Orkan "Kyrill" wütet über Deutschland

Flüge sind gestrichen, Autobahnen gesperrt, der Bahnverkehr ist in ganz Deutschland gestoppt: Sturmtief "Kyrill" tobt mit Tempo 190 über Deutschland. Mehrere Menschen starben, Zehntausende sitzen fest. Vielerorts ist der Strom ausgefallen. In Berlin rief die Feuerwehr den Ausnahmezustand aus.


Berlin - Die Deutsche Bahn hat den gesamten Verkehr inzwischen eingestellt. Wie viele Reisende davon betroffen sind, ist noch unklar. "Das hatten wir noch nie in Deutschland", sagte Bahnchef Hartmut Mehdorn. An einen solchen Sturm in diesem Ausmaß könnten sich auch ältere Bahnmitarbeiter nicht erinnern. Ein in einem Osnabrücker Vorort liegen gebliebener Intercity mit etwa 250 Fahrgästen musste evakuiert worden. Die Stadt setzte Busse ein, um die Reisenden zu Notunterkünften in einer Schule zu bringen.

Die Bahnhöfe Essen und Hannover seien bereits gesperrt, in Nordrhein-Westfalen ruhte der Verkehr seit 17.15 Uhr vollständig. Zuvor waren bereits Schienen vorsorglich oder wegen umgestürzter Bäume gesperrt worden. Ein Intercity-Zug von Hamburg nach Westerland war bei Burg gegen einen entwurzelten Baum geprallt, verletzt wurde niemand. Der Zugverkehr wird auch morgen noch nicht wieder regulär laufen. Nach Angaben der Bahn dauern die Aufräum- und Reparaturarbeiten noch länger.

Allein in Deutschland sind bislang sieben Todesopfer zu beklagen. Ein Mann starb bei einem Verkehrsunfall im Rhein-Neckar-Kreis in Baden-Württemberg, als er einem umstürzenden Baum ausweichen wollte, und dabei frontal auf ein entgegenkommendes Fahrzeug prallte. In Bayern wurde ein 18 Monate altes Kind von einer aus der Halterung gerissenen Terrassentür erschlagen. Ein 73-Jähriger erlag seinen Verletzungen, nachdem ihn ein aus den Angeln gehobenes Scheunentor erfasst hatte. Bei einem sturmbedingten Einsatz verunglückte in Tönisvorst (Kreis Viersen) ein 39-jähriger Feuerwehrmann tödlich .

In Groß Rodensleben in Sachsen-Anhalt kam ein Mann ums Leben, als er in einer Gaststätte unter einer umstürzenden Wand begraben wurde. Drei weitere Männer wurden schwer verletzt. In Lippstadt starb eine 23 Jahre alte Autofahrerin. Wie die Polizei mitteilte, war die Frau auf einer Straße unterwegs, als vor ihrem Wagen ein Baum umstürzte und die Fahrbahn blockierte. Als die Lippstädterin ihren Pkw habe wenden wollen, sei das Auto von einem weiteren umstürzenden Baum getroffen worden. Im niedersächsischen Hildesheim starb ein Mann, als sein Pkw von einem umstürzenden Baum getroffen wurde.

Bei Irmenach in Rheinland-Pfalz wurde eine Autofahrerin schwer verletzt, als ihr Wagen von einer Tanne getroffen wurde. In Chemnitz wurde ein 50-jähriger Arbeiter von einer Windböe unter einen fahrenden Kran geschleudert und schwer verletzt. In Osnabrück wurde das Zelt des dort gastierenden Russischen Staatszirkus zerstört. In Bad Bentheim wurde das Dach des Finanzamtes komplett abgerissen.

Die Berliner Feuerwehr hat wegen des Unwetters den Ausnahmezustand ausgerufen. Das teilte die Leitstelle mit. Im Süden Berlins seien bereits Windstärken von 110 km/h gemessen worden. Zahlreiche Straßen stehen unter Wasser. Den Angaben zufolge sind bis zu 1500 Kräfte im Einsatz. Die Sitzung des Bundestags wurde vorzeitig abgebrochen. Alle Abgeordneten brachten sich in Sicherheit.

Der Luftverkehr wurde im gesamten Bundesgebiet schwer beeinträchtigt. Bundesweit kam es zu vielen Verkehrsunfällen. Ein Laster wurde auf der Autobahn 1 bei Wildeshausen in Niedersachsen von einer Sturmböe auf einen Acker gedrückt, der Fahrer blieb unverletzt. Bis zum Nachmittag wurden bundesweit mehrere Brücken sowie Autobahnabschnitte gesperrt. Zahlreiche Lkw stürzten um. Auch der Fährverkehr von den nordfriesischen Inseln bis zum Bodensee kam zum Erliegen. In Bayern stellten die Bergbahnen ihren Betrieb ein.

Die Polizei hat wegen umstürzender Bäume alle Straßen durch die Mittelgebirge Harz und Solling gesperrt. Auf dem Brocken hatte der Orkan bereits am späten Nachmittag Geschwindigkeiten von 200 Stundenkilometern erreicht. Wie ein Polizeisprecher im niedersächsischen Northeim sagte, betrifft die Sperrung der Harzstraßen auch den Ostharz in Sachsen-Anhalt. Nach Angaben des Polizeisprechers dürfen auch die Straßen im Solling aus Sicherheitsgründen nicht mehr befahren werden. Ein Förster, der sich im Solling selbst vor Ort ein Bild von den Schäden habe machen wollen, sei mit seinem Fahrzeug zwischen zwei umgestürzten Bäumen stecken geblieben. Im Landkreis Wernigerode im Harz wurde ein Wandergruppe in einer Skihütte eingeschlossen. Die zehn Schüler und drei Erwachsenen könnten erst morgen abgeholt werden, hieß es.

In Magdeburg, Wuppertal und Duisburg fiel der Strom aus. Auch viele kleinere Ortschaften waren betroffen. Die Hauptbahnhöfe in Essen und Hannover sind von der Stromversorgung abgeschnitten. Der Sturm hat Störungen in der Stromversorgung Sachsens, Sachsen-Anhalts und Brandenburgs verursacht. Betroffen war das Netzgebiet der envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM). Hauptursache waren nach Angaben des Chemnitzer Unternehmens auf Freileitungen stürzende Bäume und Äste.

Der Sturm nimmt vermutlich in den Niederungen an Stärke zu. Im Westen soll er hauptsächlich am Abend toben, im Osten und Süden nachts. Der Wetterdienst erwartet Dauerregen, Hochwasser und Erdrutsche. Teilweise seien 50 bis 70 Liter Regen pro Quadratmeter innerhalb von 24 Stunden zu befürchten.

Für die Nordseeküste wurde eine Sturmflutwarnung ausgegeben: Demnach wird das Hochwasser an der deutschen Nordseeküste, in Emden, Bremen und Hamburg etwa 2,5 Meter höher als das mittlere Hochwasser sein. Auch viele Fährverbindungen wurden eingestellt.

Bundesweit wurde die Bevölkerung unter Verweis auf Lebensgefahr ermahnt, während des Orkans nicht ins Freie zu gehen, Fenster und Türen geschlossen zu halten und bewegliche Gegenstände zu sichern. Öffentliche Anlagen wie Zoos, Schwimmhallen oder Friedhöfe wurden bereits mittags geschlossen, Veranstaltungen im Freien abgesagt. In zahlreichen Bundesländern erlaubten die Ministerien den Schulen, den Unterricht am Nachmittag ausfallen zu lassen. In ganz Bayern fällt auch morgen die Schule aus.

ffr/AFP/dpa/ddp/AP

Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.

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