Von Benjamin Schulz
London - Für einen Karriereknick braucht es bei den Olympischen Spielen in London bloß 140 Zeichen: Wegen einer beleidigenden Twitter-Botschaft ist der Schweizer Fußballer Michel Morganella aus dem Olympia-Kader geflogen. Die griechische Dreispringerin Paraskevi Papachristou durfte wegen einer ähnlichen Botschaft gar nicht erst nach London anreisen.
Nun vergessen Athleten bei Olympischen Spielen und anderen sportlichen Großereignissen nicht erst seit der Erfindung von Internet und Twitter manchmal ihre guten Manieren. Schon früher wurde kräftig gepöbelt - ganz gleich, ob im Fernsehen, im Zeitungsinterview oder bei einer Pressekonferenz.
Die Äußerungen sind auf Twitter nicht wesentlich anders als im Offline-Zeitalter. Was sich unterscheidet, ist die mediale Begleitung und das Shitstorm-Potential. Aus London berichten rund 20.000 Journalisten - über rund 10.500 Sportler. Rechnerisch entfallen auf jeden Athleten fast zwei Reporter.
Damit erreicht eine Äußerung in Echtzeit eine enorme Reichweite und womöglich eine enorme Bedeutung. Manche Athleten haben Hunderttausende Twitter-Follower. Für die Kurznachrichten gibt es keine Kontrollinstanz, keinen Verband, der die Aussagen filtert. Der 140-Zeichen-Charakter gaukelt manchem Athleten die Privatheit einer SMS vor, die bei Twitter nicht vorgesehen ist. Das vermeintlich Private ist öffentlich - und nicht selten politisch. Womöglich wäre Morganella früher mit einer Verwarnung davongekommen, womöglich hätte Papachristou vor 20 Jahren zu den Spielen fahren dürfen.
Pöbeleien gegen Rugbyspieler und Dopingopfer
Dass eine unbedachte Äußerung nicht nur sportliche Folgen haben kann, zeigt der Fall Stephanie Rice. Die australische Schwimmerin hatte bei den Spielen 2008 in Peking dreimal Gold gewonnen. Es folgte unter anderem ein Sponsorenvertrag mit dem Autohersteller Jaguar. Der ließ Rice fallen, nachdem sie Südafrikas Rugby-Nationalmannschaft 2010 auf Twitter mit einer beleidigenden Bezeichnung für Homosexuelle titulierte. Australiens Rugbyteam hatte gegen Südafrika gewonnen.
Rice entschuldigte sich und entfernte den Kommentar. Ihren Sponsor war sie trotzdem los. Die Schwimmerin ist auch in London am Start. Und sie twittert immer noch - aber vor allem völlig harmlose Dinge: "Danke für all die unterstützenden Tweets. Bedeutet mir sehr viel."
Ganz ohne Twitter schaffte es Diskuswerfer Robert Harting, bei der Weltmeisterschaft 2009 in Berlin Empörung auszulösen. Der Doping-Opfer-Hilfe-Verein (DOHV) hatte während der WM 20.000 Pappbrillen verteilt, um plakativ auf den im Verborgenen weiter stattfindenden Missbrauch verbotener Mittel aufmerksam zu machen. Das passte Harting überhaupt nicht.
"Wenn der Diskus auf dem Rasen aufspringt, soll er gleich gegen eine der Brillen springen, die die Dopingopfer hier verteilt haben. Aber ich bin kein Mörder, ich will nur, dass sie wirklich nichts mehr sehen", sagte Harting. Der Deutsche Leichtathletik-Verband teilte schließlich mit, "dass die Anspannung des Qualifikationswettkampfes nachgewirkt und zu unakzeptablen Äußerungen geführt" habe. Hintergrund von Hartings Aussagen war die Diskussion über seinen Trainer Werner Goldmann. Ihm wurde vorgeworfen, in DDR-Doping verwickelt gewesen zu sein, was Goldmann immer bestritten hatte.
Provozieren, um zu motivieren
Mindestens ebenso negativ wie Harting fiel neun Jahre zuvor der australische Weitspringer Jai Taurima auf. Bei den Sommerspielen in Sydney sagte er, es sei "nett, all die Schwarzen bei den erwartet kühlen Temperaturen in Sydney auszuknocken". Zudem bezeichnete er dunkelhäutige Athleten als "Sabberer". Rassistisch sei das nicht gewesen, meinte Taurima - er habe nur den Wettbewerb anheizen wollen.
Rice, Taurima, Harting - sie alle wurden für ihre Äußerungen heftig kritisiert. Aber keiner von ihnen wurde wie Morganella deshalb von Wettbewerben ausgeschlossen. Es mag ein schwacher Trost für den Schweizer Fußballer sein, dass er dieses Los mit früheren Größen in seinem Sport teilt:
Gleich mit dem direkten Vorgesetzten legte sich Deutschlands Uli Stein bei der Weltmeisterschaft 1986 an. Der Torwart nannte Trainer Franz Beckenbauer einen Suppenkasper. Stein wurde nach Hause geschickt, es sollte seine letzte Reise mit dem Nationalteam sein.
Aus der Riege der Pöbler ragt Stefan Effenberg in gewisser Weise sogar noch heraus. Er schaffte es, bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1994 ganz ohne Worte für einen Eklat zu sorgen. Der Mittelfeldspieler wurde zurück nach Deutschland geschickt, weil er im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea nach seiner Auswechslung Fans den Mittelfinger zeigte.
Vielleicht war es gut, dass es damals Twitter noch nicht gab.
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