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Ostermesse: Vatikan-Botschaft vergrätzt Kirchenopfer

Der Papst schweigt zum Missbrauch, ein Kardinal tut Kritik als "Geschwätz" ab: Die Osterbotschaft im Vatikan hat viele Gläubige enttäuscht, andere empört. Ein Opferverband verurteilt die Ansprache als Beleidigung. In Großbritannien mobilisieren Tausende im Internet gegen einen Besuch von Benedikt XVI.

Ostern 2010: Vatikan weicht vom Protokoll ab Fotos
REUTERS

London - Die katholische Kirche steckt in einer ihrer schwersten Krisen - und die Osterbotschaft von Papst Benedikt XVI. hat nichts zur Lösung beigetragen. Eher im Gegenteil. Während das Kirchenoberhaupt zu dem Skandal um Misshandlungen und sexuellen Missbrauch schwieg, griff der Vatikan zu einer bisher nicht vorgekommenen Maßnahme: Er wich überraschend vom üblichen Ablauf der Ostermesse ab, um die Kritik im Zuge des Missbrauchsskandals als belanglos zurückzuweisen.

Zum Auftakt des Gottesdienstes ergriff der Vorsitzende des Kardinalskollegiums am Sonntag vor Zehntausenden Gläubigen das Wort und erklärte demonstrativ, Benedikt XVI. könne sich des Rückhalts der Gemeinde sicher sein. "Heiliger Vater, das Volk Gottes ist mit dir und wird sich nicht von dem unbedeutenden Geschwätz dieser Tage beeinflussen lassen", sagte Kardinal Angelo Sodano dem Papst. Die Kardinäle, Kurienmitarbeiter und Bischöfe weltweit stünden hinter ihm, vor allem aber die "400.000 Priester, die großherzig dem Volk Gottes dienen".

Der Papst selber erteilte vom Balkon des Petersdoms den traditionellen Ostersegen "Urbi et Orbi", mahnte in seiner Osterbotschaft eine "geistige und moralische" Umkehr an und sprach diverse politische Konflikte an, aber nicht die Probleme in seinem eigenen Machtbereich.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Die Leiterin des US-Opferverbands SNAP bezeichnete Sodanos Rede als beleidigend. "Den Opfern geht es um Trost und Heilung, sie sollten nicht beleidigt und ihre Aussagen nicht als 'unbedeutendes Geschwätz' abgetan werden", so Barbara Blaine. "Der Papst hat gesagt, die Wahrheit solle ans Licht gebracht werden - was denn nun?"

Nach Angaben von Vatikanexperten hat eine Ostermesse auf dem Petersplatz noch nie mit einem derartigen Grußwort begonnen. Beobachter interpretierten dies als eindeutigen Versuch der Klarstellung, dass lediglich eine kleine Minderheit Kinder missbraucht habe.

Der ungewöhnliche Auftritt Sodanos zeigt, wie sehr der Vatikan den Druck durch den Skandal spürt. Der Vatikan hat zuletzt mehrfach die Medien wegen ihrer Berichterstattung über den Missbrauchsskandal kritisiert. So hieß es in der Zeitung des Kirchenstaats am Samstag, der Papst sei Ziel einer "verabscheuungswürdigen Verleumdungskampagne" geworden.

Britische Anwälte wollen Papst zur Verantwortung ziehen

In zahlreichen Ländern, darunter auch Deutschland, werden immer mehr Vorwürfe der Misshandlung und des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kirchenvertreter laut. Auch Benedikt wird zunehmend kritisiert: Zahlreiche Katholiken erwarten von ihrem Kirchenoberhaupt eine Stellungnahme.

Besonders starken Gegenwind bekommt der Papst zurzeit aus Großbritannien: Mehr als 10.000 Menschen unterzeichneten auf der Website der Downing Street eine Petition gegen eine für September geplante Reise des Kirchenoberhaupts. Der viertägige Besuch in England und Schottland soll die Steuerzahler schätzungsweise 15 Millionen Pfund kosten.

