Ölkatastrophe im Golf von Mexiko Ein Konzern kämpft für sich

Vier Wochen lang recherchierte SPIEGEL-Redakteur Philip Bethge an der Küste des Golfs von Mexiko. Er sprach mit Fischern, Arbeitern und Wissenschaftlern, sah und roch das ausgetretene Öl. Die Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns, so sagt er, grenzte oftmals an Volksverdummung.

AFP

Vor allem zwei Bilder bleiben mir in Erinnerung: Das erste zeigt das Gesicht von BP-Chef Tony Hayward, jungenhaft und umrahmt von krausem Haar. Am Ende wirkte es zunehmend müde, abgekämpft und genervt.

Das andere ist das Bild dreier vollkommen von braunem Öl verschmierter Seevögel in einem Weidenkorb, das in den USA zum Symbolbild der Katastrophe wurde. Beide Bilder beschreiben die verheerende Ölpest auf ihre eigene Weise und stehen exemplarisch für den Unfall, der am 20. April 2010 mit der Explosion der BP-Ölbohrinsel "Deepwater Horizon" seinen Anfang nahm.

Hayward hat sich in das kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingebrannt, weil er sich genau so benahm, wie man es von einem Öl-Multi-Chef immer befürchtet hatte. Als krasse Fehlbesetzung in der Not stellte sich der hölzern wirkende Manager heraus. Arroganz und Spott lagen in seinen Augen, wenn er den Einheimischen sein Mitgefühl aussprach. Während Tausende Fischer in den US-Bundesstaaten Louisiana, Alabama und Mississippi um ihre Existenz bangten, wollte Hayward "sein Leben zurück". Ein andermal nannte er den Golf von Mexiko "einen großen Ozean" und die zu erwartenden Umweltschäden "höchstwahrscheinlich sehr, sehr bescheiden".

Kampf um die Deutungshoheit

Die verölten Seevögel wiederum, aus dem Meer gefischt von Journalisten des Fernsehsenders CNN, stehen für den Kampf um die Deutungshoheit der Katastrophe. Mit allen Mitteln versuchten BP und die US-Regierung, den Unfall und seine Folgen aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu drängen und die Rettungsaktion in möglichst gutes Licht zu rücken. Die gefiederten Ölopfer waren auch deshalb allgegenwärtig, weil es kaum andere Bilder der Katastrophe gab.

Journalisten wurden von bulligen Sicherheitsleuten von den Stränden verscheucht. Kamerateams durften zeitweise nicht näher als 20 Meter an die Ölbarrieren und Hilfsschiffe heran. Um einen authentischen Blick auf den Ölteppich draußen auf dem Meer zu werfen, mussten die Berichterstatter zumeist eigene Boote chartern. Überflüge, etwa an Bord von Flugzeugen der Küstenwache, waren schwer zu bekommen. Und vielen Ölarbeitern wurde explizit verboten, mit der Presse zu sprechen.

Mit großem Aufwand gelang es BP zudem, das Öl gleichsam unsichtbar zu machen. Zumeist in aller Frühe fuhren die Räumkommandos über die Urlaubsstrände und hinterließen makellosen Sand. Auf dem Meer versenkte die Ölfirma den braunen Dreck vom Typ "Louisiana Sweet Crude" mit rund vier Millionen Litern des Chemikaliengemischs Corexit.

Schaler Nachgeschmack

Wer wollte dem Öl-Multi einen Vorwurf machen? Die ökologisch sensiblen Küsten blieben so weitestgehend von der Ölpest verschont. Insgesamt sammelten die Helfer nur rund 6100 tote Vögel ein, 2200 davon sichtbar verölt. Nach der Havarie des Tankers Exxon Valdez 1989 vor der Küste Alaskas fanden sich bereits in den ersten Tagen rund 35.000 verendete Vögel.

Es bleibt jedoch ein schaler Nachgeschmack und das Gefühl, dass eine schwache US-Regierung und eine hilflose amerikanische Öffentlichkeit von BP getäuscht und über den Tisch gezogen worden sind. Der Konzern blamierte sich zwar mit immer neuen gescheiterten Versuchen, das blubbernde Bohrloch zu stopfen. Auch sind die Entschädigungszahlungen gewaltig. Inzwischen hat zudem die US-Regierung den Ölriesen verklagt.

Rückblickend jedoch ist BP glimpflich davongekommen. Dabei sind die Langzeitfolgen der Katastrophe, bei der über 84 Tage hinweg insgesamt 780 Millionen Liter Öl in den Golf von Mexiko flossen, noch gar nicht absehbar. Denn bis heute ist unklar, wo das ganze Öl geblieben ist. Treibt es immer noch in unterseeischen Wolken durch den Golf von Mexiko? Liegt es als klebrige Schicht im Sediment des Meeresbeckens, wie Forscher befürchten? Auch ganze Jahrgänge von Fischen könnten ausfallen, weil deren Larven verseucht wurden.

Eine Szene bleibt in Erinnerung

Die Ölpest vom Golf von Mexiko wird nun schnell in Vergessenheit geraten. Eine Szene bleibt indes in Erinnerung: Als Präsident Obama zum zweiten Mal nach Louisiana reiste, besuchte er die vorgelagerte Insel Grand Isle. Kurz vor seiner Ankunft auf dem von der Ölpest bedrohten Eiland fuhren Schulbusse an der Strandpromenade vor. Aus ihnen sprangen Arbeiter in brandneuen, strahlend weißen Schutzanzügen. Die fast durchweg afroamerikanischen Hilfskräfte säuberten alsbald den nahen Strand. Nach Abreise des Präsidenten waren sie indes genauso schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen waren.

Zufall? Vielleicht. Wohl eher jedoch die oftmals an Volksverdummung grenzende PR-Arbeit eines Öl-Multis, dem vor allem an Schadensbegrenzung gelegen war - allerdings nicht für die Natur oder die Küstenbewohner, sondern für sich selbst.

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