Olympia-Stadt London: Die Gute-Laune-Spiele

Von , London

Wochenlang wurde gemeckert und genörgelt, nun erkennen die Briten plötzlich: So schlimm ist Olympia gar nicht. Schließlich kann man beim Sportgucken ganz wunderbar picknicken.

London 2012: Briten entwickeln sich zu Olympia-Fans Fotos
REUTERS

"Welcome to the land of sunshine", ruft der Mann mit dem Megafon in die Menge, die ihm entgegenströmt. Der Himmel über Stratford ist wolkenverhangen, doch der Mann meint es wohl im übertragenen Sinne. Wer die pinkfarbenen Eingangstore zum Olympiapark durchquert, wird von einer ganzen Armee lächelnder violett-pink-gekleideter Helfer empfangen. Sie sind nicht nur für die Ordnung zuständig, sondern auch für die gute Laune.

"Everybody smile", ruft eine Helferin in ihr Megafon. "Welcome to London 2012." Die Ermunterungen rufen bei dem einen oder anderen Besucher tatsächlich ein Schmunzeln hervor. Auch die Royal Marines an der Taschenkontrolle sind ausgesprochen freundlich. So freundlich, dass die "Financial Times" in einem Leitartikel bereits scherzhaft vorschlug, auch die Flughafensicherheit künftig der Armee zu übertragen.

Die Olympischen Spiele sind gerade vier Tage alt, und die Stimmung in Großbritannien ist gekippt. Nach wochenlangem Gemecker über Touristenmassen, gesperrte Straßen, überfüllte U-Bahnen und die immensen Sicherheitsvorkehrungen überwiegen nun die Lobeshymnen in den britischen Medien. Zwar will es mit den Medaillen für Team GB noch nicht so recht klappen, und auch leere VIP-Ränge in den Stadien sorgen für Unmut, aber das kann die gute Laune nicht trüben. Die Lokalzeitung "Evening Standard" spricht bereits von den "Feelgood Games".

Der Olympia-Zirkus ist gar nicht so furchtbar

Nicht nur die Kommentatoren sind angetan. "Es ist alles überraschend gut organisiert", sagt Gary Payne, 42, ein Gefängnisbeamter aus dem englischen Peterborough. Er ist mit seiner Familie für einen Tag in den Olympiapark gekommen und verfolgt auf einer Decke mit Union-Jack-Muster das Springreiten auf einer Großbildleinwand. "Ich hätte gedacht, dass der Park voller ist", sagt er. Doch schlecht findet er es nicht, dass die Massen sich verlaufen.

So allmählich, scheint es, freunden sich die Briten mit den Spielen an. Bereits die Eröffnungsfeier am Freitag war als Triumph gefeiert worden. Danny Boyles chaotische Inszenierung mit Queen und Mr. Bean traf die anarchische Ader der Briten. Und mit jedem Tag verfestigt sich die Auffassung, dass der Olympia-Zirkus vielleicht doch gar nicht so furchtbar ist. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich in der ganzen Stadt plötzlich unzählige neue Möglichkeiten für den britischen Nationalsport auftun: das Picknicken.

Egal ob im Hyde Park, im Victoria Park oder im Greenwich Park - überall laden Großbildleinwände dazu ein, sich niederzulassen und skurrile Randsportarten zu gucken. Der Olympiapark sei "ein nettes Plätzchen, um eine Tasse Tee zu trinken und Radrennen auf einer riesigen Großbildleinwand zu schauen", räumte selbst die gewöhnlich Olympia-kritische "Guardian"-Kolumnistin Marina Hyde ein. Ein Tagespass für das Gelände kostet zehn Pfund.

Das Rentnerehepaar Ian und Brenda MacIntyre ist für einen Tagesausflug aus der Grafschaft Essex gekommen, um sich die neue Attraktion mal anzugucken. Der Park sei "lovely" sagen sie. Und die Anreise sei "absolut stressfrei" gewesen.

Radfahrer genießen autofreie Zonen

Keines der wochenlang diskutierten Horrorszenarien ist bislang eingetreten. Die U-Bahn funktioniert mehr oder weniger reibungslos, die leicht erhöhte Fahrgastzahl scheint das System problemlos zu bewältigen. Der Verkehrsinfarkt ist bis auf wenige Ausfallstraßen ausgeblieben, stattdessen genießen Londons Radfahrer die neuen autofreien Zonen in der Innenstadt. Selbst die Schlangen an den Wettkampfstätten halten sich in erträglichem Rahmen.

Von der erwarteten Überfüllung ist in London nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Stadt fühlt sich sogar leerer an als sonst. Es scheint, als hätten die drastischen Warnungen der Verkehrsplaner gefruchtet. Seit Wochen rufen sie die Bevölkerung dazu auf, Fahrten in die Innenstadt möglichst zu vermeiden. Autofahrer lassen ihre Autos stehen, Bahnpendler meiden die Knotenpunkte, und viele Londoner sind gleich ganz in den Urlaub gefahren. Hinzu kommt, dass viele Touristen und Geschäftsleute während der Spiele einen Bogen um London machen.

