Orkantief über Westeuropa "Xynthia" fordert mehr als 50 Todesopfer

Zahlreiche Tote, Schäden in Millionenhöhe, Verkehrschaos - mit Geschwindigkeiten von bis zu 166 Stundenkilometern fegte Tief "Xynthia" über Westeuropa hinweg. Die Aufräumarbeiten in Deutschland laufen auf Hochtouren, langsam normalisiert sich die Lage.


Hamburg/Frankfurt am Main - Das Orkantief "Xynthia" hat am Sonntag eine Schneise der Verwüstung durch Westeuropa gezogen und mindestens 54 Todesopfer gefordert. Allein in Frankreich kamen 45 Menschen an der Atlantikküste ums Leben, teilte das Innenministerium nach einer Krisensitzung am Sonntagabend mit. Die meisten wurden Opfer der schweren Überschwemmungen in der Region.

Während Rettungskräfte die Bergungsarbeiten fortsetzten, wurde Präsident Nicolas Sarkozy am späten Vormittag an der Atlantikküste erwartet. Allein im Département Vendée kamen mindestens 29 Menschen ums Leben. Die Regierung will den Notstand ausrufen, auch, weil dadurch Entschädigungen durch die Versicherungen erleichtert werden. Am Morgen war noch immer eine halbe Million Haushalte ohne Strom. Europa-Staatssekretär Pierre Lellouche will in Brüssel um Unterstützung aus der Solidaritätskasse bitten.

In Deutschland wütete der Orkan am heftigsten in Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Bundesweit waren mindestens fünf Tote zu beklagen. Der Sturm richtete Millionenschäden an.

Im südhessischen Biblis wurde ein Zweijähriger in einen Fluss geweht und konnte nur noch tot geborgen werden. Im Schwarzwald kam ein 74-jähriger Autofahrer ums Leben, bei Wiesbaden ein 69 Jahre alter Wanderer. In Nordrhein-Westfalen starben eine Joggerin und eine Autofahrerin.

"Xynthia" sei ein Sturmtief, "wie man es nicht jedes Jahr hat", sagte Meteorologe Peter Hartmann vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Die höchste Windgeschwindigkeit in Deutschland wurde nach DWD-Angaben mit 166 Kilometern pro Stunde am 557 Meter hohen Weinbiet bei Neustadt/Weinstraße (Rheinland-Pfalz) gemessen.

Schwere Verkehrsbehinderungen in Niedersachsen

Auch in der Nacht zum Montag sorgte "Xynthia" noch für schwere Verkehrsbehinderungen, vor allem Niedersachsen war betroffen. Im Harz musste nach Polizeiangaben die Bundesstraße 27 zwischen Bad Lauterberg und Braunlage wegen umgestürzter Bäume gesperrt werden. Zwei weitere Bundesstraßen und eine Kreisstraße im Harz sind wegen der Sturmschäden voraussichtlich erst am Vormittag wieder passierbar.

Auch im Raum Göttingen waren Polizei und Feuerwehr im Dauereinsatz. Aufgrund von umherfliegenden Trümmern, Verkehrsschildern und entwurzelter Bäume musste die B27 zwischen Elbergötzen und Göttingen abgeriegelt werden. In Hannover stürzte ein Baum auf ein Haus, der mit einem Kran entfernt werden musste. Auch hielten die Dächer einiger Häuser den Sturmböen nicht stand. Wegen des Unwetters fuhren Polizei und Feuerwehr in Hannover über 100 Einsätze.

Trotz schlimmster Erwartungen blieb Mecklenburg-Vorpommern von dem Sturm verschont. Bei heftigem Wind und Sturmböen wurden in der Nacht zum Montag lediglich abgeknickte Äste registriert, verletzt wurde nach Angaben der Polizei in Schwerin niemand. Der Bahnverkehr wird allerdings von den Folgen des Sturms beeinträchtigt, weil sich nach Angaben der Deutschen Bahn die Probleme im Westen Deutschlands auch auf die anderen Regionen auswirken. Es könne zu Verspätungen kommen. Während der Wind kein großes Problem mehr darstellte, meldete sich jedoch der Winter zurück: Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt schneite es.

