Ohne Sicherung Führerlose Waggons rasen Dutzende Kilometer durch Österreich

32,5 Kilometer in 20 Minuten: Mit hohem Tempo sind vier Güterzugwaggons führerlos durch Österreich gerauscht. Sie fuhren durch mehrere Orte und überquerten zahlreiche Bahnübergänge - bis sie entgleisten.


Karl Leitner stockt die Stimme. Was im schlimmsten Fall hätte geschehen können? "Sagen wir so", sagt der Pressesprecher der Österreichischen Bundesbahnen für Oberösterreich, "wir sind froh, dass nicht mehr passiert ist."

Man erreicht Leitner auf dem Handy, er muss sich ein eigenes Bild der Lage machen und ist unterwegs. Unterwegs entlang jener Bahnstrecke kurz vor der deutschen Grenze, auf der am frühen Freitagmorgen durchaus mehr hätte passieren können.

Vier führerlose Güterwaggons sind dort 32,5 Kilometer über leicht abschüssige Gleise gerollt, laut Leitner durchfuhren sie dabei mehrere Ortschaften und überquerten 45 bis 50 Bahnübergänge. Zeitweise müssen sie mehr als hundert Stundenkilometer schnell gewesen sein. Nach 20 Minuten entgleisten die Waggons kurz vor Braunau am Inn, wie die örtliche Polizeiinspektion bestätigte. Die "Salzburger Nachrichten" veröffentlichten ein Bild der Unfallstelle.

Verletzt wurde bei dem Unglück laut Leitner niemand, der Schaden aber beträgt Hunderttausende Euro. Die mit Papierrollen beladenen Waggons müssen geborgen werden, Gleisbett und Schienen sind zerstört. Die Strecke bleibt bis nächsten Mittwoch gesperrt. Es ist das zweite Zugunglück in Österreich an nur einem Tag. Ebenfalls am frühen Freitagmorgen stießen im Salzburger Hauptbahnhof zwei Nachtzüge zusammen, mehr als 50 Fahrgäste wurden verletzt.

300 bis 350 Tonnen schwer

Um 3.55 Uhr am frühen Freitagmorgen ging wegen der Güterzüge der Alarm in Salzburg ein, wie Leitner berichtet. Bei Rangierarbeiten am Bahnhof Friedburg-Lengau hatte ein Mitarbeiter offenbar vergessen, die Waggons mit einem Hemmschuh, einer Art Bremskeil für Eisenbahnwaggons, auf den Gleisen zu sichern. Laut Leitner versuchte er noch, von außen die Handbremse zu ziehen, erreicht die Waggons aber nicht rechtzeitig - die 300 bis 350 Tonnen schweren Ungetüme rollen los.

Die Fahrdienstleiter entlang der Strecke schlossen sämtliche Bahnübergänge, die eine Schranke oder eine Ampel haben. 25 bis 30 Übergänge blieben jedoch offen, an ihnen stehen lediglich Warnschild und Andreaskreuz. Glücklicherweise, sagt Leitner, seien zu der Uhrzeit kaum Autos unterwegs gewesen.

In Munderfing legte ein Fahrdienstleiter laut Leitner einen Hemmschuh auf die Gleise, doch die Waggons ließen sich so nicht stoppen. Erst zwei Kilometer vor Braunau, in einer scharfen Linkskurve, entgleisten sie schließlich.

Laut Leitner will die Bahn nun über weitere Sicherungssysteme nachdenken. Der verantwortliche Mitarbeiter sei vorerst vom Dienst suspendiert worden.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.