Das Ergebnis ist eine eigentümliche Ferienstimmung, ein Gefühl der Entschleunigung macht sich breit. In den britischen Medien macht das Wort von der "Geisterstadt" die Runde. Die üblichen Touristenziele in der westlichen Innenstadt sind verwaist, Einzelhändler und Restaurantbesitzer im West End klagen über weniger Kunden. Auch Theater und Museen verzeichnen Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent, weil die üblichen Kulturtouristen von den Sporttouristen verdrängt wurden. Verzweifelte Tourismusvertreter werben, es gebe keine bessere Gelegenheit als jetzt, die vielen Sehenswürdigkeiten zu besuchen.

Während die lokale Wirtschaft leidet, entdecken die Londoner, dass eine Stadt im Ausnahmezustand ganz neue Freiräume schafft. Der Südwesten, wo unzählige Straßen für die Radrennen gesperrt waren, glich am Wochenende einer gigantischen Fußgängerzone. Und in der Innenstadt freuen sich Radfahrer und Rollerblader über autofreie Straßen im Hyde Park und auf der Mall. Die Utopie sei nahe, jubelte Fernsehmoderator Jon Snow in seinem Blog. Autofahrer sollten auch in Zukunft ermuntert werden, die Innenstadt zu meiden.

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1. optional
Oskar ist der Beste 01.08.2012
ja es ist wirklich schoen, dass die Spiele noch nicht im Verkehrschaos geendet haben und die ueberteuerten East End Vergnügungen können die Einbussen locker verkraften...was allerdings nicht geht, ist, daß die Preise fuer die Veranstaltungen (Ab 60 GBP fuer ein Fussballspiel zwischen Togo und Gibratar) voellig ueberteuert sind.
2.
superbiti 01.08.2012
Zitat von sysopWochenlang wurde gemeckert und genörgelt, nun erkennen die Briten plötzlich: So schlimm ist Olympia gar nicht. Schließlich kann man beim Sportgucken ganz wunderbar picknicken. Olympia 2012: Briten freuen sich über Sommerspiele - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,847478,00.html)
so langweilig war olympia noch nie, wie in diesem jahr! die berichterstattung darüber, lässt auch mehr als zu wünschen übrig. die spiele sind mir einfach zu kommerziell geworden. die damen und herren do ping sind allgegenwärtig und dass der deutsche medalienspiegel bislang so desaströs ist, ist eine folge der dilettantischen sportförderung (mv) in diesem land. alles in allem armselig!
3. Volle Zustimmung
der_karlemann 01.08.2012
Wir waren von Freitag bis Dienstag in London, und können all diese Eindrücke nur bestätigen. Die Menschen sind alle SEHR freundlich, es herrscht überall eine gute Stimmung. Die Volunteers und Sicherheitskräfte machen Ihren Job mit voller Begeisterung und immer mit einem Lächeln im Gesicht. An den Sehenswürdigkeiten herrscht kein Gedränge und auch in Busen und Bahnen ist es nicht übermäßig voll. An den Bahnhöfen sind über Vorkehrungen getroffen worden um dem Chaos vorzubeugen. Diese Vorkehrungen Volunteers, Warteschlangen mit Wellenbrechern etc. zeigen das im Vorfeld gut gearbeitet wurde. Auch unsere Verwandten bei denen wir übernachtet haben sind überrascht und begeistert. Sie sagen so eine entspannte Atmosphäre haben Sie in der Stadt noch nicht erlebt. Wir wären gerne noch etwas länger geblieben.
4. Schlechte Laune!
MatildaM 01.08.2012
Zitat von sysopWochenlang wurde gemeckert und genörgelt, nun erkennen die Briten plötzlich: So schlimm ist Olympia gar nicht. Schließlich kann man beim Sportgucken ganz wunderbar picknicken. Olympia 2012: Briten freuen sich über Sommerspiele - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,847478,00.html)
Ob East End oder West End oder der Rest von London, jeder hat seine Preise hoch gesetzt. Kann ich ja verstehen aber gleich so hoch? Ich war vor ein paar Tagen in London mit Bekannten die zur Olympiade kamen und musste mich doch glatt fremdschaemen. Zweimal Fish and Chips, ein Glass Bier und ein Glass Wein: Stolze £55. Wahnsinn. Unverschaemt.
5. ----------------------
brux 01.08.2012
Nun ja, man kann es so sehen, wenn man will. Die BBC berichtet aber schon wieder anders und fokussiert auf den totalen Einbruch des touristischen Geschäfts. Es sind viel mehr Besucher weggeblieben als neue gekommen sind. Und die Gäste hängen wirklich eher bei Olympia ab und geben wenig Geld aus. Dass es immer nett ist, wenn 10.000 junge Menschen zusammenkommen, weiss man von jedem Kirchentag. Aber hier geht es vor allem um return on investment . Die von Cameron angekündigten 13 Mrd GBP Einnahmen kann man schon vergessen. Bleiben nur die 11 Mrd Ausgaben, und das in einem Land, das eine schwere Rezession durchmacht und sich nur durch Gelddrucken über Wasser halten kann. Wenn dann noch die Medaillen für GB ausbleiben, gibt's den grossen Katzenjammer.
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