Orkantief "Kyrill" Bahn stellt Fernverkehr in Deutschland ein

Orkan "Kyrill" hat Europa jetzt voll im Griff. Mehrere Menschen starben bei Unfällen, im Ärmelkanal kenterte ein Frachter. Die Bahn stellte wegen des Sturms den Fernverkehr in ganz Deutschland ein, in NRW auch den Nahverkehr.


Frankfurt am Main/Stuttgart - Wegen zahlreicher unbefahrbarer Strecken im Norden und Westen Deutschlands in Folge Sturmschäden hat die Deutsche Bahn den Fernverkehr komplett eingestellt. Das erklärte das Unternehmen am frühen Abend. Eine Wiederaufnahme des Betriebes noch am selben Tag sei sehr unwahrscheinlich. In Nordrhein-Westfalen wurde der gesamte Verkehr eingestellt.

Im Norden Münchens wurde ein 18 Monate altes Kind getötet, als eine Terrassentür durch den starken Wind aus der Verankerung riss und auf das Kind stürzte, wie die Polizei mitteilte. Das Kleinkind wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo es wenig später seinen Verletzungen erlag.

In der Nähe von Heidelberg wurde ein Autofahrer getötet, als er einem umstürzenden Baum ausweichen wollte. Ein zweiter Mann wurde Polizeiangaben schwer verletzt. Bei Augsburg wurde ein 73-Jähriger von einem Scheunentor erschlagen, das eine heftige Böe aus den Angeln gehoben hatte.

In Großbritannien sind bislang mindestens fünf Menschen ums Leben gekommen. Unter den Toten ist der Direktor des Internationalen Flughafens von Birmingham. Der 49-jährige Richard Heard war mit seinem Auto unterwegs, als Äste eines umgestürzten Baumes durch die Frontscheibe in den Wagen schlugen. Auch zwei andere Autofahrer kamen in Mittelengland durch vom Sturm gefällte Bäume ums Leben. Eine etwa 60-jährige Frau wurde von einer einstürzenden Mauer erschlagen. Unweit von Liverpool rammte eine Feuerwehr im Nothilfeeinsatz ein Auto und tötete den Fahrer.

In den Niederlanden kostete der Orkan zwei Menschen das Leben. Auf einer Landstraße in der Nähe von Arnheim war ein vom Sturm umgewehter Baum auf ihr Auto gestürzt. Ein Mitfahrer wurde eingeklemmt, konnte aber gerettet werden, teilte die Polizei mit.

In Nordfrankreich wurde eine Fahrprüferin von einem Strommast erschlagen. Starker Wind habe den Mast in Roubaix geknickt und auf das Auto der Fahrschule stürzen lassen, teilte die Präfektur in Lille mit. Ein weiterer Mensch sei dabei verletzt worden.

Glimpflich ist dagegen der Zusammenstoß eines Intercity-Zuges mit einem umgestürzten Baum in Schleswig-Holstein ausgegangen. Wie eine Sprecherin der Bahn AG am Donnerstag mitteilte, fuhr die erste von zwei Diesellokomotiven des IC 2181 zwischen Elmshorn und Westerland auf den vom Sturm entwurzelten Baum auf. Rettungsmannschaften entfernten Lok und Baum, und mit einer Stunde Verspätung konnte der Zug weiterfahren. Verletzt wurde niemand.

Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.

"Kyrill" hält das ganze Land in Atem. Feuerwehren, Katastrophenschutz und Polizei wappneten sich für den Sturm, der mit Windgeschwindigkeiten bis zu 150 Kilometern pro Stunde das gesamte Land erfassen sollte. Auf dem Weg zur deutschen Nordseeküste richtete das Tief bereits schwere Schäden an. Im niederländischen Utrecht wurden drei Menschen verletzt, als Böen einen Kran umrissen. "Unser Land hat einen solchen Sturm seit Jahren nicht erlebt", urteilte der Wetterdienst.

Im Ärmelkanal kenterte in stürmischer See ein Containerschiff. Die 26-köpfige Besatzung rettete sich in ein Boot, das bis zu neun Meter hohen Wellen ausgeliefert war. Die britische und die französische Küstenwache schickten Schlepper an den Unglücksort und drei Hubschrauber. "BBC"-Berichten zufolge ist der Frachter bereits gesunken. Im Süden Englands fiel in mehr als 25.000 Haushalten der Strom aus, nachdem die Böen Masten umgeknickt und Leitungen unterbrochen hatten.