Noch härtere Bandagen zieht eine Gruppe britischer Anwälte auf. Sie prüft, ob der Papst tatsächlich Anrecht auf die Immunität eines Staatsoberhaupts hat oder nicht doch nach dem Weltrechtsprinzip verfolgt werden könnte - wegen des angeblichen Vertuschens von sexuellem Missbrauch durch Priester.

"Der Papst war nicht klar genug"

Der Skandal hat die Osterfeiern von Katholiken weltweit überschattet. Der Bürgermeister von Bethlehem forderte eine deutliche Stellungnahme des Papstes. "Seine Heiligkeit sollte eine direkte Antwort auf all diese Taten einiger Priester der katholischen Kirche geben", sagte Victor Batarseh. Die Kirchenmitglieder seien beschämt über die Missbrauchsvorwürfe.

Auch ein Pilger aus der Schweiz, der zur Ostersonntagsmesse nach Bethlehem in die Geburtskirche gekommen war, sieht Benedikt XVI. in der Verantwortung: "Der Papst war nach meiner Ansicht bisher nicht klar genug mit einer Verurteilung des sexuellen Missbrauchs."

Auch in Brasilien wurden kritische Stimmen laut. "Der Papst muss dieses Problem lösen", sagte Miriana Lima auf dem Weg in die Kathedrale von Sao Paulo. "Die Kirche wurde davon zutiefst erschüttert."

Eine pensionierte Lehrerin aus Warschau sieht die gesamte katholische Kirche in der Verantwortung. "Die Kirche muss diese Fälle klar verurteilen, zeigen, wie sehr sie die Verfehlungen bedauert und versprechen, alles zu tun, damit so etwas nie wieder passiert", sagte die 55-jährige Anna Boetzel. Sie sei sehr enttäuscht und geschockt, plane aber nicht auszutreten.

Ein New Yorker Katholik brachte seine Betroffenheit vor der Kathedrale St. Patrick's zum Ausdruck. "Mein Vertrauen ist erschüttert, weil sie nicht alles tun, was nötig ist", sagte der 57-Jährige, der nicht namentlich genannt werden wollte. "Ich glaube aber, dass sich jetzt langsam etwas bewegt."

siu/AP/dpa/Reuters

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Forum - Wie soll der Papst mit den Vorwürfen umgehen?
insgesamt 4046 Beiträge
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1.
Güllu, 01.04.2010
Entschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
2.
Markus Heid, 01.04.2010
Zitat von GülluEntschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Jupp, und die Anwälte des Vatikans haben sich schon eine Verteidigungsstrategie zurechtgelegt: Der Papst genießt als Staatsoberhaupt (eines diktatorischen Theokratie) natürlich Immunität. Und US-Bischöfe sind in Wahrheit keine Angestellte der katholischen Kirche. Was mich aber mehr verwundert, ist, dass der Papst überhaupt Anwälte notwendig hat. Der hat doch angeblich so einen guten Draht nach oben und Anwälte werden doch generell eher mit dem Ewigen Widersacher in Verbindung gebracht.
3. Nanoeffekt
kyon 01.04.2010
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Zu abgehoben, zu entrueckt! Sich fuer unfehlbar haltende Leute halten Vorwuerfe aus der normal-menschlichen Zeit wahrscheinlich fuer eine Zumutung,die an ihnen abperlen wie bei einem Nanoeffekt! Also keine Chance!
4. Jaja
Fassungsloser 01.04.2010
Der Papst sollte barfuß nach Hamburg reisen und sich dort in den Staub werfen... Nächste Frage: Sollten Journalisten lernen, zwischen Religion und Politik unterscheiden zu lernen?
5. Unahltbar
Klo, 01.04.2010
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Wenn er noch einen Funken Ehre besitzt, dann entschuldigt er sich für alle Taten im Namen der Kirche und tritt dann von seinem Amt zurück, um sich in eine Einsiedelei in den Abruzzen zurückzuziehen. Alles andere ist nicht zielführend. Als Papst ist er nicht mehr haltbar.
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Merkel zum Missbrauch
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"Ein verabscheuungswürdiges Verbrechen"
"Ich glaube, wir sind uns alle einig: Sexueller Missbrauch an Kindern und an Schutzbefohlenen ist ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Und es gibt nur eine Möglichkeit, dass unsere Gesellschaft mit diesen Fällen klar kommt, und das heißt Wahrheit und Klarheit über alles, was passiert ist. Ich glaube, jedem ist bewusst, dass die Menschen, die so etwas erlebt haben, dass deren Leben einfach anders verläuft, als wenn sie das in jungen Jahren nicht erlebt hätten. Das begleitet sie ein ganzes Leben. Und völlige Wiedergutmachung wird und kann es nicht geben.

