Päpstliches PR-Desaster Warum der Vatikan die Krise nicht beherrscht

Erst der Gnadenerweis für einen Holocaust-Leugner, dann die Ernennung eines Erzkonservativen zum Weihbischof - der Vatikan ist im Erklärungsnotstand. Kirchenführer klagen über die desaströse Informationspolitik - und mangelhaftes Krisenmanagement.

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Hamburg - Wer nach Tagen der Irritationen über den Vatikan, nach mehr als einer Woche heftiger Empörung über die päpstliche Rehabilitierung eines Holocaust-Leugners in Deutschland nach Erklärungen sucht, fragt vergeblich. Selbst bei der direkten Vertretung des Heiligen Stuhls in Berlin, der Apostolischen Nuntiatur. "Wir geben keinerlei Kommentar", heißt es knapp.

Papst Benedikt: Desaströse Informationspolitik im katholischen Kirchenstaat
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Papst Benedikt: Desaströse Informationspolitik im katholischen Kirchenstaat

Offiziell wegen "zu vieler Anfragen". Inoffiziell, erzählt ein Mitarbeiter, weil selbst der päpstliche Botschafter in Deutschland nicht mehr weiß als das, was Presse und Internet verbreiten. "Wir bekommen immer alles als letzte mit", sagt er. Mehr wird zum Fall der umstrittenen Entscheidungen Benedikts aus der Berliner Nuntiatur nicht nach außen dringen.

Die meisten Botschafter des Papstes im Ausland erfuhren von dem Gnadenerweis der vier Traditionalisten-Bischöfe, unter ihnen Richard Williamson, der Gaskammern und Judenmord für einen Irrtum in den Geschichtsbüchern hält, aus den Medien.

Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, klagte vergangene Woche: "Wir wurden nicht gefragt, wir wurden nicht vorab informiert". Der Fall offenbart einmal mehr die desaströse Informationspolitik des katholischen Kirchenstaats.

Pater Eberhard von Gemmingen ist einer der wenigen Kenner des Heiligen Stuhls, der die Angst im Vatikan vor transparentem Arbeiten, vor nachvollziehbaren Entscheidungswegen, offen anspricht. Er leitet die deutsche Sektion bei Radio Vatikan, er lebt in Rom, er hat Papst Benedikt interviewt. "Es gibt de facto kein Krisenmanagement", sagt er, "der Vatikan hat es versäumt, der Welt die Hintergründe der Entscheidung zur Piusbruderschaft zu erklären". Und zwar von Anfang an - denn Gelegenheiten zur Erklärung gab es viele.

Eine "Katastrophe" nennt Eberhard von Gemmingen die Öffentlichkeitsarbeit zum Fall Williamson - sowohl extern als auch intern. Denn die Kommunikationskanäle im Vatikan sind unübersichtlich, die verschiedenen Abteilungen gleichen einer Ansammlung von Fürstentümern, die isoliert voneinander vor sich hinarbeiten. Diesen Eindruck bekommt zumindest der Beobachter.

Niemand sprach mit niemandem

Mehr als absurd mutet etwa die Erklärung von Kardinal Dario Castrillon Hoyos an, der im Interview mit der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" erklärte, ihm seien die kruden Äußerungen Williamsons zum Holocaust nicht bekannt. Und das, obwohl Hoyos als Leiter der Kommission Ecclesia Dei - die zentrale Einrichtung für den Dialog mit den Lefebvre-Bischöfen - freilich am besten über die ultrakonservative Piusbruderschaft Bescheid wissen müsste.

Die zweite Abteilung des Staatssekretariats, die für die Beziehungen der Staaten zuständig ist, habe die antisemitischen Äußerungen von Williamson wahrscheinlich gekannt, sagt der Pfarrer. "Vielleicht hatte diese aber nicht rechtzeitig erfahren, dass Williamsons Exkommunikation zurückgenommen wird". Der päpstliche Rat für die Einheit der Christen, der sich um die Beziehungen zum Judentum kümmert, stehe wiederum kaum mit den katholischen Traditionalisten in Kontakt.

