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Opfer der Love Parade: Alpträume im Minutenschlaf

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Wolfgang L. glaubt, auf der Love Parade in Duisburg einen Menschen tot getrampelt zu haben. Seither geht sein Leben stetig bergab: Er verliert seinen Job, muss jetzt seine Wohnung räumen und kämpft gegen die Traumatisierung. Nun hofft er auf einen Neuanfang.

Gedenken an die Opfer im Juli 2010: "Er sagte, es täte ihm leid" Zur Großansicht
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Gedenken an die Opfer im Juli 2010: "Er sagte, es täte ihm leid"

39 Jahre lang montierte Wolfgang L. Einbauküchen. Er lebte bescheiden im nordrhein-westfälischen Düren, stotterte Schulden ab, genoss es, mit seiner Ehefrau über den Markt zu schlendern. Dann kam der 24. Juli 2010, und Wolfgang L., damals 54 Jahre alt, entschied sich spontan, mit dem Auto nach Duisburg zur Love Parade zu fahren.

Wolfgang L. gehört in seinem Alter nicht zur Zielgruppe des Techno-Events. Doch das Wetter sei schön gewesen an jenem Samstag und er neugierig, sagt er heute. Es sollte ein Ausflug werden, mehr nicht. Seine Frau blieb mit dem Hund zu Hause.

Zurück kam ein anderer Mann.

Der Küchenmonteur landete in einem der Tunnel, die die Raver zum Partygelände in Duisburg passieren mussten - und so mitten in der Tragödie. Wolfgang L. ist davon überzeugt, dass er einen Menschen tot getrampelt hat.

Seither ist nichts mehr so, wie es einmal war.

Die Ungewissheit setzt ihm zu, die Schuldgefühle rauben ihm den Schlaf, manchmal auch den Atem. Immer wieder fühlt er den Druck wie damals, als er von allen Seiten eingequetscht wurde, ein Phantomschmerz, der ihm Angst macht. Fällt er in einen Minutenschlaf, schrecken ihn Alpträume auf. Panikattacken verleiden ihm den Gang auf den Markt, die Fahrt im Fahrstuhl, und das, wo er in einem Hochhaus wohnt.

Seit 1. März gilt Wolfgang L. als arbeitsunfähig. Die Ärzte diagnostizierten eine schwere Traumatisierung, über Wochen wurde er stationär behandelt, schließlich verlor er seinen Job. Seit 1. Mai lebt er von Hartz IV. Bis November wird seine Miete von 520 Euro bezahlt. Danach soll er seine 68-Quadratmeter-Wohnung räumen, weil sie zu groß ist für ihn und seine Frau - oder er muss auf 90 Euro Unterstützung verzichten. Er selbst sagt, man könne nichts mehr mit ihm anfangen. Nicht mal mehr über den Markt flanieren könne er.

Wer hat Schuld daran, dass Wolfgang L. nicht mehr so leben kann wie vor zehn Monaten?

Nach Informationen des SPIEGEL hat die Polizeiführung bei der Duisburger Love Parade gravierende Fehler gemacht. Die Beamten konnten einem mehr als 400 Seiten starken Bericht der Staatsanwaltschaft Duisburg zufolge nur eingeschränkt handeln. Die Gründe: Ein unplanmäßiger Schichtwechsel, Ausfälle bei den Funkgeräten und mangelnde Vorrangschaltungen, die eine Kommunikation der Polizei auch in überlasteten Netzen ermöglichen soll.

Den Ermittlungen zufolge waren für den Eingangsbereich des Veranstaltungsgeländes, der durch zwei Tunnel führte, lediglich zwei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei zur Sicherung eingeplant: Doch diese mussten sich ausgerechnet am Nachmittag der Party ablösen, weil das Düsseldorfer Innenministerium die Dienstzeit der eingesetzten Beamten begrenzt hatte.

Funkgeräte fielen reihenweise aus

Bereits während des Schichtwechsels eskalierte die Situation im Zugangsbereich: Erst mehr als eine Stunde später stoppte die Polizei den ungebremsten Zulauf in den Tunnel - da steckte Wolfgang L. schon im Gedränge fest und fürchtete um sein Leben.