Ich sage auch: Es hat jetzt keinen Sinn, auch wenn uns die ersten Fälle aus dem katholischen Bereich zu Ohren gekommen sind, es hat keinen Sinn, es auf eine Gruppe zu beschränken. Es ist etwas, was sich in vielen Bereichen der Gesellschaft ereignet hat, und es ist vor allen Dingen auch etwas, was sich heute teilweise in anderer Form, aber mit gleichen Folgen, weiter ereignet. Deshalb bin ich froh, dass die drei Ministerinnen, Frau Leutheusser-Schnarrenberger, Kristina Schröder und Annette Schavan, gemeinsam ein Gesprächsforum bilden mit den Betroffenen, mit denen, aus denen auch diese Fälle bekanntwerden, und dass man sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft blickt.

Aber lassen Sie uns die Sache nicht zu einfach machen. Man muss über Verjährung sprechen, man kann über Entschädigung sprechen, aber insgesamt kommt es darauf an, und das ist eine Bewährungsprobe für unsere ganze Gesellschaft, dass Menschen, die so etwas erfahren haben, sich in dieser Gesellschaft wieder anerkannt, aufgehoben fühlen und wenigstens das Stück Wiedergutmachung bekommen, was man im Nachhinein noch schaffen kann."

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Missbrauchsvorwürfe: Odenwaldschule entschuldigt sich bei Missbrauchsopfern | 06.03.2010

Beratungstellen
Polizei
Auf der Seite polizei-beratung.de finden Sie durch Eingabe von Postleitzahl oder Wohnort Polizeiberatungsstellen in Ihrer Nähe.
Nummer gegen Kummer
Wenn Kinder und Jugendliche nicht wissen, an wen sie sich wenden können, hilft eine Telefon-Hotline weiter, die in ganz Deutschland zu erreichen ist - und zwar kostenlos, selbst mit leerer Handy-Karte. Die "Nummer gegen Kummer" lautet 0800-111 0 333. Im Jahr 2008 haben dort rund 3000 Kinder und Jugendliche angerufen, um über sexuellen Missbrauch zu sprechen. Mit den Leuten an der Hotline kann man auch über andere Probleme reden, etwa wenn man Stress mit den Eltern hat.
N.I.N.A. e.V.
Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen (N.I.N.A.)
Hotline: 01805/123465 (montags 9 bis 13 Uhr, dienstags und donnerstags 13 bis 17 Uhr; Anrufe kosten im Festnetz 14 Cent pro Minute)
Steenbeker Weg 151, 24106 Kiel
http://www.nina-info.de/
Zornrot e.V.
Die Beratungsstelle unterstützt Mädchen und Jungen, Frauen und Männer, die direkt oder indirekt von sexualisierter Gewalt betroffen sind.
Hotline: 040/7217363 (montags bis freitags, 10 bis 12 Uhr, freitags auch 16 bis 17 Uhr)
Vierlandenstraße 38, 21029 Hamburg
http://www.zornrot.de/
Katholische Kirche
Bundesweite Telefon-Hotline „Hilfe für Opfer sexuellen Missbrauchs“
Telefon: 0800 120 1000 (kostenfrei), Di, Mi, Do von 13 bis 20.30 Uhr, www.hilfe-missbrauch.de
Odenwaldschule
Die Odenwaldschule hat als externe Ansprechpartnerin die Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller beauftragt.
Telefon: 0611/373258
Spiegelgasse 9, 65183 Wiesbaden
http://www.kanzlei-burgsmueller.de/


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