Von Carsten Volkery, London
Und wieder gab es Tränen. Als Andy Murray am Freitag den serbischen Weltranglistenzweiten Novak Djokovic im olympischen Halbfinale souverän abgefertigt hatte, wurde er kurzzeitig von seinen Gefühlen übermannt. "Tear we go again", titelte die Boulevardzeitung "The Sun" daraufhin herzlos.
Schon nach der Wimbledon-Finalniederlage gegen den Schweizer Roger Federer vor vier Wochen war Murray vor laufenden Kameras in Tränen ausgebrochen - zur Konsternation einiger Kommentatoren, die viel Wert auf die britische "stiff upper lip" legen, darauf, Haltung zu bewahren.
Was den einen als unbritisch gilt, sehen die anderen als zutiefst menschlich. Tränen gepaart mit Erfolg wecken Sympathie, und so kann Murray sich über einen Mangel an Zuspruch derzeit nicht beklagen. Neben Radheld Bradley Wiggins ist der Schotte wohl der populärste Sportler des Landes.
Und wie viel Begeisterung die Briten ihren Athleten entgegenbringen, konnte man am Samstagabend im Olympiastadion sehen und hören. Als innerhalb kurzer Zeit die Siebenkämpferin Jessica Ennis, der Weitspringer Greg Rutherford und der 10.000-Meter-Läufer Mo Farah Gold gewannen.
Große Hoffnungen, große Enttäuschungen
Murray - und die Nation - durchleben derzeit historische Momente. Nicht nur stand er als erster Brite seit 76 Jahren im Wimbledon-Finale. Nun bestreitet er auch noch sein erstes Olympia-Finale - und zwar wieder auf dem heiligen Rasen (ab 15 Uhr im Liveticker bei SPIEGEL ONLINE). "Man wartet Jahre auf ein Wimbledon-Finale, und dann gibt es plötzlich zwei auf einmal", kommentierte die "Sun" freudig überrascht.
Eine Goldmedaille wäre der Durchbruch für den Weltranglistenvierten, der seit Jahren ganz oben mitspielt, dem aber im entscheidenden Moment immer die Nerven versagen. Sehnsüchtig wartet die Nation auf den ersten Grand-Slam-Erfolg des 25-Jährigen. Bei jedem Turnier werden große Hoffnungen geschürt, bevor er sie dann regelmäßig enttäuscht.
Die Briten hatten sich daher bereits damit abgefunden, dass Murray in dem Quartett der weltbesten Tennisspieler (Federer, Nadal, Djokovic, Murray) der ewige Verlierer sein werde. Wenn es darauf ankam, fehlten ihm entweder der Siegeswille, die Raffinesse oder das entscheidende Quäntchen Glück.
Diesmal soll das anders werden. Murray ist in Bestform, er tritt auf dem Platz dominanter auf als je zuvor, und obwohl es gegen Tennis-Übermensch Federer geht, träumen die Briten von Gold.
Im Namen einer ganzen Nation
Wer am Freitag beim Halbfinale zwischen Murray und Djokovic dabei war, hat einen Vorgeschmack bekommen, was für ein Spektakel die Welt am Sonntag erleben wird. Der ehrwürdige Center Court glich einem Fußballstadion, so ohrenbetäubend war das Anfeuerungsgebrüll für den Lokalhelden. "Come on, Andy", hallte es nach jedem einzelnen Punkt über den Platz. Brillante Schläge von Murray wurden frenetisch bejubelt - ebenso wie jeder Fehler von Djokovic.
Der siebenmalige Rasen-Champion Federer, normalerweise ein Publikumsliebling in Wimbledon, wird sich auf dem Center Court sehr einsam fühlen. Denn Murray spielt im Namen der ganzen Nation. "Dschi-Bi, Dschi-Bi", brüllten die Zuschauer schon beim Halbfinale: GB für Großbritannien. Das Publikum habe Murray positive Energie gegeben, sagte der unterlegene Djokovic hinterher.
Ob Federer sich davon beeindrucken lässt, ist fraglich. Vor vier Wochen hat die Geräuschkulisse den coolen Schweizer jedenfalls nicht davon abgehalten, Murray zu schlagen. Diesmal dürfte ihm allerdings noch das kräftezehrende Halbfinale in den Knochen stecken. Viereinhalb Stunden dauerte es, bis er den Argentinier Juan Martin del Potro niedergerungen hatte. Murray kommt auch nicht ganz frisch auf den Platz. Er hatte am Samstag noch Mixed-Doppel mit Laura Robson zu spielen - und steht nach einem Erfolg gegen das deutsche Duo Sabine Lisicki/Christopher Kas auch in dieser Disziplin im Endspiel.
Gewinnt der Brite das Traumfinale gegen Federer, wird das Siegesgebrüll vom Center Court in ganz Wimbledon zu hören sein. Und Murray wäre den Ruf des ewigen Verlierers wohl endgültig los.
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