerung", sagte er als Zeuge damals bei der Polizei. Und er bestätigt nun vor Gericht, dass er sich mit einem Kollegen später darüber amüsiert habe: "Wir wollten beide nicht mit ihr verheiratet sein."

Es fügt sich Stein an Stein. Böhnhardt, der nicht gern mit Fremden sprach; Mundlos, der Eloquente, der zumindest in den Ferien die Gesellschaft anderer Leute suchte; Liese, die die Urlaubskasse verwaltete. Ein Trio, das sich "offen" gab, aber keineswegs offen war.

Stundenlang mit den Nachbarkindern beschäftigt

Dennoch hat jeder Zeuge ein jeweils etwas anderes Bild in Erinnerung. Eine weitere Urlauberin vom Campingplatz hatte den Eindruck, die drei seien "wie eine Familie" aufgetreten: Zschäpe "wie eine Mutter", die nach dem Rechten schaute und sich um Essen, Wäsche und Einkauf kümmerte; Böhnhardt, der Ruhigere, als Vater in einer Art Beschützerrolle, der sich um den "spaßigen" Mundlos sorgte, "der oft Blödsinn im Kopf hatte und sich wie ein kleiner Zehnjähriger begeistert Dinge ausmalte".

Beide Männer hätten "unheimlich viel Sport getrieben", Mundlos sei geradezu athletisch durchtrainiert gewesen. Und Böhnhardt habe sich im Straßenverkehr als Autofahrer "hundertprozentig korrekt" verhalten. Auch habe er sich bisweilen stundenlang mit den Nachbarkindern auf dem Campingplatz beschäftigt.

"Meinem Sohn fiel damals auf", erinnert sich die Frau, "dass die drei niemanden in den Wagen hineinließen". Sie habe gedacht: Wahrscheinlich ist nicht aufgeräumt. Der Ehemann der Zeugin berichtet vor Gericht, Gerry, also Böhnhardt, habe beim Joggen mal auf Nachfrage erklärt, er und Liese seien keineswegs ein Paar - auch wenn sie im Wohnwagen im Doppelbett schliefen. Denn Liese schlafe nicht gern allein.

Am Ende dieses 68. Verhandlungstags, an dem wieder einmal nur von der freundlichen Fassade des Trios die Rede gewesen war, wurde es dann noch einmal grundsätzlich. Die Verteidigung Zschäpes warf der Bundesanwaltschaft vor, Aussagen des Zeugen Patrick K. sowie seiner Mutter Heike vom Vortag in der Anklage "unterschlagen" zu haben. Der junge Mann hatte berichtet, Zschäpe habe ihn vor einem Abrutschen in die rechte Szene gewarnt.

"Angesichts der wenigen vorhandenen Quellen zur politischen Haltung unserer Mandantin" sei damit offensichtlich, dass die These einer Mittäterschaft bei den zehn NSU-Morden nicht stimme, argumentierte die Verteidigung. Dies führte erwartungsgemäß zu Widerspruch bei den Opferanwälten. Rechtsanwalt Sebastian Scharmer: "Selbst wenn sie gewarnt haben sollte - sie hat die Fassade aufrechterhalten."

Verteidigerin Anja Sturm hingegen hielt für symptomatisch, dass die Nebenklage versuche, Zeugen zu beeinflussen, die positiv über Zschäpe berichteten. Und zwar in dem Sinn, dass sich diese Zeugen im Licht der "feststehenden Geschehnisse" korrigieren sollten. Es könne nicht im Sinn der Nebenkläger sein, so Sturm, dass dann aus Zeugen etwas "herausgekitzelt" werde, was sie nicht erlebt hätten. Denn die Nebenkläger wollten ja wissen, wie es wirklich war.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Kontakte im NSU-Umfeld


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: