Sotschis Verlierer der Herzen Dabei sein ist wirklich alles

Sie werden belächelt und gefeiert zugleich: Das jamaikanische Bob-Team oder Star-Geigerin Vanessa Mae sind krasse Außenseiter bei den Olympischen Spielen. Wir stellen Athleten vor, die in Sotschi keine Medaillen gewinnen können, aber die Herzen der Zuschauer.

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Hamburg - Die Karibik gilt nicht gerade als klassische Wintersportregion. Trotzdem sagt der deutsche Bob-Bundestrainer Christoph Langen: "Die Jamaikaner sind das wohl berühmteste Bob-Team überhaupt." Die Mannschaft - Mutter aller Außenseiter bei Olympischen Winterspielen - ist in Sotschi mal wieder am Start, zwölf Jahre nach dem bislang letzten Olympia-Auftritt und 26 Jahre nach der Premiere in Calgary.

Spätestens mit dem Kultfilm "Cool Runnings" erlangten die unkonventionellen Wintersportler Heldenstatus. Für Sotschi wurde der 46 Jahre alte Pilot Winston Watts aus dem Bob-Ruhestand geholt, sein Anschieber ist Marvin Dixon, 30. Sie verdienen allen Respekt, werden aber auch diesmal der Konkurrenz gnadenlos hinterherhecheln. Doch um sportliche Höchstleistungen geht es auch gar nicht - weil sich mit den Jamaikanern der olympische Geist unter dem Motto "Dabei sein ist alles" so wunderbar erzählen lässt.

Für Vanessa Mae gilt das ebenfalls. Die Star-Geigerin startet für Thailand im Slalom und Riesenslalom. Auch sie wird in den Ergebnislisten erst ganz weit hinten auftauchen - und auf weitere Sportler treffen, für die allein die Teilnahme ein Riesenerfolg ist. Einige Staaten werden erstmals bei Winterspielen vertreten sein. Die 19-jährige Mathilde Petitjean Amivi soll für Togo im Skilanglauf starten, Osttimor schickt Skifahrer Yohan Goutt Goncalves ins Rennen, und die Karibikinsel Dominica setzt auf das Langlauf-Ehepaar Angelica Morrone di Silvestri und Gary Silvestri.

Ein Überblick über mögliche Verlierer zum Verlieben: einen Skifahrer von den Cayman Islands, einen Langläufer in Bermuda-Shorts und einen Rodler aus der Südsee:

Dow Travers hat bereits Geschichte geschrieben. Der Skifahrer von den Cayman Islands trat 2010 bei den Olympischen Spielen in Vancouver an, als erster Wintersportler seines Landes überhaupt. Dass es so lange dauerte, bis ein kaimanischer Athlet an Winterspielen teilnahm, ist allerdings auch wenig verwunderlich. Schnee gibt es in dem karibischen Inselstaat, der vor allem durch seinen Ruf als Steueroase bekannt ist, nicht. Und der höchste Hügel auf den Cayman Islands misst gerade mal 43 Meter, sogar der Förderturm der Zeche Zollverein in Essen ist zwölf Meter höher. Ein Witz im Vergleich zu alpinen Berghängen, Skifahren unmöglich.

Für Travers reichte es in Vancouver trotzdem immerhin zu Platz 69 im Riesenslalom, zwar mit mehr als 25 Sekunden Rückstand auf den Sieger Carlo Janka aus der Schweiz, aber immerhin vor Konkurrenten aus Iran, Marokko und Usbekistan. "Für mich ist es eine große Ehre, mein Land erneut vertreten zu dürfen", sagte der 26-Jährige kürzlich dem TV-Sender Cayman 27. Zum Skifahren kam Travers bei Urlauben mit seinen Eltern im US-Bundesstaat Colorado. Dort hat er sich auch auf die Wettbewerbe in Sotschi vorbereitet. Er will im Slalom antreten. "Sie sind stolz auf mich", sagt Travers über seine Landsleute, "weil ich etwas tue, wovon alle gesagt haben, dass es keiner von uns tun kann." So ganz nebenbei hat sich der bekannteste kaimanische Wintersportler übrigens auch in einer Sommerdisziplin einen Namen gemacht: Travers schaffte es bis in die Rugby-Nationalmannschaft der Cayman Islands.

Tucker Murphy ist der einzige Vertreter der Bermudas in Sotschi. Der Skilangläufer darf wie schon 2010 in Vancouver auf einen großen Moment hoffen. Damals lief er als Fahnenträger der Inselgruppe ein, natürlich stilecht in Bermuda-Shorts. Sein Sohn habe die vergangenen Monate in Jugendherbergen und Pensionen in den Alpen verbracht, berichtet Michael Tucker, der Vater des 32-Jährigen, der Zeitung "The Royal Gazette". Kein Vergleich zum subtropisch-feuchtwarmen Klima zu Hause, aber ideal fürs Langlauftraining und für olympische Qualifikationswettkämpfe.

