Osterbotschaft in Rom Kardinal wirft Kirchenkritikern "Geschwätz" vor

Der Papst spendete den Segen "Urbi et Orbi", ging über die Missbrauchsskandale hinweg - und doch verlief die Ostermesse auf dem Petersplatz anders als je zuvor. Zum ersten Mal wandte sich ein Kardinal vor allen Gläubigen direkt an den Papst. Und tat Kritik an der Kirche brüsk als unbedeutend ab.

dpa

Rom - Jedes Jahr zu Ostern blicken Katholiken aus aller Welt nach Rom, warten auf die Botschaft und den Segen des Papstes. In diesem Jahr wurde die Predigt von Benedikt XVI. mit besonderer Spannung erwartet - schließlich steckt die katholische Kirche in einer ihrer schwersten Krisen, seitdem in zahlreichen Ländern, darunter auch in Deutschland, immer mehr Vorwürfe der Misshandlung und des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kirchenvertreter laut werden.

Die Osterbotschaft wäre eine Gelegenheit gewesen, Stellung zu beziehen - doch der Papst ging nicht auf den Skandal ein.

Benedikt XVI. rief zu Frieden und Eintracht in einer von Gewalt, Diskriminierung und Terror geprägten Welt auf. Die ganze Menschheit müsse die sich ausbreitende "Kultur des Todes" überwinden, um eine Zukunft der Liebe und Wahrheit aufzubauen, in der jedes menschliche Leben geachtet und aufgenommen werde, verlangte Benedikt.

Auf dem festlich geschmückten Petersplatz forderte er vor Zehntausenden von Gläubigen die Menschen zu einer geistigen und moralischen Umkehr auf.

Doch eines war anders in diesem Jahr: In einem vom Kirchenprotokoll abweichenden Schritt stellte sich der Dekan des Kardinalskollegiums, Angelo Sodano, ausdrücklich hinter den Papst, der wegen des Skandals mehrfach persönlich angegriffen worden war. "Heiliger Vater, das Volk Gottes ist mit dir und wird sich nicht von dem unbedeutenden Geschwätz dieser Tage beeinflussen lassen", sagte der Kardinal dem Papst.

Sodano lobte Benedikt als "unfehlbaren Felsen der Heiligen christlichen Kirche" und wünschte dem müde wirkenden Kirchenoberhaupt fröhliche Ostern. Der Papst verfolgte die Rede vom Balkon des Petersdoms aus, ein Baldachin schützte ihn vor dem leichten Regen. Niemals zuvor war eine Ostermesse auf dem Petersplatz mit einer solchen Botschaft an den Papst eröffnet worden.

Papst beklagte Gewalt und Spannungen

Höhepunkt der Messe war der abschließende Segen "Urbi et Orbi", den Benedikt XVI. in 65 Sprachen erteilte. Auf Deutsch sagte er: "Euch allen ein gesegnetes und frohes Osterfest! Der Friede und die Freude des auferstandenen Herrn sei mit Euch."

Die Menschheit brauche das Heil des Evangeliums, "um aus einer Krise herauszukommen, die tief ist und als solche tiefe Veränderungen verlangt", sagte das knapp 83-jährige Kirchenoberhaupt. Er beklagte nachdrücklich die Gewalt und die Spannungen im Heiligen Land und in mehreren afrikanischen Ländern, die weiter zerstört würden und leiden müssten. Den von Terrorismus und sozialen oder religiösen Diskriminierungen betroffenen Ländern wünschte der Papst die Kraft, "Wege des Dialogs und des friedvollen Zusammenlebens einzuschlagen".

Der Papst hat sich seit seinem Hirtenbrief an die Gläubigen in Irland vom 20. März nicht mehr explizit zum Missbrauchsskandal geäußert. Die Vatikan-Zeitung "L'Osservatore Romano" sprach am Samstag von einer "abscheulichen Diffamierungskampagne" gegen den Papst und zitierte aus Solidaritätsadressen von Bischöfen aus aller Welt.

In Großbritannien wächst unterdessen der Widerstand gegen einen geplanten Besuch des Papstes. Mehr als 10.000 Menschen unterzeichneten auf der Website der Downing Street eine Petition gegen die viertägige Reise im September.

Deutsche Bischöfe fordern Läuterung und Buße

In Deutschland gingen hingegen mehrere Bischöfe in ihren Osterpredigten auf den Missbrauchsskandal ein. Der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen fordert eine gründliche Aufarbeitung der Missbrauchsfälle unter dem Dach der katholischen Kirche. "Notwendig sind nun das Öffnen der Wunden, deren gründliche Reinigung, Läuterung und Buße", sagte er laut einer vorab verbreiteten Mitteilung in seiner Osterpredigt.

Der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle macht auf eine wachsende Verzweiflung in der katholischen Kirche aufmerksam. "Das Kreuz der eigenen Schuld und des eigenen Versagens lastet auf uns. Die Nachrichten von Fällen des Missbrauchs wollen nicht abreißen", sagte Trelle laut seinem vorab verbreiteten Redemanuskript. Vielen in der Kirche gelinge es kaum noch, Licht am Ende eines langen Tunnels zu sehen.

Bischof Walter Mixa, gegen den Prügel-Vorwürfe erhoben worden waren, ging darauf in seiner Predigt mit keinem Wort ein. Er verurteilte lediglich die bekannt gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Geistliche. Es müsse deswegen Buße getan werden, mahnte Mixa. "Wie eine Bleidecke" belaste die Situation gegenwärtig die Kirche.

siu/dpa/apn

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Seite 1
Güllu, 01.04.2010
1.
Entschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Markus Heid, 01.04.2010
2.
Zitat von GülluEntschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Jupp, und die Anwälte des Vatikans haben sich schon eine Verteidigungsstrategie zurechtgelegt: Der Papst genießt als Staatsoberhaupt (eines diktatorischen Theokratie) natürlich Immunität. Und US-Bischöfe sind in Wahrheit keine Angestellte der katholischen Kirche. Was mich aber mehr verwundert, ist, dass der Papst überhaupt Anwälte notwendig hat. Der hat doch angeblich so einen guten Draht nach oben und Anwälte werden doch generell eher mit dem Ewigen Widersacher in Verbindung gebracht.
kyon 01.04.2010
3. Nanoeffekt
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Zu abgehoben, zu entrueckt! Sich fuer unfehlbar haltende Leute halten Vorwuerfe aus der normal-menschlichen Zeit wahrscheinlich fuer eine Zumutung,die an ihnen abperlen wie bei einem Nanoeffekt! Also keine Chance!
Fassungsloser 01.04.2010
4. Jaja
Der Papst sollte barfuß nach Hamburg reisen und sich dort in den Staub werfen... Nächste Frage: Sollten Journalisten lernen, zwischen Religion und Politik unterscheiden zu lernen?
Klo, 01.04.2010
5. Unahltbar
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Wenn er noch einen Funken Ehre besitzt, dann entschuldigt er sich für alle Taten im Namen der Kirche und tritt dann von seinem Amt zurück, um sich in eine Einsiedelei in den Abruzzen zurückzuziehen. Alles andere ist nicht zielführend. Als Papst ist er nicht mehr haltbar.
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