Orkan-Folgen "Kyrill" ist weg - doch die Bahn bleibt unter Druck

Zwei Tage nach dem Orkantief "Kyrill" sind die Folgen des Sturms noch nicht behoben: Auch heute mussten viele Reisende auf ihre Züge warten, in Ostdeutschland sind noch immer Hunderte Menschen ohne Strom. Am Berliner Hauptbahnhof werden die losen Stahlträger gesichert.


Berlin - Während in Baden-Württemberg die Züge im Nah- und Fernverkehr wieder planmäßig fahren, müssen anderswo Reisende noch immer mit Verspätungen rechnen: Der Bahn-Reiseverkehr in Deutschland läuft auch zwei Tage nach dem Orkan "Kyrill" nicht reibungslos.

Berliner Pannen-Bahnhof: Ein Stahlträger, der sich beim Sturm Donnerstagnacht gelöst hat, wird gesichert
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Berliner Pannen-Bahnhof: Ein Stahlträger, der sich beim Sturm Donnerstagnacht gelöst hat, wird gesichert

Störungen wegen notwendiger Reparaturen an den Gleisen oder den Oberleitungen gebe es vor allem noch in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg, auch könnte es bundesweit stellenweise noch zu Verzögerungen auf einzelnen Strecken geben. Teilweise könnten die Beeinträchtigungen bis Montagmorgen andauern. Dennoch beginne sich der Zugverkehr zu normalisieren. "Mehrere Strecken sind noch nicht befahrbar, an der Wiederherstellung wird gearbeitet", teilte die Bahn auf ihrer Internet-Seite mit. Damit sich die Kunden über die aktuelle Situation informieren können, hält das Verkehrsunternehmen weiterhin die kostenlose Hotline (08000) 99 66 33 mit bis zu 350 Mitarbeitern in Betrieb.

Das Verkehrsunternehmen war in den letzten zwei Tagen in die Kritik geraten: wegen schlechter Beratung, falscher Anzeigetafeln, weil es "offensichtlich keinen ausreichenden Notfallplan" gab (Karl-Peter Naumann, Vorsitzender des Fahrgastverbands "Pro Bahn"), weil die Kunden "katastrophal und stümperhaft" informiert wurden (Grünen-Verkehrsexperte Winfried Hermann sagte); weil eine Stilllegung der Bahn "vor allem im Regionalverkehr überhaupt nicht notwendig" gewesen sein soll (Johannes Kruszynski, Vorstand der privaten DB-Konkurrenz AKN-Bahn).

Kritik gab es auch wegen der Sturmschäden am Neubau des Berliner Hauptbahnhofs. In der Nacht zu Freitag war durch den Orkan ein tonnenschwerer Stahlträger aus der Fassade in 40 Meter Tiefe in den Eingangsbereich des Bahnhofs gestürzt. Verletzt wurde niemand. "Man muss fragen, ob es nicht durch hemdsärmlige Einsparungen beim Bau des Hauptbahnhofes zu Mängeln gekommen ist, sagte Hermann. Die Berliner Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, sprach sich nach Informationen des SPIEGEL für die Suche nach möglichen Konstruktionsfehlern aus. Die tonnenschweren Träger seien nicht befestigt gewesen, sagte Bahn-Sprecher Michael Baufeld zu SPIEGEL TV: Aus architektonischen Gründen lagen sie nur auf kleinen Verstrebungen. "Das heißt, sie sind nicht verschweißt, nicht verschraubt".

Die Bahn sichert die Fassade zunächst mit Blechplatten, die auf das gesamte Stahlgerüst an der Außenseite des Bahnhofs geschweißt werden sollen, um die mehr als 100 nicht befestigten Träger zu verdecken und vor Wind zu schützen."Wir hoffen, dass wir den Bahnhof dann auch bei einer Windstärke 8 und mehr in Betrieb lassen können", sagte ein Sprecher der Bahn. Die Arbeiten sollen in der kommenden Woche abgeschlossen werden. Durch den Sturm hatten sich zwei weitere Träger gelöst, waren aber nicht heruntergefallen. Sie wurden inzwischen entfernt.

Der Architekt des Hauptbahnhofes, Meinhard von Gerkan, wies eine Mitschuld an dem Unfall zurück. Seiner Auffassung nach handelte es sich entweder um einen Fehler der Statik, der Bauausführung oder der Bauüberwachung. Der abgestürzte Stahlträger habe lediglich der optischen Fassadengliederung gedient und keine tragende Funktion gehabt, erklärte Gerkan

Am Abend sollen auch die letzten Haushalte Strom bekommen

Auch fernab der Bahngleise und des Berliner Pannen-Bahnhofs gingen die Aufräumarbeiten in weiten Teilen Deutschlands weiter. So arbeiteten Stromversorger in Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt fieberhaft daran, Schäden wie abgerissene Stromleitungen zu reparieren. In den neuen Bundesländern hatten heute Morgen einige tausend Haushalte noch immer keinen Strom. Wie die zuständigen Energieunternehmen in Erfurt und Chemnitz mitteilten, konnten die Reparaturtrupps am Vormittag aber weitere Leitungen in Stand setzen, so dass die Zahl der Unversorgten kontinuierlich sank.

Nach Angaben der envia Mitteldeutsche Energie AG in Chemnitz waren in Brandenburg noch 800 Abnehmer, in Sachsen 1000 und in Sachsen-Anhalt noch 200 Kunden ohne Elektrizität. Die Störungen sollten im Laufe des Tages behoben werden. in Erfurt seien am Samstagmittag noch drei Orte in den höheren Lagen der Landkreise Sonneberg und Hildburghausen sowie sieben Gemeinden im Saale-Orla-Kreis und im Landkreis Rudolstadt-Saalfeld ohne Strom gewesen, sagte der Sprecher der E.on Thüringer Energie, Olaf Werner. "Überwiegend kommen aber Notstromaggregate zum Einsatz, da die Leitungsschäden gerade in Südthüringen enorm sind und die Reparatur noch Tage dauern wird." Die letzten Haushalte sollten am späten Abend wieder Strom erhalten.

Am Sonntag soll es schwere Sturmböen geben

Orkan "Kyrill" war am Donnerstag und Freitagmorgen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 202 Kilometer pro Stunde über Deutschland gerast. Der Orkan hatte allein in Deutschland elf Menschen das Leben gekostet, Milliardenschäden angerichtet und zu einem Verkehrschaos geführt. Der Flugverkehr funktioniert schon seit gestern wieder reibungslos.

Nach aktuellen Informationen des Deutschen Wetterdienstes wird am Sonntag im höheren Bergland ein frischer bis starker Wind wehen, der in Böen Sturmstärke erreichen kann; in freien Lagen sowie im Bergland muss mit schweren Sturmböen gerechnet werden.

fba/AP/dpa/Reuters



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