Nacktwanderer Stephen Gough: Raus aus den Klamotten, rein in den Knast

Von , London

18-mal wurde er wegen öffentlicher Nacktheit verurteilt, sechs Jahre saß er im Gefängnis. Doch der Engländer Stephen Gough gibt nicht auf: Der "Naked Rambler" wandert immer wieder nackt über die Insel - es geht ihm ums Prinzip.

Nudist Stephen Gough: Das Wandern macht nur nackig Lust Fotos
Getty Images

In Castleton war es wieder soweit. Stephen Gough betrat einen Juwelierladen des Bilderbuchdorfes in der englischen Grafschaft Derbyshire. Er fragte höflich, wo er Benzin für seinen Campingkocher bekommen könne. Die anderen Kunden guckten verdutzt, die Verkäuferin begann zu kichern.

Gough nahm ihr das nicht weiter übel, denn die wenigsten können ernst bleiben, wenn sie ihn sehen: Außer seinen Wanderschuhen und einem olivgrünen Armeerucksack trägt der 53-jährige Engländer nichts. Ihm ist egal, was die Leute sagen und wie das Wetter ist: Er wandert splitternackt durch die Gegend. Immer. Dementsprechend dauert es meist nicht lang, bis die Polizei auftaucht. Nach der Szene im Juwelierladen verbrachte Gough sechs Tage im Gefängnis von Nottingham. Dann ließen sie ihn wieder laufen.

So geht das nun schon seit neun Jahren.

Als "Naked Rambler" hat Gough auf der Insel eine gewisse Berühmtheit erlangt. Regelmäßig taucht er in den Schlagzeilen auf, seine Wanderungen quer durch Großbritannien lassen sich über die Lokalpresse recht gut verfolgen.

Goughs Odyssee begann, als er kurz nach der Jahrtausendwende mit seiner damaligen Lebensgefährtin und den beiden gemeinsamen Kindern ins kanadische Vancouver zog. Er hatte viel Zeit zum Nachdenken und kam zu dem Schluss, dass der menschliche Körper nichts ist, wofür man sich zu schämen braucht. Er begann, sich öffentlich nackt zu zeigen und empfand dies als Selbstbefreiung. Einmal erschien er nackt zum Frühstück, als die Eltern seiner Freundin zu Besuch waren. Es war das Ende der Beziehung.

Held der Nudistenbewegung

Zurück in der Heimat, im südenglischen Eastleigh bei Southampton, plante der Lastwagenfahrer 2003 seine erste Nacktwanderung. In Land's End, dem westlichsten Punkt Großbritanniens, stapfte er im Juni los, das Ziel war John O'Groats an der Nordspitze Schottlands. Fotos von damals zeigen ihn als jungen, kräftigen Mann mit langen braunen Haaren. Er wurde umgehend zum Helden der Nudistenbewegung - und zum neuesten Hit des britischen Boulevards. Auf dem Weg wurde er mehrere Male festgenommen, doch im Januar 2004, mitten im eisigen schottischen Winter, erreichte er tatsächlich sein Ziel. Die Medien warteten schon.

Wenn er gefragt wurde, warum er das mache, sagte Gough immer, er kämpfe für sein Recht auf Nacktheit. "Die Gesellschaft muss herausgefordert werden, weil sie falsch liegt", sagte er dem "Guardian". Er wolle sein Leben nicht so leben, wie andere es von ihm erwarteten. Mit jeder Festnahme wuchs seine Entschlossenheit. Im Internet gründeten sich Unterstützergruppen, die Goughs Rebellion gegen die bürgerlichen Konventionen teils amüsiert, teils voller Ernst verfolgten. Er tue niemandem etwas zuleide, argumentierten seine Fans, daher solle man ihn einfach in Ruhe lassen.

2005 wiederholte er die Wanderung von Land's End nach Schottland, diesmal in Begleitung seiner - ebenfalls nackten - Freundin Melanie Roberts. Wieder hatten sie Ärger mit der Justiz, daher musste Gough nach dem Ende des Abenteuers im Sommer 2006 noch einmal zurück nach Schottland, um vor Gericht zu erscheinen. Auf dem Flug von Southampton nach Edinburgh zog er sich nackt aus, nach der Landung nahm ihn die Polizei in Empfang. Dafür bekam er vier Monate Gefängnis - der Beginn einer insgesamt sechsjährigen Haft.

Denn auch im Gefängnis in Perth führte Gough seinen Kampf fort: Er weigerte sich, Kleidung anzuziehen, schlief nackt in der Zelle. Hinaus auf den Hof durfte er nur, wenn alle anderen Häftlinge schon im Bett waren - damit sie ihn nicht sahen. Als er seine Strafe abgesessen hatte, ging er nackt aus dem Gefängnis - und wurde draußen prompt wieder festgenommen. Vor Gericht, wo er selbstverständlich nackt auf der Anklagebank saß, wurde er dann wegen Bruch des öffentlichen Friedens für einige weitere Monate verurteilt.

Und so wiederholte sich die Farce jahrelang, bis die schottische Polizei dieses Jahr schließlich aufgab und ihre Taktik änderte: Sie nahm Gough nach der Entlassung nicht mehr fest, sondern ließ ihn laufen - in der Hoffnung, dass der nackte Verrückte über die Grenze nach England entschwindet.