Zudem hatte die Polizei nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft größere Kommunikationsprobleme als bislang bekannt war. Immer wieder, so erklärten Beamte bei Vernehmungen, seien am Tag der Love Parade ihre Funkgeräte ausgefallen. Auch mit dem Handynetz habe es große Probleme gegeben. Nur ein "verschwindend geringer" Teil der Polizeihandys, so heißt es in einem Auswertungsvermerk, sei zuvor bei der Bundesnetzagentur für eine Vorrangschaltung angemeldet worden.

Das Innenministerium wollte sich bislang nicht zu den Vorwürfen äußern.

Der Bericht der Staatsanwaltschaft deckt sich in Teilen mit den Erfahrungen, die Wolfgang L. im Tunnel machte.

Der Bericht stützt auch die Vermutung von Julius Reiter, Rechtsanwalt in der Kanzlei Baum, Reiter und Collegen, die mehr als 70 Opfer vertritt: Alle Beteiligten haben versagt, nicht nur einer. "Veranstalter, Stadt und Land tragen die Verantwortung. Das Land kann seine Mitverantwortung nun nicht mehr in Abrede stellen. Es gibt keinen monokausalen Schadensverlauf, es gibt nicht einen Alleinverursacher der Katastrophe. Es gibt vielmehr ein Versagen dieser drei Beteiligten", so Reiter.

Geheimes Treffen mit Love-Parade-Veranstalter Schaller

Es komme nun nicht mehr darauf an, welchen Anteil an Schuld jeder Beteiligte zu tragen hat. "Es gibt mehrere Ursachen und mehrere Verursacher. Verantwortung und Schuld tragen alle", sagt Reiter. "Das kann noch Jahre dauern, weil nicht abzusehen ist, dass das unwürdige Gezerre, dem jeweils anderen die Schuld zuzuschieben, beendet sein wird."

Daher sei es nun wichtig, die Frage der juristischen Schuld von der nach Entschädigung abzukoppeln. Alles andere sei den Opfern gegenüber "unzumutbar", betont Reiter. "Dieses unwürdige Gezerre zu Lasten der Opfer ist die Katastrophe nach der Katastrophe."

Im Namen der Opfer und ihrer Angehörigen fordert Reiter "verbindliche Regeln der Entschädigung". "Wir appellieren an den Veranstalter Herrn Schaller und seine Versicherung Axa, die Stadt Duisburg und den hinter ihr stehenden Kommunalversicherungsverband, sich auf eine schnelle Lösung zu verständigen. Wir wiederholen unseren Vorschlag, dazu eine öffentliche Stiftung einzurichten, die die Opfer mit einbezieht."

Mit dem Geld kann sich Wolfgang L. nicht sein altes Leben zurückkaufen. Aber vielleicht könnte es ihm das neue Leben erleichtern, hofft er.

Andererseits wurden seine Hoffnungen erst vor drei Wochen enttäuscht. Ende April traf er gemeinsam mit einem anderen Opfer aus Hamburg und einem betroffenen Ehepaar aus Duisburg den Love-Parade-Veranstalter Rainer Schaller in Düsseldorf. Eine frustrierende Begegnung, wie der 54-Jährige konstatiert.

Die "Kopfkirmes" macht ihm das Leben zur Hölle

Die Notfallseelsorge hatte das geheime Treffen arrangiert. Schaller wollte sich den Fragen ausgewählter Opfer stellen - ohne Beisein von Juristen oder Journalisten. Klare Antworten habe es nicht gegeben, sagt Wolfgang L. "Er sagte, es täte ihm leid, aber sonst redete er sich raus, schob die Verantwortung auf andere oder flüchtete sich in Ausreden." Wolfgang L. klingt ernüchtert. "Dieser Mann hat keine Ahnung, was jeder von uns durchmacht und in welches Loch wir fallen, wenn einfach nicht geklärt wird, wer welche Verantwortung trägt."

Die Menschenmasse hatte Wolfgang L. durch den Tunnel gepresst. Er hatte ein weinendes Mädchen auf den Arm genommen, damit es besser Luft bekam. Er wurde über Körperberge geschoben und glaubte, auf Menschen zu treten.