Die ersten Züge fahren wieder

Die Lage auf den Schienen entspannt sich langsam. Wie die Bundespolizei mitteilte, rollt der Bahnverkehr nach den Turbulenzen am Sonntag nahezu wieder planmäßig. Es komme lediglich zu einigen Verspätungen.

Nachdem der Schienenverkehr in Nordrhein-Westfalen wegen des Orkantiefs am Sonntag komplett stillgestanden hatte, nahm die Bahn am Montagmorgen langsam wieder den Betrieb auf. Auch im Saarland und in Rheinland-Pfalz kontrollierte die Bahn laut einem Sprecher in der Nacht zum Montag, auf welchen Strecken ein problemloser Betrieb möglich ist. Der regionale Verkehr war in beiden Ländern aus Sicherheitsgründen eingestellt worden.

Die Deutsche Bahn AG hat diese Entscheidung am Montag verteidigt. Die Politik der Bahn, im Vorgriff auf den Sturmverlauf den Regional- und Fernverkehr in bestimmten Regionen aus Sicherheitsgründen vorsorglich vorübergehend einzustellen, habe sich als richtig und weitblickend erwiesen, sagte ein Sprecher am Montag. Ebenfalls seien die Geschwindigkeiten im Fernverkehr teilweise reduziert worden. "Die Sicherheit unserer Passagiere und Mitarbeiter hatte zu jedem Zeitpunkt höchste Priorität."

Auch im Flugverkehr müssen Reisende mit Einschränkungen rechnen. "Bis es wieder zum Normalbetrieb kommt, dauert es eine Weile", sagte eine Sprecherin des Flughafens von Frankfurt am Main am Montagmorgen. Bei den ersten Flügen habe es Verspätungen bis zu einer Stunde gegeben. Wegen "Xynthia" mussten den Angaben zufolge am Sonntag in Frankfurt am Main gut 250 Flüge komplett gestrichen werden.

Aufräumarbeiten im Südwesten Deutschlands

In den anderen Bundesländern hat "Xynthia" mittlerweile deutlich an Kraft verloren. Nach Mitternacht gingen bei den Polizeistationen keine größeren Schadensmeldungen oder Notrufe mehr ein, sagten die Sprecher übereinstimmend.

Ein Sprecher des Lagezentrums beim rheinland-pfälzischen Innenministerium in Mainz sagte: "Die Aufräumarbeiten sind im Gange, beziehungsweise sie sind in der Dunkelheit unterbrochen worden." Sie gingen am Montag weiter und würden wohl auch in den kommenden Tagen andauern. "Hier ist mittlerweile alles in Ordnung", sagte ein Sprecher des Lagezentrums in Saarbrücken am Montagmorgen.

Die Sperrung der Autobahn 3 bei Frankfurt am Main ist mittlerweile wieder aufgehoben. Die A3 wurde aufgrund des extrem starken Windes am Sonntagnachmittag aus Sicherheitsgründen abgeriegelt. Im gesamten Bundesgebiet sind Polizeiangaben zufolge mittlerweile nur noch kleinere Straßen gesperrt, Autobahnen und Bundesstraßen sind in fast allen Regionen geräumt und freigegeben.

EU will Sturmopfern helfen

Die Europäische Union kündigte Unterstützung für die Opfer des schweren Sturms "Xynthia" an. Die EU-Kommission werde Hilfe für die am meisten betroffenen Länder prüfen, erklärte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso am Sonntagabend in Brüssel. Er bekundete seine Anteilnahme und seine Solidarität mit den Opfern.

EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek erklärte, es seien Zahlungen aus dem EU-Solidaritätsfonds möglich, mit denen ein Teil der Wiederaufbaumaßnahmen finanziert werden könnte. Das Parlament werde über derartige Anträge auf Hilfe rasch entscheiden. Seine Solidarität gelte allen Opfern, vor allem aber jenen in den besonders schwer getroffenen Teilen Frankreichs.

ala/dpa/ddp

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