Oscar-Aftershow-Planerin "Wer sich daneben benimmt, fliegt raus"

Cheryl Cecchetto schmeißt seit 26 Jahren die größte Party in Hollywood, die After-Gala der Oscars. Hier erklärt sie, wie sie die Nerven behält, wenn 1500 Promis vor der Tür stehen - und warum sie nie wieder mit Koi-Karpfen arbeiten wird.

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Aus Los Angeles berichtet


SPIEGEL ONLINE: Mrs. Cecchetto, spielen wir doch den Abend einmal durch. Die Gäste trudeln nach der Verleihung ein…

Cecchetto: …und wollen erst einmal ankommen. Das ist die erste halbe Stunde, sie wollen einen Drink, sie wollen ein bisschen Hintergrundmusik. In der nächsten halben Stunde bekommen sie Hunger. Sie haben stundenlang nichts gegessen und den ganzen Tag für den roten Teppich gearbeitet. Wir schicken dann die Kellner mit dem Essen raus, die in der Menge ihre Runden drehen. Dann wartet man eine knappe Stunde und fährt das Unterhaltungsprogramm auf, bei dem sich die Leute entscheiden zu bleiben. Gute Musik in Kombination mit den Stars - das zieht immer.

SPIEGEL ONLINE: Sie organisieren den Governors Ball jetzt zum 26. Mal. Was hat sich verändert?

Cecchetto: Früher gab es einfach Tische, Kerzen und Blumen. Aber niemand will sich heutzutage noch an eine Tafel setzen und 250 Gramm von irgendeinem Fleisch essen. Es ist nicht mehr nur eine Party, es ist Entertainment.

SPIEGEL ONLINE: Hier sieht es aber eher nach Keller als nach glamouröser Feierei aus. Es ist düster, auf dem Teppich klebt Folie und an den Wänden - sind das Ziegel?

Cecchetto: Das muss so, unser Motto ist der Speakeasy (so wurden Kneipen während der Prohibition genannt - d. Red.), Vintage, altes Hollywood. Es ist eine Inszenierung, es geht zu wie am Filmset.

Modell-Ecke: So soll er einmal aussehen, der Keller für die Stars
Aaron Poole/ ©A.M.P.A.S.

Modell-Ecke: So soll er einmal aussehen, der Keller für die Stars

SPIEGEL ONLINE: Nur dass Sie alles mit einer Klappe abdrehen müssen. Schon mal etwas schiefgelaufen?

Cecchetto: 2002, wir waren gerade ins Kodak-Theater umgezogen, hatten wir einen Stromausfall. Es waren die längsten sieben Minuten meines Lebens. Diese grässlichen Fluoreszenzlichter gingen an. Außerdem hatte ich als Deko riesige Aquarien über den Tischen anbringen lassen und mit Koi-Karpfen bestückt. Ich hatte das alles vorher überprüft, aber 20 Minuten bevor die Gäste kamen, fingen die Biester an zu springen. Ich musste sie loswerden. Wir haben sie ins Büro verfrachtet. Das war wirklich ein nervenaufreibender Abend.

SPIEGEL ONLINE: Wie bleiben Sie bei so was locker?

Cecchetto: Man darf nicht an das große Ganze denken, sondern muss einen Schritt nach dem anderen machen. Das habe ich mittlerweile gelernt: Nach 25 Jahren bin ich nicht mehr überfordert, wenn plötzlich 1500 Gäste in der Tür stehen.

SPIEGEL ONLINE: Was kostet Sie jedes Jahr am meisten Nerven?

Cecchetto: Das Wetter!

SPIEGEL ONLINE: Ist es in Kalifornien nicht immer sonnig?

Cecchetto: Oh mein Gott, nein! In den vergangenen Jahren war es abends eiskalt. Letztes Jahr gab es einen üblen Sturm, der uns die ganze Terrasse kaputtgemacht hat. Ich musste kurzfristig alles neu machen lassen. Dieses Jahr müssen wir uns darum ausnahmsweise nicht sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den Sonderwünschen der Stars? Für Jack Nicholson soll angeblich immer ein Brathähnchen bereitstehen.

Cecchetto: Wir haben alles, was für die Allergiker und die Veganer, glutenfrei. Außerdem haben wir natürlich ein Notfall-Kit.

SPIEGEL ONLINE: Falls mal jemandem die Strumpfhose reißt?

Cecchetto: Oder ein Absatz abbricht. Nähzeug, Reißverschlüsse, Klebestreifen, Schuhe - ich habe den Leuten schon die Träger wieder am Kleid festgenäht. Ich kann Ihnen da keine Namen nennen. Aber es passiert wirklich oft etwas.

Cheryl Cecchetto: "Wer sich total daneben benimmt, fliegt raus"
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Cheryl Cecchetto: "Wer sich total daneben benimmt, fliegt raus"

SPIEGEL ONLINE: Wenn ein Gast anfängt zu pöbeln, was machen Sie dann?

Cecchetto: Wir haben da unsere Möglichkeiten. Wer sich besäuft, dem drehen wir den Hahn zu und bringen ihn nach Hause. Wer sich total daneben benimmt, fliegt raus. Wir haben einen ziemlich guten Sicherheitsdienst.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird man die bekannteste Gastgeberin Hollywoods?

Cecchetto: Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden, aber dann habe ich gemerkt, dass ich das echt gut kann: Events planen. Ich bin Kanadierin, wir machen uns gerne nützlich. Ich habe schon als Teenager im Restaurant meines Onkels geholfen, später war ich Assistentin von Shelley Winters.

SPIEGEL ONLINE: Der zweifachen Oscarpreisträgerin?

Cecchetto: Ja, von ihr habe ich viel gelernt. Für sie war das Glas immer halbvoll, sie war kontaktfreudig - was noch eine Untertreibung ist - und es hat mich beeindruckt, wie sie ihr Leben gemanagt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst in Zeiten der Wirtschaftskrise diese riesige Party geschmissen. Die Leute haben Ihnen damals Verschwendung vorgeworfen.

Cecchetto: Die Academy hat diese Veranstaltung nie abgesagt. Und ganz ehrlich: An der Produktion und der Verleihung sind rund zehntausend Leute beteiligt. Sollen wir die alle auf die Straße setzen? Man will doch Jobs erhalten.

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Hochbeet 18.02.2015
1. Hollywood
ist eine der wichtigsten Wirtschaftsbranchen und Exportartikel der USA. Wer jemals in L.A. auf einer Party war, begreift einen Teil dieser Industrie. Träume verkaufen ist harte und gute Arbeit.
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