In guten Momenten klammert sich der 54-Jährige an die Hoffnung, dass es vielleicht doch ein Rucksack, eine Decke, ein Schlafsack war, die er unter seinen Füßen spürte. Doch seinen eigenen Recherchen zufolge starb an der Stelle, an der ihn das Gefühl beschlich, ein Mensch - tot getrampelt durch die Massen.

Fünf Wochen lang war Wolfgang L. in der psychiatrischen Landesklinik in Düren in Behandlung, sechs Wochen lang absolvierte er eine Traumatherapie in der Alexianer-Klinik in Krefeld. Die "Kopfkirmes", wie L. sein Trauma nennt, ist geblieben.

Wolfgang L. hofft auf baldige Entschädigung, aber er sagt auch: "Noch lieber hätte ich eine Pille, die ich schlucken muss und die mich zu dem macht, der ich mal war: Ein Küchenmonteur, der sich schon freut, wenn er mal über den Markt spazieren kann."

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1.
Pinon_Fijo 17.05.2011
Wirklich erschreckend, welch' harte Schicksale Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft zu ertragen haben...
2. X für U
doitwithsed 17.05.2011
Wer jetzt, Wolfgang L. oder Wolfgang R.? Wäre schön, wenn man sich wenigstens innerhalb eines Absatzes mal einigen würde.
3. Schuld&Sühne
Herr Hold 17.05.2011
Zitat von sysopWolfgang L. glaubt, auf der Love Parade in Duisburg einen Menschen tot getrampelt zu haben. Seither geht sein Leben stetig bergab: Er verliert seinen Job, muss jetzt seine Wohnung räumen und kämpft gegen die Traumatisierung. Nun hofft er auf einen Neuanfang. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,762858,00.html
Ja, ich kann nir durchaus vorstellen, wie schlimm es sein muss, zu wissen, dass ich Menschen (wenn auch unabsichtlich) zu Schaden gebracht habe.Wenn Wolfgang L., dem ja nichts vorzuwerfen ist, ausser am falschen Ort, zu falscher Zeit gewesen zu sein, sich schuldig fühlt-wie mag es den Menschen gehen, die sich nachweislich über die Köpfe und Körper anderer rücksichtslos ihren Weg zum Fest gesucht haben? Hölle.
4. ...
gelldaschaust 17.05.2011
Zitat von sysopWolfgang L. glaubt, auf der Love Parade in Duisburg einen Menschen tot getrampelt zu haben. Seither geht sein Leben stetig bergab: Er verliert seinen Job, muss jetzt seine Wohnung räumen und kämpft gegen die Traumatisierung. Nun hofft er auf einen Neuanfang. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,762858,00.html
Bewegender Artikel mit einem gewaltigen Schönheitsfehler: Wenn es um die Verantwortlichen geht, wird stets genannt - Veranstalter - Stadtverwaltung - Polizei Aber was ist mit den Leuten, um die es geht? DENEN ist eine ebenso große Schuld vorzuwerfen!!! Oder muss man annehmen, dass diese Leute dämlicher sind als sonstige Herdentiere, die es ja auch auf die Reihe bringen, sich in der Herde zu bewegen ohne sich gegenseitig zu zertrampeln? Insoweit deckt sich das mit der Vielzahl der weiteren wenig kritisch hinterfragenden Artikel auf SPON zu diesem Thema. Darüber hinaus finde ich den Artikel aber auch sehr informativ, weil zumindest die Menschen, die die Tragödie überlebt haben, einmal "angeschnitten" und näher beleuchtet werden, wie diese mit den schlimmen Erlebnissen fertig werden (oder eben leider auch nicht) etc.
5. Hartz IV?
eierbär 17.05.2011
So schlimm, wie das alles ist, eines interessiert mich dann doch. Warum bekommt Wolfgang L. schon jetzt ALG II? Zuerst einmal müsste er Krankengeld (max. 72 Wochen) bekommen haben, dann 15 Monate ALG I und dann erst ALG II. Kann mir das mal einer plausibel machen?
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