Osterrituale "Wenn ich ans Kreuz genagelt bin, fühle ich mich so erfrischt"

Sie geißeln ihren Rücken blutig, lassen sich Nägel durch die Hände treiben, hängen in glühender Sonne am Kreuz: Katholiken auf den Philippinen begehen den Karfreitag mit extremen Inszenierungen. Die Kirche wehrt sich gegen das Spektakel, der Staat rät zu Tetanusimpfungen.


Manila - Mehr als zehn Zentimeter ist der Stahlnagel lang, der sich durch Gwendelyn Pedrosas rechte Hand bohrt. Die 18-Jährige ließ sich am Karfreitag in einem Dorf nördlich von Manila ans Kreuz nageln. Wie sie haben sich 29 Freiwillige zu dem blutigen Karfreitagsritual angemeldet. Vor Tausenden Schaulustigen hängen sie wie Jesus am Kreuz, mindestens fünf Minuten lang, in der Sonne, bei Temperaturen von mehr 30 Grad.

Zwei philippinische Städte sind berühmt für diese blutigen Karfreitagsriten: Kapitangan und San Fernando. In San Fernando gibt es inzwischen drei Kreuzigungsstätten. Hier wollten in diesem Jahr 23 Freiwillige, darunter zwei Frauen, den Kreuzweg Jesu nachspielen. Die Stadt förderte das Spektakel laut " Manila Times" mit umgerechnet 3800 Euro. Begründung: Die Tradition locke "Tausende von Touristen" an.

Gekreuzigter: "Ich fühle mich erfrischt"

Zu den ersten Freiwilligen, die sich im Bistum San Fernando ans Kreuz schlagen ließen, gehörte der 37-jährige Fernando Mamangon. "Ich habe 1995 angefangen, mich ans Kreuz nageln zu lassen, weil mein ältester Sohn krank geworden ist und beinahe gestorben ist", sagte Mamangon kurz vor dem schmerzhaften Schauspiel im Dorf Santa Lucia.

Seitdem unterzieht er sich dem Ritual jedes Jahr. Sein ältester Sohn ist zwar wieder gesund, aber jetzt leidet sein fünfjähriger Sohn Alex an einer Magenerkrankung. "Wenn ich ans Kreuz genagelt bin, fühle ich mich so erfrischt, als ob all meine Sünden weggewaschen sind", sagte Mamangon.

In dem Dorf Cutud, nördlich von Manila erklärte 47-jährige Ruben Enaje, bevor er sich zum 22. Mal an Kreuz schlagen ließ: "Es ist schmerzvoll und schwer. Aber ich werde so lange durchhalten, wie ich kann. Das ist mein Versprechen an Gott."

Der Erzbischof von San Fernando, Paciano Aniceto, kritisierte die Kreuzigungen als "Zirkus". Dem katholischen Radiosender Veritas 846 sagte er: "Ich erklärte den Freiwilligen, dass sie ihre Andacht nie für Touristenspektakel nutzen sollten."

Regierung rät: Tetanusspritze vor Geißelung

Vor den Kreuzigungen zogen Freiwillige durch die Städte und geißelten sich mit Bambusstöcken und Peitschen. Der philippinische Gesundheitsminister Francisco Duque hatte in der "Manila Times" vor diesem Ritual gewarnt: "Schmutzige Geißeln können zu Tetanus und anderen Infektionen führen."

Sein Rat an die Freiwilligen: Vor dem Auspeitschen gegen Tetanus impfen lassen und darauf achten, dass die "Geißeln gut gewartet sind". Gegen das Ritual wolle das Ministerium nicht vorgehen, denn, so der Minister: "Es ist eine Art Sühne für manche von uns."

Weltweit gibt es unter Katholiken zum Karfreitag schmerzhafte Rituale. Gläubige gehen den Jesu Leidensweg mit riesigen Kreuzen nach, peinigen sich, indem sie große Holzstapel auf ihrem Rücken tragen.

Papst wäscht zwölf Priestern die Füße

Im Vatikan dagegen begannen die Osterfeierlichkeiten mit der Messe zum Gründonnerstag. Dabei wusch Papst Benedikt XVI. zwölf Priestern die Füße. Damit sollte Demut bekundet werden, wie sie nach christlichem Glauben Jesus seinerzeit seinen zwölf Jüngern erwiesen haben soll. Benedikt XVI. wertete die Fußwaschung als Symbol der Reinigung, das in heutiger Zeit noch genau so große Bedeutung habe wie vor rund 2.000 Jahren.

Die Menschen würden täglich mit vielen Unreinheiten beschmutzt - mit leeren Worten, Vorurteilen und Falschheiten. Die Fußwaschung bedeute auch eine Reinigung der Seele und ein Zeichen der Vergebung. Die Menschen sollten es nicht zulassen, dass gegenseitiger Hass ihre Seelen vergifte, sagte Papst Benedikt XVI.

Am Freitagabend begann am Kolosseum in Rom der traditionelle Kreuzweg. Tausende Menschen versammelten sich bei Fackelschein im Zentrum der Ewigen Stadt, um gemeinsam mit Papst Benedikt XVI. in strömendem Regen an der "Via Crucis" teilzunehmen. Bei Meditationen und Gebeten sollten die 14 Stationen von der Verurteilung Jesu Christi zum Kreuzestod und zur Grablegung nachvollzogen werden. Papst Benedikt XVI. verzichtete entgegen ursprünglichen Plänen jedoch ganz auf das Tragen des Kreuzes. An den letzten drei Stationen wollte der Papst, der im April 81 Jahre alt wird, das Kreuz selbst tragen.

Auch in der Jerusalemer Altstadt haben zehntausende christliche Pilger an der traditionellen Kreuzweg-Prozession teilgenommen. Die Gläubigen aus aller Welt folgten den 14 Stationen der Via Dolorosa und erinnerten an den Leidensweg, den Jesus den Überlieferungen zufolge vor seiner Kreuzigung gegangen war.

lis/AFP/AP/dpa



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