Onlinedating in New York Alles folgt dem Algorithmus

Wer in New York einen Partner sucht, sollte es nicht allzu schwer haben: Es gibt Datingportale für allmögliche Vorlieben. Wlada Kolosowa traf Sarah und Jay, die von sich wissen, dass sie zu 93 Prozent kompatibel sind.

Sarah und Jay: "Der Kandidatenpool ist voller Spinner"
Wlada Kolosowa

Sarah und Jay: "Der Kandidatenpool ist voller Spinner"


New York ist die Stadt der Sucher. Jeder ist stets auf der Jagd: Nach einem Traumjob, nach Ruhm, dem perfekten Brunch - oder der großen Liebe. Um deinen Seelenverwandten aus den 8,3 Millionen New Yorkern zu filtern, gibt es Hunderte Internetplattformen. Für jeden Geschmack ist etwas dabei, selbst für den abseitigsten: CougarDate (für ältere Frauen und jüngere Männer), FarmersOnly (für Bauern und Landeier) oder Dating For Muggles (für Harry-Potter-Fans). Es gibt Datingportale für Rothaarige, Biker, Nudisten, Menschen mit Glutenunverträglichkeit, Menschen, die gern Windeln tragen, Menschen, die sich beim Sex gern als Tiere verkleiden oder Schlamm aufeinander gießen. Man kann sogar gezielt nach Gefängnisinsassinnen suchen oder nach einem Partner, mit dem man sich auf den Weltuntergang vorbereiten kann.

Die New Yorker Sarah und Jay lernten sich auf einer traditionelleren Plattform kennen. Seltsame Begegnungen hatten beide trotzdem zur Genüge. "Der Kandidatenpool in New York ist riesig," sagt Sarah. "Aber er ist auch voller Spinner." Stellt man sich den Kandidatenpool als echten Pool vor - er wäre ein Freibad, in das jeder reinpinkelt und in dem jeder ungewarnt Arschbomben macht. "Deine Eltern würden dich nicht in diesem Pool baden lassen", sagt sie.

Das Marmeladen-Experiment der Liebe

Sarah ist ein feenhaftes Wesen mit riesigen Augen, die Publikumspsychologie und Dramaturgie studiert. In dem Jahr zwischen ihrer Anmeldung bei dem Portal und der ersten Nachricht von Jay schrieben sie mehrere Tausend Männer an. Der Großteil waren uninspirierte Anmachen: "schöne Augen", "guter Körper", oder einfach "Hi, Bock auf Sex?".

Irgendwann hörte Sarah auf, Nachrichten von Männern aufzumachen, denen der Algorithmus ihrer Datingseite weniger als 90 Prozent Kompatibilität mit ihr bescheinigte. Jay war ein halbes Jahr online, bevor er Sarah traf. Er sieht amerikanisch-gut aus: sportliche Figur, Holzfällerhemd, weiße Zähne, die er oft und gern zeigt. Er ist gerade dabei, ein Start-up auf die Beine zu stellen, das Bioessen ausliefert. "Wer sich anstrengt, kann in New York jeden Abend ein Date haben", sagt er. "Ich habe Menschen getroffen, die ich sonst nie getroffen hätte. Aber irgendwann erdrückten mich die vielen Möglichkeiten."

Er ging mit Bäckerinnen aus, Unternehmensberaterinnen, sogar ein Reality-TV-Star war dabei. Eine Handvoll von ihnen hat er auch mit nach Hause genommen. Aber es gab immer schönere, interessantere Frauen mit besseren Profilfotos. "Es war wie das Marmeladen-Experiment - in einem viel, viel größerem Maßstab", sagt Jay. Er spielt auf ein berühmtes Experiment der Sozialpsychologie an: Gab man den Probanden sechs Marmeladensorten zum Kosten, kaufte ein Drittel ein Glas Marmelade. Standen 24 Sorten zur Wahl, rangen sich nur drei Prozent zum Kauf durch.

Ein Café mit Millionen Gästen

"Ich glaube, Onlinedating ist eine verschärfte Version von dem, was im realen Leben passiert", sagt Sarah. "Auch in einem Café schaut man, wen man süß findet und was er liest. Eine Datingseite ist ein Café mit mehreren Millionen Gästen, die dir alle ihre Lebensläufe und Fotoalben unter die Nase halten."

Die Datenmenge war ermüdend, und trotzdem blieb sie dran: "Onlinedating ist alles andere als romantisch. Aber es ist effizient", sagt sie. "Vielleicht ist Liebe tatsächlich das: ein Algorithmus. Eine Mischung aus vielen Präferenzen, gemeinsamen Interessen und dem richtigen Zeitpunkt im Leben."

Und was ist mit dem Schicksal, dem Zauber des Moments? Lieben sind wie Imperien, schrieb einst Milan Kundera: "Wenn die Idee, auf der sie gegründet wurden, zerbröselt, verblassen auch sie." Sarah zuckt mit den Schultern. "Daran denke ich nur, wenn ich gefragt werde, wie wir uns kennengelernt haben", sagt sie. "Natürlich wäre es toll, wenn unsere Liebe einen Gründungsmythos hätte. Aber ich glaube auch daran, dass Technologie unser Leben besser macht. Es wäre Blödsinn, in so einem wichtigen Bereich darauf zu verzichten."

Dem Algorithmus zufolge passten Jay und Sarah zu 93 Prozent zueinander. Sie küssten sich gleich beim ersten Date. Am Wochenende, nachdem sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, löschten sie ihre Profile. "Ich würde jedem empfehlen, Onlinedating zu versuchen", sagt Jay. "Aber ich war auch sehr erleichtert, auf den ,Abmelden'-" Knopf zu drücken. Manchmal, wenn ich mein Telefon anschaue, sind da lauter Vornamen von früher, denen ich kein Gesicht mehr zuordnen kann. Es ist ziemlich gruselig."



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Websingularität 29.06.2014
1. Hmmm...
Zitat von sysopWlada KolosowaWer in New York einen Partner sucht, sollte es nicht allzu schwer haben: Es gibt Datingportale für allmögliche Vorlieben. Wlada Kolosowa traf Sarah und Jay, die von sich wissen, dass sie zu 93 Prozent kompatibel sind. http://www.spiegel.de/panorama/onlinedating-in-new-york-wlada-kolosowa-trifft-liebespaar-a-976936.html
Auch Geschlechtskompatibel? Wie wird das ermittelt? Gut, Sie ist eine Frau, er ein Mann. Aber ich nehme mal an, dass solche Leute sich nicht mit bloßem "Standard" zufrieden geben, sonst würden sie ja an jeder Straßenecke einen Partner finden. Die suchen ja schon das passende Pendant. Da muss man ja auch irgendwie ins Detail gehen.
nic 29.06.2014
2. ... dass sie zu 93 Prozent kompatibel sind.
Um so was zu glauben muss man wohl in New York leben.
MissMorgan 29.06.2014
3. Die vielen Möglichkeiten. ..
... die man scheinbar hat, klar, die sind verführerisch. Nur hat man sie im tatsächlichen Leben eben nicht. Aber ist das schlimm, wenn so gar keine Sympathie rüberkommt? Ärgerlich ist diese Lügerei, weil sie Zeit kostet. Und dann ja auch nicht zjm erwünschten Erfolg führen kann.
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