Nuklearunfall Briten ließen Atombombe in Deutschland fallen

Hoppla, da plumpste der britischen Armee doch tatsächlich eine Atombombe vom Laster. Mitten in Deutschland. Gut, dass sie nicht hochgegangen ist. Erst jetzt wird bekannt, dass es 1984 auf einem Stützpunkt in Brüggen beinahe zur Katastrophe kam.


London - Es gibt Szenarien, die möchte man sich nicht ausmalen - zu schaurig wären die Konsequenzen, würden diese Phantasiegemälde Wirklichkeit. Man stelle sich vor, dem Herzchirurg, in dessen Händen das eigene Leben liegt, zitterten die Finger. Oder der Sprengkopf einer Atombombe würde durch die Lande transportiert, und durch Schlamperei käme es um ein Haar zur Explosion.

Polaris-Rakete, abgefeuert von einem US-U-Boot, 1960: Wild hin- und hergeschwungen
AP

Polaris-Rakete, abgefeuert von einem US-U-Boot, 1960: Wild hin- und hergeschwungen

Doch genau das scheint passiert zu sein. Mitten in Deutschland. Das behauptet zumindest das britische Magazin "New Scientist".

Demnach sollen die zwei potentiell verheerendsten britischen Nuklearwaffenunfälle der achtziger Jahre auf Schlamperei zurückzuführen sein. Einer davon ereignete sich auf dem deutschen Stützpunkt der britischen Luftwaffe Royal Airforce (RAF) am 2. Mai 1984 in Brüggen.

Nach Schilderung des "New Scientist", der sich auf jetzt freigegebene Regierungsberichte beruft, wurde damals ein atomarer Sprengkopf bei der Beförderung beschädigt. Der Container soll vom Transportfahrzeug gerutscht sein, als dieses eine Kurve nahm. Der Sprengkopf, innerhalb des Containers, soll auf den Asphalt gerollt und "verbeult" gewesen sein.

Der Stützpunkt Brüggen wurde, so berichtet der "Scientist", geschlossen, die Bombe sei "teilweise entschärft" worden. Dann seien Wissenschaftler des "Instituts für Atomwaffenforschung" in Aldermaston im britischen Berkshire eingeflogen worden, die den Sprengkopf röntgten und schließlich nach Aldermaston zurückschafften.

Eine Untersuchung des Zwischenfalls durch das Verteidigungsministerium habe ergeben, dass der Unfall auf "fehlerhaftes Verhalten" zurückzuführen gewesen sei. Das habe darin bestanden, dass der Container nicht auf dem Transportfahrzeug verankert war. Sechs Soldaten wurden zur Rechenschaft gezogen und bestraft.

Offenbar hatte es seit 1981 eine Vorschrift gegeben, der zufolge Container gesichert hätten sein müssen, diese sei jedoch mit einer "unglaublich hohen Risikobereitschaft", wie ein Offizier aussagte, ignoriert worden.

Der zweite Unfall habe sich auf dem Marinestützpunkt Strathclyde am 3. Dezember 1987 ereignet. Damals sei eine schadhafte Polaris-Rakete an Bord des U-Boots "HMS Repulse" auf einen Container entladen worden. Ein Kran hob die Rakete an, die dabei "wild hin und her schwang" und in die Container-Stützen krachte. Die Rakete wurde dabei beschädigt.

Ursache des Vorfalls seien schadhafte Bedienungselemente am Kran gewesen, der 40 Prozent der vorgesehenen Wartungstermine nicht unterzogen worden war.

Das Verteidigungsministerium beschrieb die Vorfälle dem "New Scientist" gegenüber als "unwesentlich". Es habe niemals einen Unfall mit britischen Nuklearwaffen gegeben, bei dem für die Öffentlichkeit das geringste Risiko bestanden habe.

pad



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.