"Tucker macht einen ziemlich fitten Eindruck", sagt sein Vater. In Sotschi plant sein Sohn einen Start über 15 Kilometer in der klassischen Technik. Um dafür Kondition aufzubauen, nahm er im Sommer an einigen Triathlon-Wettbewerben teil. Die Chancen dürften also gut stehen, wie schon vor vier Jahren vor Konkurrenten wie Dachhiri Sherpa, einem 44-jährigen Nepalesen, und Roberto Carcelen, einem 43 Jahre alten Peruaner, ins Ziel zu kommen. In Vancouver hatte Murphy Platz 88 über 15 Kilometer Freistil belegt, mehr als neun Minuten hinter Goldmedaillengewinner Dario Cologna aus der Schweiz.

Bruno Banani hat es geschafft. Verpasste der Rodler aus dem Königreich Tonga 2010 noch knapp die Olympia-Qualifikation, darf er nun in Sotschi den Eiskanal hinunterstürzen. "Ich bin unglaublich glücklich", sagt Banani, der vor 27 Jahren als Fuahea Semi geboren wurde. Dass in seinem Reisepass und der Geburtsurkunde der Name Bruno Banani steht, ist das Ergebnis einer grenzwertigen Marketingkampagne. Der SPIEGEL berichtete im Januar 2012 darüber, dass der Rodel-Außenseiter nicht zufällig denselben Namen trägt wie ein Chemnitzer Unterwäschehersteller. Fuahea Semi war Ende 2008 in dem Südseestaat gecastet worden. Mit dabei war eine Agentur, die sich nach eigenen Angaben auf Guerilla-Marketing spezialisiert hat, also auf große Effekte mit geringem Aufwand. Mit dem Namen Bruno Banani, so der Tipp, sei der gecastete Athlet besser zu vermarkten.

Der Erzählung nach wollte Prinzessin Salote Mafile'o Pilolevu Tuita, die Tochter des verstorbenen Königs Taufa'ahau Tupou IV., unbedingt, dass einmal ein Sportler aus ihrem 100.000-Einwohner-Land bei Olympischen Winterspielen startet. Die Leipzigerin Isabel Barschinski leitete das Casting und trainiert seitdem die Ein-Mann-Nationalmannschaft. Als Banani 2009 zum Training nach Deutschland kam, sah er das erste Mal in seinem Leben Schnee. In seiner Heimat scheint an 350 Tagen im Jahr die Sonne, das Thermometer zeigt selten Werte unter 20 Grad Celsius an. Seit den ersten Trainingsfahrten in Altenberg hat sich Banani enorm weiterentwickelt. 2011 gewann er bei den kontinentalen Meisterschaften für Amerika und den Pazifik-Raum mit Bronze die erste Rodel-Medaille für Tonga. Das ist in Sotschi nicht drin. Der 27-Jährige peilt einen Platz unter den besten 30 an.

Hubertus von Hohenlohe der Dauerbrenner unter den Olympia-Außenseitern. Die Spiele in Sotschi werden die sechsten des 55-jährigen Prinzen aus dem fränkischen Adelsgeschlecht, der wieder für sein Geburtsland Mexiko an den Start geht, im Slalom. Vor vier Jahren in Vancouver erreichte Hohenlohe in dieser Disziplin Platz 46, nur Kwame Nkrumah-Acheampong aus Ghana und der Albaner Erjon Tola waren hinter ihm klassiert.

Sein Weltcup-Debüt feierte der Blaublüter 1981, kurz darauf gelang ihm mit Platz fünf in der Kombination sein bestes Resultat - allerdings kamen in dem Rennen auch nur fünf Läufer in die Wertung. Auf den Ergebnislisten im Weltcup tauchte Hohenlohe, der zwischenzeitlich auch als Musiker und Fotograf in Erscheinung trat, meist ganz hinten auf. "Ich möchte bei den schnellsten Nicht-Profis dabei sein", erklärte der Prinz vor Jahren einmal der österreichischen Nachrichtenagentur APA seine Motivation. "Aber der Hauptgrund ist, dass ich das Aussterben der Ski-Exoten verhindern möchte. Ich möchte diesen Geist am Leben erhalten." Mit dieser Einstellung hat Hohenlohe es bereits zu Starts bei 15 Weltmeisterschaften geschafft - und damit zu einem Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde. Möglicherweise hat er es auch noch auf einen olympischen Rekord abgesehen. Bislang steht der schwedische Curler Carl August Kronlund mit 58 Jahren als ältester Teilnehmer bei Winterspielen in den Geschichtsbüchern.