Sturm erreicht Höhepunkt in der Nacht

Bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern mussten auf dem internationalen Flughafen Heathrow bei London mehr als hundert Flüge gestrichen werden. Am Frankfurter Flughafen musste die Zahl der Flüge bis zum Mittag halbiert werden. Wegen des starken Windes vergrößerte die Flugsicherung den zeitlichen Abstand bei Starts und Landeanflügen. "Die Situation dürfte sich am Nachmittag noch verschärfen", sagte ein Lufthansa-Sprecher.

Das Zentrum des Orkans wird Meteorologen zufolge erst noch an der Nordseeküste erwartet. "Wir haben es mit einem ausgedehnten Sturmfeld zu tun, das über viele Stunden starke Winde mit sich bringen wird", sagte Stefan Külzer vom Deutschen Wetterdienst. Die stärksten Schäden werde ein Streifen mit schweren Böen verursachen, der am frühen Abend auf die Küste treffen und dann das gesamte Bundesgebiet überqueren werde.

Zusätzlich zum Orkan soll gebietsweise heftiger Regen hinzukommen. Teilweise seien 50 bis 70 Liter Regen pro Quadratmeter innerhalb von 24 Stunden zu befürchten, erklärte der DWD. In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, wo die Unwetterwarnungen am Freitag noch verschärft werden sollen, wurden ergiebige Regenfälle, gefolgt von Hochwasser, Überflutungen und Erdrutschen erwartet. Auch in Baden-Württemberg ist mit steigenden Flusspegeln und Überflutungen zu rechnen. In Bayern rechnet das Innenministerium mit Windgeschwindigkeiten in den Bergen bis 140 Stundenkilometern.

Im Westen Deutschlands müsse man gegen 21 Uhr mit dem Höhepunkt des Orkans rechnen, im Osten hingegen erst in der Nacht, sagte Külzer. "Der Orkanstreifen wird ungefähr drei Stunden brauchen, um die jeweiligen Gebiete zu überqueren", sagte Külzer. Die Unwetterwarnung des Dienstes gilt bis morgen um 10 Uhr. Als Orkan gilt ein Sturm der Windstärke 12 mit Windgeschwindigkeiten von mindestens 118 Kilometern pro Stunde.

Schüler haben orkanfrei

Neben den Orkanböen erwartete der Wetterdienst stellenweise auch sintflutartige Niederschläge. Dies galt Külzers Worten zufolge besonders für Nordrhein-Westfalen und Teile Niedersachsens. "Betroffen sind die westlichen Mittelgebirge", sagte der Meteorologe. Hier könnten bis zu 50 Liter Regen pro Quadratmeter fallen, stellenweise sogar 70 Liter.

Erste Vorboten des Sturms waren bereits am Morgen vor allem in Höhenlagen zu spüren. Auf dem Feldberg im Schwarzwald wurden dem Wetterdienst zufolge Windgeschwindigkeiten von 122 Kilometern pro Stunde gemessen. Durch den Pfälzer Wald rase der Wind mit 110 Stundenkilometern. Auf dem Brocken im Harz seien 111 Stundenkilometer gemessen worden.

Die Nordseeküste stellt sich auf eine schwere Sturmflut ein. Das Bundesamt für Seeschifffahrt rechnete mit einem Hochwasser von bis zu dreieinhalb Metern über dem mittleren Stand. Es sei ein glücklicher Zufall, dass Ebbe sei, wenn der Orkan am Nachmittag die Küstenregion erreiche, sagte Gudrun Wiebe, Sprecherin der in Hamburg ansässigen Behörde. In Cuxhaven wurde um 23 Uhr mit dem Höchststand gerechnet, in Hamburg zwischen 2 und 3 Uhr.

Der Chef des Bundesamtes für Katastrophenhilfe, Christoph Unger, rief zur Vorsorge auf. "Jeder einzelne von uns kann sich vorbereiten, sein Verhalten darauf einstellen", mahnte er im Nachrichtensender N24. Polizei, Feuerwehren und Innenministerien rieten bundesweit dazu, zumindest zur Hochzeit des Sturms zu Hause zu bleiben. Sie warnten vor umstürzenden Bäumen, herumfliegenden Gegenständen und Hochwasser. In Hessen, Nordrhein-Westfalen und Berlin ließen Schulen Kinder und Jugendliche frühzeitig nach Hause.

dab/Reuters/AP/dpa/AFP



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