Orkantief "Xynthia" Frankreich rüstet sich für neues Hochwasser

Nirgends wütete Orkantief "Xynthia" so verheerend wie in Frankreich - Dutzende Menschen starben. Präsident Sarkozy reiste ins Katastrophengebiet, Politiker kritisieren mangelnden Deichbau und überzogene Urbanisierung an der Küste. Am Nachmittag droht neues Hochwasser.

AFP

Aus Brest berichtet


Mehr als 50 Tote, mindestens ein Dutzend Vermisste und Schäden in Millionenhöhe zwischen Normandie, Bretagne und der Gascogne: Die verheerenden Fluten, die in der Nacht zwischen Samstag und Sonntag Frankreich heimsuchten, waren nicht so heftig wie die Katastrophe von 1999, aber gewiss genauso mörderisch. Das Innenministerium beziffert die Zahl der Toten zurzeit auf 47 - da noch nicht alle Opfer geborgen wurden, dürfte diese Zahl noch steigen.

Mit Windgeschwindigkeiten von knapp 200 Kilometern sorgte "Xynthia" vor allem entlang den Küsten der Departements Vendée und Charente Maritime für Deichbrüche und Überschwemmungen, unterbrach Stromversorgung und Eisenbahnverbindungen; in La Rochelle wurde die Altstadt überflutet, der Sturm spülte im Hafen Yachten auf die Kaianlagen. Die Insel Ré war bisweilen in drei Eilande aufgeteilt, ganze Landstriche blieben über Stunden vom Hinterland abgeschnitten.

In L'Aiguillion-sur-mer (Vendée) wurden Straßenzüge aufgerissen, in La Faute-sur-Mer standen ganze Feriensiedlungen unter Wasser. Der Sturm fegte Dächer und Bäume weg, sorgte für Kurzschlüsse bei den Überlandleitungen und Umspannanlagen. Noch sind 500.000 Franzosen ohne Elektrizität, bis Mittwoch soll die Stromversorgung wieder ganz hergestellt sein. "Eine nationale Katastrophe", stellte Ministerpräsident Francois Fillion erschüttert fest.

9500 Helfer sind im Einsatz

Das Wasser kam bisweilen so schnell, dass Einwohner im Schlaf von den Fluten überrascht wurden. "Ich habe es glucksen hören", sagte eine 82-Jährige aus L'Aiguillion, "und als ich die Beine aus dem Bett schwang, hatte ich nasse Füße - bis zu den Knöcheln." Die Dame wurde kurz darauf per Hubschrauber gerettet, andere Menschen flüchteten auf Dachböden, um auf den Firsten die Hilfe von Feuerwehr und Gendarmerie abzuwarten.

Die Sturmopfer wurden bei Nachbarn, ihren Familie oder in Schulen und requirierten Hotels untergebracht, durchweg gelobt wurde der rasche solidarische Einsatz von Freiwilligen, örtlichen Ämtern und Rotem Kreuz. Insgesamt, so Innenminister Brice Hortefeux, sind 9500 Helfer im Einsatz, doch noch immer sind nicht alle überfluteten Häuser auf mögliche Opfer untersucht.

Während Behörden und Versicherungen sich daran machen, die Schäden aufzunehmen und zu beziffern und das Wirtschaftsministerium zehn Millionen Euro für betroffene Firmen versprach, begann bereits die Debatte über Ursachen und Folgen des Jahrhundertunwetters, vor dem das Wetteramt drei Tage zuvor gewarnt hatte.

"Ist es vernünftig, wenn Häuser in Hochwassergegenden gebaut werden?"

Für das denn doch überraschende Ausmaß des Desasters war laut Meteorologen das Zusammentreffen von drei Umständen maßgeblich: ein Tiefdruckgebiet mit außergewöhnlichen Windgeschwindigkeiten, das von Spanien zur Biskaya zog, eine Hochflut mit extremem Wasserstand über Normal und dazu Starkregen, der etwa im Nord-Finistère den Fluss Trieux über die Ufer treten ließ und den Hafen Guingamp überflutete.

Doch auch der Eingriff des Menschen in die Natur ist mit schuld an den tödlichen Folgen des Desasters. Nicht nur vernachlässigter Deichbau wird angemahnt, sondern auch politische Verantwortung für eine übertriebene Urbanisierung der Küstengegend: "Im Moment hat die Solidarität den Vorrang", sagt der Ratspräsident der Region Vendée, Philippe de Villiers, "aber man muss sich fragen, ob es vernünftig ist, wenn Häuser in Gegenden gebaut werden, die von Hochwasser bedroht sind."

Präsident Sarkozy versprach bei einem Besuch in L'Aiguillon-sur-Mer eine Soforthilfe von drei Millionen Euro für die besonders betroffenen Regionen. Da rüsteten sich die Behörden schon für ein neues Ansteigen der Wassermassen: Für Montagnachmittag ist eine Hochflut angesagt mit einem Koeffizienten noch über dem der Katastrophennacht vom vergangenen Samstag - mit glücklicherweise weit geringeren Windstärken.



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