Pakistan Gericht verurteilt Briten wegen Blasphemie zum Tod

Er bezeichnete sich als Prophet: Ein Gericht in Pakistan hat einen 65-Jährigen zum Tode verurteilt. Der Brite pakistanischer Abstammung gilt als geistig verwirrt.

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Proteste in Pakistan (2011): Todesstrafe wegen Gotteslästerung
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Proteste in Pakistan (2011): Todesstrafe wegen Gotteslästerung


Istanbul/Islamabad - Die Beweismittel sind erdrückend: Mohammed Asghar, nach Angaben seiner Anwälte 65 Jahre alt, hat kaum eine Gelegenheit ausgelassen zu behaupten, er sei ein Prophet. Er hat Briefe geschrieben, darunter an Politiker und Polizisten, in denen er das bekundet. Selbst auf Visitenkarten bezeichnet er sich als Prophet. 2010 wurde er wegen des Vorwurfs der Blasphemie verhaftet und vor Gericht gestellt. Nach Angaben von Staatsanwalt Javed Gul betonte er selbst im Prozess, vor den Augen und Ohren des Richters, er sei ein Gesandter Allahs.

Ein Sondergericht im Hochsicherheitsgefängnis Adiala in der pakistanischen Garnisonsstadt Rawalpindi hat Asghar am Donnerstagabend wegen Blasphemie zum Tode verurteilt. Seine Anwälte hatten als mildernde Umstände angeführt, ihr Mandant sei psychisch krank, man habe bei ihm in England Schizophrenie diagnostiziert. Einen Antrag auf Überprüfung des Falls lehnte das Gericht aber ab.

Nach Angaben seiner Anwälte lebte Asghar, ein britischer Staatsbürger aus Edinburgh mit pakistanischen Wurzeln, seit einiger Zeit wieder in Pakistan. Hier war er in ärztlicher Behandlung, als er die Briefe verfasste. Er habe sie aber nicht abgeschickt. Ein Nachbar, mit dem er sich im Streit befand - angeblich ein Mieter in seinem Haus, den er rauswerfen wollte -, zeigte ihn an, als er die Briefe sah.

Einladung zum Gesetzesmissbrauch

Während des Prozesses wurden Asghars Anwälte auf Anordnung der Richter von ihrer Aufgabe entbunden. Stattdessen bekam der Angeklagte einen Pflichtverteidiger, der darauf verzichtete, auf die geistige Verwirrtheit des Mannes aufmerksam zu machen oder Zeugen zugunsten seines Mandanten zu befragen. Ein vom Gericht in Auftrag gegebenes Gutachten bezeichnete Asghar als gesund.

Die Zahl der Blasphemievorwürfe hat in Pakistan in den vergangenen Jahren zugenommen. Das Gesetz war in den achtziger Jahren vom islamistischen Militärdiktator Zia ul-Haq in der jetzigen Form eingeführt worden. Es ist Teil des Strafgesetzbuches, wonach die Verletzung von religiösen Gefühlen - unabhängig davon, um welche Religion es geht - unter Strafe steht. Der Paragraf 295-C fordert die Todesstrafe bei Beleidigung des Propheten Mohammed.

In der Praxis wird das Gesetz ebenso gegen Muslime angewendet wie gegen Mitglieder religiöser Minderheiten. Es lädt geradezu zum Missbrauch ein und dient oft als Vorwand für persönliche Rache bei Streitereien und zur Diskriminierung von Nichtmuslimen im überwiegend islamischen Pakistan.

Im vergangenen Sommer war ein junger Christ zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil er angeblich gotteslästerliche SMS an islamische Geistliche geschickt hatte. Für weltweite Aufmerksamkeit sorgte im August 2012 ein Fall, in dem einer minderjährigen Christin vorgeworfen wurde, Seiten aus einem Koran-Lehrbuch verbrannt zu haben.

Im Laufe des Prozesses und nach großem öffentlichem Druck stellten sich die Vorwürfe als falsch heraus. Das Mädchen wurde freigesprochen und floh mit seiner Familie nach Kanada, aus Angst vor Lynchjustiz. Seit viereinhalb Jahren sitzt die Christin Asia Bibi in Haft, die im Streit mit ihren muslimischen Kollegen den Propheten Mohammed beleidigt haben soll und deswegen zum Tode verurteilt wurde.

Obwohl das Blasphemiegesetz in Pakistan meist missbraucht wird, traut sich kaum ein Politiker, sich für eine Änderung oder gar eine Abschaffung einzusetzen. Auch Journalisten formulieren etwaige Forderungen sehr vorsichtig. Denn Extremisten drohen jedem, der das tut, mit Gewalt. Zwei Politiker, die sich für eine Freilassung von Asia Bibi einsetzten, wurden ermordet.

Immerhin wurde noch kein einziges Todesurteil wegen Blasphemie vollstreckt. Ohnehin verzichtet Pakistan seit 2008 auf Vollstreckung der Todesstrafe, allerdings wurde im vergangenen Jahr ein wegen Mordes von einem Militärgericht verurteilter Soldat hingerichtet.

Auf einen glimpflichen Ausgang hofft nun auch Mohammed Asghar. Die Anwälte, die das Gericht nicht am Prozess teilhaben ließ, wollen sich weiter für ihn einsetzen. Man werde das Urteil anfechten, teilten sie mit. Ihren Namen wollten sie alle aber nicht genannt wissen - aus Angst vor den Extremisten.

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