Theater über Beate Zschäpe "Wir leuchten eine Seele aus"

Benjamin und Dominik Reding sagen, sie seien 1996 von den späteren NSU-Mitgliedern bedroht und beschossen worden, sie bezeichnen sich als "NSU-Opfer". Nun wollen die Regisseure einen Theaterabend über Beate Zschäpe auf die Bühne bringen. Wollen sie Zschäpe bloßstellen?

Ein Interview von

Dominik und Benjamin Reding: "Die Beschossenen schießen nun zurück"
B. Reding

Dominik und Benjamin Reding: "Die Beschossenen schießen nun zurück"


Benjamin und Dominik Reding erzählen, dass drei Neonazis sie am Silvesterabend 1996/97 am Bahnhof Erfurt bedroht, verfolgt und schließlich sogar beschossen hätten. In den dreien wollen sie Jahre später die mutmaßlichen Mitglieder des NSU erkannt haben: Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Mehrere Medien, darunter auch SPIEGEL ONLINE, berichteten über die Geschichte der Redings. Sogar die Staatsanwaltschaft hat ermittelt, "wegen versuchten Mordes", dieses Verfahren gegen Beate Zschäpe inzwischen aber eingestellt, "mangels hinreichenden Tatverdachts": So konnte sich ein Begleiter der Redings nicht mehr daran erinnern, ob an dem Silvesterabend überhaupt eine Frau unter den Neonazis war.

Zudem konnten die DNA-Spuren auf einem Anarchie-Aufnäher, auf den einer der beiden Neonazi-Männer getippt haben soll, weder Mundlos noch Böhnhardt zugeordnet werden. Schließlich war nicht zu klären, ob auf dem Bahnhof damals mit scharfer Munition gezielt auf die Redings geschossen wurde - oder etwa nur in die Luft.

Die juristische Aufarbeitung ist abgeschlossen, die persönliche nicht: Die Brüder beschäftigen sich nun in einem Theaterstück mit dem Thema. "NSU for you/ Ein Abend mit Beate" soll im Oktober in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin zur Uraufführung kommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie vermarkten Ihren Theaterabend sehr offensiv, indem Sie sich als "NSU-Opfer" bezeichnen. Ist das nicht geschmacklos?

Dominik Reding: Überhaupt nicht. Das Stück ist wichtig, also dürfen wir es mit lauter Trommel verkaufen. Außerdem denken wir uns das ja nicht aus: Wir sind auf das NSU-Trio getroffen. Die Beschossenen schießen nun zurück.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nicht zu Schaden gekommen, andere schon: Der NSU hat mutmaßlich zehn Menschen ermordet.

Dominik Reding: Umso mehr gilt: Wäre ich nicht persönlich betroffen, würde ich mir nicht anmaßen, etwas über den NSU zu schreiben. Das aber gibt mir die Berechtigung. Das Trio wollte mich ausradieren, also darf ich auch etwas über das Trio schreiben.

Benjamin Reding: Wenn ich das Gefühl hätte, wir würden auf Leichen rumtrampeln, nur um einen persönlichen Erfolg zu erzielen, würde ich mich schämen. Aber wir wollen etwas erreichen.

Zu den Personen
Benjamin und Dominik Reding, 45, sind bekannt geworden mit Filmen über Jugendgewalt: Ihr Schwarzweiß-Drama "Oi! Warning" (2000) spielt in der Skinhead-Szene, ihr Ludwigshafener Tatort "Fette Krieger" (2001) im HipHop-Milieu, ihr Roadmovie "Für den unbekannten Hund" (2007) in einer Gruppe wandernder Handwerksgesellen. Die Zwillingsbrüder arbeiten als Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten. Sie leben in Berlin-Neukölln.
SPIEGEL ONLINE: Was denn?

Dominik Reding: Unser Stück ist fokussiert auf etwas, das man im NSU-Prozess in München nicht zu sehen bekommt: das Innenleben Beate Zschäpes, ihre Lebenswelt, ihr Gedankengut. Das Gericht bewertet Tatsachen, wir leuchten eine Seele aus. Mit den Mitteln der Fiktion.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie Zschäpe bloßstellen?

Dominik Reding: Nein, Beate Zschäpe ist nicht der Teufel, das wäre ja toll. Sie ist ein Stück weit sympathisch - und vermutlich gar nicht so weit weg von vielen Zuschauern. Das möchten wir vermitteln.

Benjamin Reding: Mein Traum wäre, dass die Zuschauer aus dem Stück rausgehen und sagen: "Scheiße, wir sind ihr ähnlich."

SPIEGEL ONLINE: Was verbindet unbescholtene Zuschauer mit Beate Zschäpe?

Dominik Reding: In unserem Stück stellen wir uns vor, dass die Zuschauer zufällig in ihrer Zwickauer Wohnung vorbeikommen, kurz vor dem letzten NSU-Mord. Zschäpe ist allein zu Hause, lädt die Zuschauer zum Essen ein, legt Musik von Rammstein und Frei.Wild auf und zappt sich durchs Fernsehprogramm. Sie liebt Trivialkultur, diese RTL- und RTL-II-Welt: "Frauentausch" zum Beispiel und "Deutschland sucht den Superstar", aber auch das WDR-Format "Zimmer frei". Die Trivialkultur ist der Nährboden, in dem zehnfache Mörder wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie das wirklich?

Dominik Reding: Das ist eine harte These, natürlich, aber in diesen Sendungen tauchen in Versatzstücken rechtskonservative Weltbilder auf. Es geht immer um eine Competition. Um die Fragen: Wer ist besser? Wer ist schlechter? Wer ist wert? Wer ist unwert?

SPIEGEL ONLINE: Zur Trivialkultur gehört in Ihrem Stück auch Oliver Hirschbiegels "Der Untergang".

Dominik Reding: Der Film ist bei Rechtsradikalen sehr beliebt, weil man so mitleiden darf mit den Nazis. In unserem Stück beichtet Zschäpe dem Publikum ihre Liebe zum Film-Goebbels: nicht zum echten Goebbels, sondern zum Goebbels aus dem "Untergang", nicht zur Realität, sondern zur Kolportage der Realität. Der Film-Goebbels klingelt dann an ihrer Tür. Unsere Traumbesetzung für die Rolle ist natürlich Ulrich Matthes, der den Goebbels im "Untergang" gespielt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich Ihr Erfurter Erlebnis im Stück niederschlagen?

Dominik Reding: Nur in Kleinigkeiten. Zum Beispiel in der Art, wie Beate Zschäpe sich bewegt. Als wir am Erfurter Bahnhof an sie gerieten, waren ihre Bewegungen ruppig, fest, männlich: eine Skinhead-Kameradin. Vor Gericht in München spielt sie hingegen eine andere Rolle: die Rechtsreferendarin, die adrette Gehilfin der Anwälte.

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