Doch offenbar sprach niemand mit niemandem. "Irgendwo im Vatikan gab es ein Kommunikationsproblem", sagt der Chefredakteur. "Da ist etwas schief gelaufen." Er wirft einigen von Benedikts Beratern "Inkompetenz" vor. "Die Situation ist äußerst unangenehm."

Betrachtet man den zeitlichen Ablauf der Geschehnisse, kann man dem Geistlichen nur Recht geben.

  • Bereits in seiner Ausgabe vom 19. Januar berichtet der SPIEGEL über das Interview Williamsons mit einem schwedischen Fernsehsender ("Ich glaube, es gab keine Gaskammern").
  • Ausgestrahlt wird es zwei Tage später, am 21. Januar. Am selben Tag unterschreibt Benedikts zuständiger Kardinal von der Bischofs-Kongregation, Giovanni Battista Re, die Entscheidung zur Aufhebung der Exkommunikation.
  • Am Donnerstag, 22. Januar, berichtet die italienische Tageszeitung "Il Giornale" über das Dekret.
  • Am Freitag, 23. Januar, meldet die katholische Nachrichtenagentur KNA, die Regensburger Staatsanwaltschaft ermittele gegen Pius-Bischof Williamson wegen Volksverhetzung. Ironischerweise wird diese Meldung noch am selben Tag von Radio Vatikan aufgegriffen, als Nachricht gesendet und auf die eigene Internet-Seite gestellt - spätestens dann hätten die Entscheidungsträger also stutzig werden müssen.
  • Am Samstag, 24. Januar, verkündet der Papst offiziell über seine Pressestelle, die um die Mittagszeit das Dekret veröffentlichte, die Piusbrüderschaft wieder in die katholische Kirche aufnehmen zu wollen.

Bis zu diesem Zeitpunkt erhebt niemand im Vatikan Einspruch. Um Schadensbegrenzung bemühte man sich erst, als es zu spät war. Vatikansprecher Pater Frederico Lombardi erklärte, dass die Aussagen von Bischof Williamson inakzeptabel seien, dass die Aufhebung der Exkommunikation nichts mit dessen antisemitischen Äußerungen zu tun habe. Der Papst verurteilte öffentlich die Leugnung des Holocaust - eine ganze Woche nach Ausstrahlung des Interviews.

"Skandal sondergleichen"

Die Diskussion über die päpstliche Entscheidung läuft derweil weiter auf Hochtouren. In katholischen Foren wie gloria.tv und kathtube.de hagelt es aufgeregte Kommentare. Von einem "Skandal sondergleichen" ist die Rede, und "tiefem Entsetzen". Fast 2500 Einträge fasst am Montagmittag ein Thread zum Thema Williamson.

Und der Vatikan? Bleibt in der Defensive. Auf der offiziellen Seite des Heiligen Stuhls findet sich unter "Aktuelles" kein einziges zur Wort zur Debatte. Der letzte Eintrag vom 24. Januar widmet sich einer Rede Benedikts - ausgerechnet zum Internationalen Tag der Kommunikation. Auch beim sonntäglichen Mittagsgebet auf dem Petersplatz verpasste Benedikt den Befreiungsschlag. Ausführlich sprach er vor mehr als zehntausend Gläubigen über Sterbehilfe. Die Turbulenzen um die Aufhebung der Exkommunikation klammerte er aus.

Klare Kommunikationswege oder ein überzeugendes Krisenmanagement sind auch vier Jahre nach Pontifikatsbeginn offenbar nicht richtig eingespielt. Pater Eberhard von Gemmingen glaubt, dass nur noch "die große Geste, eine donnerndes Fanal des Papstes" den Vatikan vor einem dauerhaften Imageverlust bewahren kann. Das - und ein Strukturwandel in den Entscheidungswegen, "und zwar von Grund auf."

Mitarbeit: Peter Wensierski, Christian Stöcker



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