Der US-Sender NBC kürte Hohenlohe jedenfalls schon mal zum interessantesten Olympia-Teilnehmer der Welt - wohl auch wegen seines Rennanzugs: schwarze Hose, weißes Hemd, rote Bachbinde. "Ihr könnt mich den Mariachi-Prinz von Olympia nennen. Ich will unter den drei bestgekleideten Teilnehmern landen, das ist die Medaille, die ich so dringend brauche."

Jackie Chamoun ist die einzige Libanesin, die in Sotschi an den Start geht. Als 17-Jährige nahm die Skiläuferin bereits am Slalom in Vancouver teil. Sie kam als Vorletzte ins Ziel, 35 Sekunden hinter Maria Riesch, wenige Zehntel vor einer Iranerin. Mittlerweile arbeitet Chamoun für eine bekannte Schweizer Uhrenfirma. Ob sich der Wohnortwechsel in die Alpen positiv auf ihre Leistung ausgewirkt hat, können Sie am 21. Februar beim olympischen Slalom sehen.

2013 schaffte Chamoun es zumindest in den Schweizer Skilehrerinnen-Kalender, als leicht bekleidetes Februar-Girl. Die Aufnahmen für den Hochglanz-Wandschmuck machte ein gewisser Hubertus von Hohenlohe.

Shiva Keshavan hat bereits viermal für Indien an Olympischen Winterspielen teilgenommen. In Russland geht der Rodler als "unabhängiger Athlet" unter der Olympischen Flagge an den Start - genau wie seine Landsleute Himanshu Takur (Ski alpin) und Nadeem Iqbal (Skilanglauf). Der Grund: Das Nationale Olympische Komitee Indiens wurde im Dezember 2012 aus dem IOC ausgeschlossen, weil Präsident und Generalsekretär unter Korruptionsverdacht stehen.

"In meinem Herzen und in meinem Kopf trete ich für Indien an", sagt der 32-Jährige. "Jeden Tag erreichen mich Nachrichten von Indern aus aller Welt, die mich unterstützen." Sein bislang größter Erfolg: Platz 25 in Turin 2006. Als erster Inder eine Medaille bei Winterspielen zu gewinnen, hält Keshavan nicht für realistisch. "Das ist zwar mein Ziel, scheint aber außer Reichweite zu sein."

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Tyrion76 05.02.2014
1. Ganz schön cheesy
Och jo, der olympische Geist. 'Schau mal, Dabeisein ist alles!' - besonders bei der Vergabe inoffizieller 'Begünstigungen' unter den Mitgliedern der Funktionärsclique. So was vom kitschig, so zu tun, als wäre bei Olympia irgendetwas rein. Vanessa Mae? Klar, ist dabei, weil sie gut Ski fahren kann, und nicht nur, weil sie gut flötet, err, geigt.
bruno09 05.02.2014
2. Schön und gut:
Bei manchen Ländern, habe ich aber eher den Eindruck, dass der eine oder andere Sportler sich eher einen schönen Winterurlaub auf Kosten seines Landes bzw. nationalen olympischen Komitees gönnt.
tg923 05.02.2014
3. Die Inder....
sind vom IOC ausgeschlossen weil sie unter Korruptionsverdacht stehen. Übersetzt muss es dann wohl heissen, sie sind ausgeschlossen, weil sie sich als einzige noch nicht bestechen haben lassen.
felisconcolor 05.02.2014
4. Nicht neidisch sein
Zitat von bruno09Bei manchen Ländern, habe ich aber eher den Eindruck, dass der eine oder andere Sportler sich eher einen schönen Winterurlaub auf Kosten seines Landes bzw. nationalen olympischen Komitees gönnt.
sie fliegen dann wieder all inclusive für 400€ 10 tage in die DomRep und holen sich dann noch 120€ zurück weil der Salat auf dem Abendbuffet welk war.
marcuspüschel 05.02.2014
5. Égalité
Das ist der Charme der Unprofessionalität, die sonst in einer Welt der Eliten, der maximalen Leistungssteigerung und ultimativen Top-Ten Listen komplett unter die Räder gekommen ist. Die gewöhliche Leute können sich mit diesen geerdeten Kandidaten indentifizieren, eben weil sie keine große Welle machen. Ich wette man würde ihnen sogar eine Steuerhinterziehung verzeihen...
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