Kampf Mann gegen System

Im Kampf Mann gegen System hatte Gough einen Sieg davongetragen. Seitdem ist er auf dem langen Fußmarsch nach Hause an die Südküste Englands. Wie früher wandert er täglich sechs Stunden am Stück und schafft etwa 20 Meilen. Die Route führt durch Nationalparks und spärlich besiedelte Gegenden, Ballungszentren meidet er, dort wartet nur Ärger. Nachts schläft er im Zelt.

Die Jahre im Gefängnis haben ihre Spuren hinterlassen. Der Körper des einstigen Abenteurers wirkt ausgemergelt, die braunen Locken sind grau geworden. Gough sieht aus wie ein Landstreicher. Die Kälte setzt ihm zu. Für die Nacht zieht er sich jetzt immer was an. Das verstoße nicht gegen seine Regeln, weil er ja allein sei, sagt er.

An manchen Tagen wird er von einer Filmcrew begleitet, die einen Dokumentarfilm über ihn dreht. Auch wird er manchmal von Unterstützern ein Stück begleitet. Doch die Medien sind nicht mehr so interessiert wie früher. Was anfangs neu und spannend war, gilt inzwischen als langweilig - und traurig. Der Preis für seine Sturheit ist einfach zu hoch.

Nacktheit in der Öffentlichkeit genießt einen gewissen Kultstatus, wenn es der Kunst (Fotograf Spencer Tunick) oder dem Protest (Ukrainische Feministengruppe Femen) dient. Ein einzelner Mann, der nackt durch die Gegend rennt, löst hingegen andere Reaktionen aus: Er gilt als Irrer oder als gemeingefährlicher Kinderschänder.

Gough sagt, er könne die Vorbehalte der Gesellschaft nachvollziehen. "So sind wir schließlich erzogen worden." Allerdings reagierten die Leute höchst unterschiedlich, erzählt er. Manche riefen: "Das ist ekelhaft." Andere ermunterten ihn, nicht aufzugeben, und versorgten ihn mit Essen. Manche fragten auch nur ironisch: "Ist dir warm genug?"

Die Briten hatten stets eine Schwäche für Exzentriker. Eine liberale Gesellschaft muss die Marotten Einzelner aushalten können, dieses Gebot ist Teil des nationalen Selbstverständnisses. Doch stellt Gough die Toleranz seiner Landsleute auf eine harte Probe. Und angesichts der aktuellen Empörung über den verstorbenen BBC-Star Jimmy Savile kann Gough noch weniger auf Verständnis hoffen. Der Moderator war jahrzehntelang als besonders origineller Freak gefeiert worden, entpuppte sich aber nun als dutzendfacher Kinderschänder.

Gough will sich jedoch nicht beirren lassen. "Man braucht Menschen, die für die Freiheit eintreten", sagt er. Erst wenn die Polizei ihn in Ruhe lasse, werde er sich wieder anziehen. Das, räumt er selbst ein, sei jedoch nicht zu erwarten. Er klingt wie ein Mann, der selbst nicht weiß, wie er aus dieser Sache wieder herauskommen soll.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. ...
raly 16.11.2012
Zitat von sysopGetty Images18 Mal wurde er wegen öffentlicher Nacktheit verurteilt, sechs Jahre saß er im Gefängnis. Doch der Engländer Stephen Gough gibt nicht auf: Der "Naked Rambler" wandert immer wieder nackt über die Insel - es geht ihm ums Prinzip. http://www.spiegel.de/panorama/nudist-stephen-gough-wandert-nackig-durch-grossbritannien-a-866365.html
6 Jahre Haft?! Ernsthaft?
2.
Tunechi 16.11.2012
Zitat von sysopGetty Images18 Mal wurde er wegen öffentlicher Nacktheit verurteilt, sechs Jahre saß er im Gefängnis. Doch der Engländer Stephen Gough gibt nicht auf: Der "Naked Rambler" wandert immer wieder nackt über die Insel - es geht ihm ums Prinzip. http://www.spiegel.de/panorama/nudist-stephen-gough-wandert-nackig-durch-grossbritannien-a-866365.html
Naja, wenn seine Freundin dabei ist, kann er wenigstens seine Brezeln gescheit aufhängen ;) Lasst den armen Mann doch machen, wenn sich leute gestört fühlen, sollen sie weggucken. Solange er ihnen nicht mit dem gehänge im Gesicht rumwedelt sehe ich kein Problem.
3. optional
Medienkenner 16.11.2012
Die spinnen, die Briten; äähh - ich meine natürlich die britischen Polizisten, die scharf darauf sind, diesem harmlosen Irren hinterherzulaufen um ihn einzubuchten.
4. lasst ihn doch
Meckerliese 16.11.2012
Wenn ermeint nackt rumlaufen zu müssen lasst ihn doch. Irgendwann wird er sich schon die Eier erfrieren.
5.
derohnetitel 16.11.2012
Zitat von raly6 Jahre Haft?! Ernsthaft?
Wird wohl zusammen gerechnet sein. Vielleicht ist auch nur ein Schreibfehler. Im Artikel steht was, dass er 6 Wochen gesessen hat.
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