Von Carsten Volkery, London
"Welcome to the land of sunshine", ruft der Mann mit dem Megafon in die Menge, die ihm entgegenströmt. Der Himmel über Stratford ist wolkenverhangen, doch der Mann meint es wohl im übertragenen Sinne. Wer die pinkfarbenen Eingangstore zum Olympiapark durchquert, wird von einer ganzen Armee lächelnder violett-pink-gekleideter Helfer empfangen. Sie sind nicht nur für die Ordnung zuständig, sondern auch für die gute Laune.
"Everybody smile", ruft eine Helferin in ihr Megafon. "Welcome to London 2012." Die Ermunterungen rufen bei dem einen oder anderen Besucher tatsächlich ein Schmunzeln hervor. Auch die Royal Marines an der Taschenkontrolle sind ausgesprochen freundlich. So freundlich, dass die "Financial Times" in einem Leitartikel bereits scherzhaft vorschlug, auch die Flughafensicherheit künftig der Armee zu übertragen.
Die Olympischen Spiele sind gerade vier Tage alt, und die Stimmung in Großbritannien ist gekippt. Nach wochenlangem Gemecker über Touristenmassen, gesperrte Straßen, überfüllte U-Bahnen und die immensen Sicherheitsvorkehrungen überwiegen nun die Lobeshymnen in den britischen Medien. Zwar will es mit den Medaillen für Team GB noch nicht so recht klappen, und auch leere VIP-Ränge in den Stadien sorgen für Unmut, aber das kann die gute Laune nicht trüben. Die Lokalzeitung "Evening Standard" spricht bereits von den "Feelgood Games".
Der Olympia-Zirkus ist gar nicht so furchtbar
Nicht nur die Kommentatoren sind angetan. "Es ist alles überraschend gut organisiert", sagt Gary Payne, 42, ein Gefängnisbeamter aus dem englischen Peterborough. Er ist mit seiner Familie für einen Tag in den Olympiapark gekommen und verfolgt auf einer Decke mit Union-Jack-Muster das Springreiten auf einer Großbildleinwand. "Ich hätte gedacht, dass der Park voller ist", sagt er. Doch schlecht findet er es nicht, dass die Massen sich verlaufen.
So allmählich, scheint es, freunden sich die Briten mit den Spielen an. Bereits die Eröffnungsfeier am Freitag war als Triumph gefeiert worden. Danny Boyles chaotische Inszenierung mit Queen und Mr. Bean traf die anarchische Ader der Briten. Und mit jedem Tag verfestigt sich die Auffassung, dass der Olympia-Zirkus vielleicht doch gar nicht so furchtbar ist. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich in der ganzen Stadt plötzlich unzählige neue Möglichkeiten für den britischen Nationalsport auftun: das Picknicken.
Egal ob im Hyde Park, im Victoria Park oder im Greenwich Park - überall laden Großbildleinwände dazu ein, sich niederzulassen und skurrile Randsportarten zu gucken. Der Olympiapark sei "ein nettes Plätzchen, um eine Tasse Tee zu trinken und Radrennen auf einer riesigen Großbildleinwand zu schauen", räumte selbst die gewöhnlich Olympia-kritische "Guardian"-Kolumnistin Marina Hyde ein. Ein Tagespass für das Gelände kostet zehn Pfund.
Das Rentnerehepaar Ian und Brenda MacIntyre ist für einen Tagesausflug aus der Grafschaft Essex gekommen, um sich die neue Attraktion mal anzugucken. Der Park sei "lovely" sagen sie. Und die Anreise sei "absolut stressfrei" gewesen.
Radfahrer genießen autofreie Zonen
Keines der wochenlang diskutierten Horrorszenarien ist bislang eingetreten. Die U-Bahn funktioniert mehr oder weniger reibungslos, die leicht erhöhte Fahrgastzahl scheint das System problemlos zu bewältigen. Der Verkehrsinfarkt ist bis auf wenige Ausfallstraßen ausgeblieben, stattdessen genießen Londons Radfahrer die neuen autofreien Zonen in der Innenstadt. Selbst die Schlangen an den Wettkampfstätten halten sich in erträglichem Rahmen.
Von der erwarteten Überfüllung ist in London nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Stadt fühlt sich sogar leerer an als sonst. Es scheint, als hätten die drastischen Warnungen der Verkehrsplaner gefruchtet. Seit Wochen rufen sie die Bevölkerung dazu auf, Fahrten in die Innenstadt möglichst zu vermeiden. Autofahrer lassen ihre Autos stehen, Bahnpendler meiden die Knotenpunkte, und viele Londoner sind gleich ganz in den Urlaub gefahren. Hinzu kommt, dass viele Touristen und Geschäftsleute während der Spiele einen Bogen um London machen.
Das Ergebnis ist eine eigentümliche Ferienstimmung, ein Gefühl der Entschleunigung macht sich breit. In den britischen Medien macht das Wort von der "Geisterstadt" die Runde. Die üblichen Touristenziele in der westlichen Innenstadt sind verwaist, Einzelhändler und Restaurantbesitzer im West End klagen über weniger Kunden. Auch Theater und Museen verzeichnen Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent, weil die üblichen Kulturtouristen von den Sporttouristen verdrängt wurden. Verzweifelte Tourismusvertreter werben, es gebe keine bessere Gelegenheit als jetzt, die vielen Sehenswürdigkeiten zu besuchen.
Während die lokale Wirtschaft leidet, entdecken die Londoner, dass eine Stadt im Ausnahmezustand ganz neue Freiräume schafft. Der Südwesten, wo unzählige Straßen für die Radrennen gesperrt waren, glich am Wochenende einer gigantischen Fußgängerzone. Und in der Innenstadt freuen sich Radfahrer und Rollerblader über autofreie Straßen im Hyde Park und auf der Mall. Die Utopie sei nahe, jubelte Fernsehmoderator Jon Snow in seinem Blog. Autofahrer sollten auch in Zukunft ermuntert werden, die Innenstadt zu meiden.
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