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Internat im Odenwald: Die vergiftete Schule

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Odenwaldschule: "Der ist Pädo, da kommt der Pädo" Zur Großansicht
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Odenwaldschule: "Der ist Pädo, da kommt der Pädo"

Die Odenwaldschule scheint kaum Lehren gezogen zu haben aus den Missbräuchen im eigenen Haus: Wieder reagierte man auf Vorwürfe gegen einen Lehrer diskret, keine Meldung ans Schulamt oder an die Staatsanwaltschaft. Nun wird die Zukunft der einst renommierten Schule in Frage gestellt.

Adrian Koerfer ist einer derjenigen, die den Horror an der Odenwaldschule am eigenen Leib erleben mussten. "Der Becker, der Becker, der findet kleine Jungen lecker", sangen die Schüler damals, erzählt Koerfer, 59, heute Vorsitzender des Vereins "Glasbrechen", in dem sich viele Missbrauchsopfer der Odenwaldschule organisiert haben.

In den siebziger und achtziger Jahren hatten der damalige Schulleiter Gerold Becker und mehrere andere Lehrer das Internat am abgelegenen Odenwald-Weiler Ober-Hambach zu einem Ort des massenhaften Kindesmissbrauchs an mehr als 130 Schülerinnen und Schülern gemacht.

Der Verein war 2010 gegründet worden, nachdem das ganze Ausmaß des jahrzehntelangen Missbrauchs an der Odenwaldschule bekannt geworden war. "Glasbrechen" wollte sich um die Opfer von Becker und all den anderen kümmern, die Schule versprach, Lehren aus dem Debakel zu ziehen.

Doch das scheint ihr nicht wirklich gelungen zu sein, nicht nur Koerfer fühlt sich derzeit fatal an die schlimmen alten Zeiten erinnert.

"Und was passierte? Nichts"

Im vergangenen Jahr, das hat Koerfer inzwischen erfahren, gab es wieder einen Spottruf: "Der ist Pädo, da kommt der Pädo", sollen Schüler gerufen haben - in Richtung jenes 32-jährigen Lehrers, der inzwischen zugegeben hat, kinderpornografisches Material aus dem Netz geladen zu haben. Und über den mehrere Schülerinnen und Schüler berichten, er sei gegenüber Minderjährigen zumindest grenzverletzend, vereinzelt wohl auch übergriffig geworden.

"Und was passierte?", fragt Koerfer und gibt sich fassungslos selbst die Antwort: "In beiden Fällen, damals wie heute: nichts."

Spätestens seit einer Klassenfahrt mit Zeltlager in Südfrankreich im vergangenen Jahr hätte die heutige Schulleitung Alarm schlagen müssen. Denn kurz nach der Fahrt kursierten Schüler-Berichte über diesen Lehrer, der in mindestens einer Nacht mit Schülern gemeinsam in einem Zelt übernachtet hatte. Die Einzelzelte von Lehrern und Schülern seien nach langem Regen durchnässt gewesen, wie es zur Erklärung in der Schule heißt.

Es gab mindestens einen Schüler, der sich daraufhin einer Freundin anvertraute und ihr über weitergehende Annäherungsversuche des Lehrers berichtete. Auch an die Schulleitung sei der Hinweis weitergegeben worden, so erzählte es dieser Schüler in der vergangenen Woche einer der Schule nahestehenden Jugendpsychologin.

Es gab ferner Berichte, dass der Lehrer auch an der Schule immer wieder mal im Schlafraum der ihm anvertrauten Schüler aufgetaucht sei. Und es gab den Pädo-Spottruf.

Schule schickte Lehrer auf Fortbildung

Doch außerhalb der Schule erfuhr davon niemand etwas. Nicht die Heimaufsicht des Landkreises Bergstraße, die das Internat kontrollieren soll. Nicht das Staatliche Schulamt, das ebenfalls über das Wohlergehen der Schüler wachen soll. Und schon gar nicht die Staatsanwaltschaft.

Die Schule behandelte den Fall lieber intern. Sie schickte den unter Pädophilie-Verdacht stehenden Lehrer diskret auf eine Fortbildung zum Thema "Grenzverletzung" und hätte wohl bis heute über all das geschwiegen, wenn die Staatsanwaltschaft Darmstadt nicht nach einem Tipp, der sich aus Ermittlungen gegen Kinderpornografie ergeben hatte, am 9. April die Räume des Lehrers an der Schule durchsucht hätte - wovon örtliche Medien einige Tage später Wind bekamen.

Doch die Schule mauerte trotzdem weiter: Es habe doch nur ein paar vage Schüler-Hinweise über "merkwürdiges" und "komisches" Verhalten des Lehrers gegeben, nichts Konkretes, nichts Strafbares, teilte sie mit. Eine Liste mit Fragen, die das besorgte Landratsamt aufgrund kursierender Gerüchte über weitere Vorwürfe gegen den Lehrer an die Schule schickte, ließ die Schulleitung vergangene Woche unbeantwortet: Man habe doch schon alles Wichtige gesagt, richtete ein Rechtsanwalt im Namen der Schule dem Amt kühl aus.

Und als der SPIEGEL die Schulleitung am vergangenen Freitag konkret mit den weitergehenden Vorwürfen gegen den Lehrer konfrontieren wollte, rief die Präventionsbeauftragte der Schule zurück: Davon habe sie noch nie gehört.

"Es ist alles wie zu meiner Zeit"

Erst am Dienstag, nachdem der empörte Vize-Landrat Matthias Schimpf die Schulleitung zum Rapport bestellt hatte, räumte der Schulleiter Siegfried Däschler-Seiler ein, dass möglicherweise doch noch mehr gegen den Lehrer vorliege. Das habe eine nachträgliche Befragung von Schülern ergeben, hieß es. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen dieser weitergehenden Vorwürfe.

Adrian Koerfer sagt, er sei "fassungslos" über das Verhalten der Schule: "Es ist alles wie zu meiner Zeit, es hat sich nichts geändert." Der düpierte Vize-Landrat Schimpf und das Staatliche Schulamt haben die Odenwaldschule dazu verdonnert, künftig einmal pro Monat unaufgefordert Bericht zu erstatten, ob es Hinweise von Schülern oder Mitarbeitern auf auffälliges Verhalten von Lehrern gibt.

Bis Anfang Oktober muss die Schule ihr Präventions- und Interventionskonzept überarbeiten. Zudem empfehle er "dringend", so Schimpf, auch das Betreuungskonzept des Internats zu überprüfen - das berüchtigte "Familienmodell", nach dem Lehrer als "Familienoberhäupter" unter einem Dach mit Schülergruppen leben. Gerade dieses Modell, warnen Kritiker seit langem, ziehe Pädophile geradezu an, weil es einen besonders engen, kaum kontrollierbaren Kontakt zu den Schülern zulasse.

Missbrauchsopfer Koerfer hat die Hoffnung schon aufgegeben, dass das Internat noch zu retten ist: "Es ist eine vergiftete Schule, die kann man nicht mehr von Grund auf sanieren", sagt er. Momentan sieht alles danach aus, als hätte Koerfer Recht.

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